06.10.2004 Interview

Durchaus ein Gradmesser

Hagen Liebing im Gespräch mit Theo Gries

Herr Gries, am diesem achten Spieltag steht – in der öffentlichen Wahrnehmung und auch aus Sicht der Fans – der erste Showdown der Saison für Ihr Team an...

Theo Gries: Yesilyurt ist ja schon im Vorfeld der Saison von allen als Spitzenmannschaft ausgewiesen worden und das haben sie bisher eindrucksvoll nachgewiesen. Wir selbst hatten uns eigentlich nach der Niederlage gegen den BFC Dynamo vorgenommen, alle Spiele bis zur Partie gegen Yesilyurt gewinnen zu MÜSSEN. Das geht natürlich nicht im Vorbeigehen, sondern nur mit einer konzentrierten Leistung. Und da haben wir vor zehn Tagen in Wismar einen empfindlichen Dämpfer bekommen, was ganz klar mit der Einstellung zu tun hatte. Die Spieler können sich nicht mit einer eigenen Motivation auf solche Gegner einstellen und während des Spiels ist das so leicht nicht mehr zu korrigieren.

Dabei sind sie sogar eigens einen Tag früher nach Wismar gereist...

Gries: Über einen Privatsponsor konnte das finanziert werden, damit die üblichen Argumente der Spieler nicht greifen: “Wir haben vier Stunden im Bus gesessen...“ und ähnliches. Wir hatten dort eine absolut professionelle Vorbereitung, von der Übernachtung über die Ernährung bis zum Aufwärmen hat alles gepasst, jeder war konzentriert. Nur beim Anpfiff konnte dann nichts von den so umgesetzt werden, wie wir das geplant hatten. Nach dem Spiel war die Erkenntnis dann da, dass man solch ein Spiel gegen einen tief gestaffelten, hochmotivierten Gegner nicht mit Links absolviert. Aber leider nutzt das nichts, weil die Spieler das nicht vorher begriffen haben. Das muss sich einfach festsetzen, dass wir nur zehn Spiele – mit Hin– und Rückspielen - gegen Spitzenmannschaften machen, die 22 anderen Partien gehen aber gegen Mannschaften, die man leicht auch unterschätzen kann. Nicht ich, ich weiß das, aber meine Spieler müssen das in ihrer persönlichen Entwicklung auch umsetzen.

Gegen Yesilyurt wird es dagegen wohl kaum Motivationsprobleme geben, oder?

Gries: So war auch die Aussage einiger jüngerer Spieler, aber so was tut mir weh, weil die Motivation da nur von außen kommt und das dann auf lange Sicht nicht zu dem Ergebnis führen kann, das mir vorschwebt.

Erstmals hat man in dieser Saison die Erwartung, dass zwei ebenbürtige Mannschaft im Mommsenstadion aufeinandertreffen ...

Gries: Das ist am Freitag schon der erste große Gradmesser, das wird ja auch in der „Fuwo“ bereits so präsentiert. Wobei die Partie in Neuruppin eigentlich auch schon diesen Charakter hatte.

Da wirkte die Personalpolitik anlässlich der Pokalspiele am Sonntag beinahe schon wie ein Pokerspiel. Sowohl bei ihrem Kollegen Gündogdu als auch bei TeBe sind entscheidende Spieler geschont worden ...

Gries: Bei uns geschah das ausschließlich aus Verletzungsgründen, und ich gehe mal davon aus, dass auch bei Yesilyurt der eine oder andere angeschlagen ist. Sicher nicht ganz so extrem wie bei uns und auch nicht bei so wichtigen Spielern, aber natürlich muss man dazu auch sagen, dass die Kadergrösse bei Yesilyurt so etwas viel eher kompensieren kann.

Immerhin ist deren Spielmacher Yildiz gelb-rot-gesperrt...

Gries: Ich habe Yesilyurt jetzt zweimal gesehen und es ist ganz klar zu erkennen dass – unabhängig von Yildiz – die Mannschaft einen gepflegten Ball spielt, auf allen Positionen ein Spiel mit entwickeln kann, und das ist ja eigentlich auch die große Qualität, die Yesliyurt im Gegensatz zu vielen anderen Mannschaften hat.

Ist solch ein Gegner nicht dankbar? Ist es nicht schön, nicht immer nur gegen Truppen zu spielen, die lediglich über Kampf und Motivation ins Spiel gehen?

Gries: Ein Gegner, gegen den man gerne spielt, ist das natürlich. Aber unter anderen Voraussetzungen wäre mir das lieber. Wir haben eine extreme Verletzungsproblematik bei Stammspielern wie Peschel, Turgut, Fuß und auch Scheinhardt, das ist natürlich ganz krass.

Dennoch machte ihre Mannschaft am Pokalsonntag gegen Hellas Nordwest nicht den Eindruck, als wollte sie im Schongang spielen...

Gries: Das geht auch nicht. Yesilyurt hat ja sogar gegen einen Bezirksligisten nur einen knappen Sieg erreicht. Man sieht, wie schwer es ist, gegen solche Mannschaften, die ja auch Qualitäten haben und über gute Trainer verfügen. Ich bin froh, das wir das Spiel nicht leichtfertig angegangen sind, aber das musste man auch erwarten nach dem Spiel gegen Wismar.

Am Freitag wird anderthalb Stunden vor Anpfiff die nächste Pokalrunde ausgelost, sind sie schon neugierig, oder können sie bis nach dem Spiel warten, um den nächsten Gegner zu erfahren?

Gries: Ich möchte es nach dem Spiel erfahren. Die letzten zwei, drei Tage vor dem Freitagspiel wird sich bei mir die Anspannung enorm aufbauen. Ich möchte mich ausschließlich auf das Spiel konzentrieren. Ich würde mir aber natürlich wünschen, dass in dieser Saison für uns vielleicht einmal eine Spielpaarung gegen den FC Union dabei wäre. Einfach deswegen, damit man sich nicht immer gegen unterklassige Mannschaft durchsetzen muss, sondern einmal ganz anders gefordert wird. Wichtiger aber ist, am Freitag zu gewinnen. Wenn wir das schaffen, dann kann ich auch mit jedem anderen Los leben.

Dann hoffen wir, dass Ihre Wünsche in beiderlei Hinsicht voll in Erfüllung gehen. Und vielen Dank für das Gespräch.

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