Ein Besuch aus Übersee

Timeline Photos

Tennis Borussia freut sich die Familie von Vereinsgründer Alfred Lesser am Samstag zum Spiel gegen Hansa Rostock II begrüßen zu dürfen.

Tennis Borussia freut sich außerordentlich, dass mit Aaron und Benjamin Marks, (fast) genau 115 Jahre nach der Gründung des Vereins, Ur- und Ur-Urenkel von Tutti und Alfred Lesser zu Besuch im Mommsenstadion sein werden. Zu diesem freudigen Anlass hat unser Vereinshistoriker Jan Buschbom die Geschichte der Lessers noch einmal aufgeschrieben:

Die Gründer

Ike und Alfred. Beide gehörten, 21 und 19 Jahre alt, zu den zwölf jungen Menschen, die am Abend des 9. April 1902 in der Conditorei Schmidt beieinander gesessen hatten, um mit großem Ernst über gemeinsame sportliche Aktivitäten zu verhandeln. „[D]iese Sitzung darf man als eine denkwürdige bezeichnen“, schreibt Ike Böhme 25 Jahre später im ältesten erhaltenen Bericht über die Gründung des Clubs; bevor die Versammlung an diesem Mittwoch gegen 21:00 Uhr die Zelte abbrach, war er zum ersten Vorsitzenden der Berliner Tennis- und Ping-Pong-Gesellschaft „Borussia“ gewählt worden. Anders, als es bei anderen Vereinen üblich ist, wechselt der Funktionsstab des Clubs jährlich, insbesondere wird beim Vorstand darauf geachtet, dass die Posten jährlich rotierend besetzt werden. Das sieht die Satzung zwar nicht ausdrücklich vor, allerdings hat der Verein eine große Zahl an Mitgliedern, die als Heizer der lila-weißen Lokomotive in Anspruch genommen werden können, wie es Dr. Jacques Karp formuliert (selbst einer dieser Lokführer). Richard und Alfred, die beiden Gründungsmitglieder, gehören wie selbstverständlich zu diesem Kreis aus rund 20 Personen, aus dem der Verein in den ersten 30 Jahren seines Bestehens regelmäßig seine Vorstände sowie alle anderen Ämter besetzt. Dass es nicht die eine Person gibt, die über Jahre oder, wie in anderen Vereinen manchmal üblich, über Jahrzehnte de facto wie de jure die Geschicke des Vereins verantwortet, gehört zum bürgerlichen Selbstverständnis der Tennis Borussen.

Aber einer sticht doch hervor. Wenn die Lila-Weißen von unserem Alfred sprechen, verändert sich der Ton. Sie reden zeitlebens voller Hochachtung von Exzellenz, beinahe zärtlich. In der Festschrift von 1927 beschreibt ihn Ernst Roßkopf so:
„Wer könnte die immerwährende Bereitschaft unseres Alfred Lesser vergessen. War das Wetter noch so mies, Alfred war bei uns und mit ihm sein Kometenschwanz. War Geld nötig, Alfred stiftete. Und wer fuhr noch nicht in seinem Auto? Bei Alfred war immer Hilfe und Rat.“

Oder mit den Worten von Walter Lutzenberger, ebenfalls in der Festschrift zum 25jährigen Vereinsjubiläum:
„Alfred Lesser mit der ganzen Beweglichkeit seines Wesens und der schnellen Auffassung gegebener Verhältnisse, die auch den widrigsten Umständen eine gute Seite abzugewinnen weiß und neue Aussichten auf Erfolg eröffnet; …“

Auch Richard Böhme schreibt:
„An dieser Stelle muss der Name Alfred Lesser genannt werden, der die ganze Zeit hindurch der treueste Anhänger unseres Vereins war, und der den Hauptanteil an den Erfolgen hatte.“

Der Modernisierer

Früh sah Lesser auch die Notwendigkeit, nicht nur den sportlichen Betrieb zu modernisieren, sondern insbesondere auch den Verein wirtschaftlich in ruhige Fahrwasser zu bringen. Dazu organisierte er in den 1920er Jahren eine ganze Reihe an prominenten Freundschaftsspielen – Zuschauereinnahmen stellten damals die einzige Einnahmequelle für die Sportvereine dar. Die Begegnungen gegen Hakoah Wien (9.3.1924), Slavia-Prag (28.4.1924), Cardiff-City (14.5.1924), Corinthians FC (12.4.1925) und viele andere in den Folgejahren mehr waren von Alfred Lesser organisiert worden. Sie legten den Grundstein für die Popularität der Berliner Veilchen und den wirtschaftlichen Erfolg. Exzellenz Alfred, wie er im Verein nur genannt wurde, flankierte diese Spiele mit einer ganzen Reihe anderer Maßnahmen, die zur Professionalisierung beitrugen. Auf seine Initiative geht die Gründung der „Propaganda-Abteilung“ zurück (heute würde man Öffentlichkeitsarbeit dazu sagen). Er organisierte zahlreiche öffentlich begangene Feste, Prominenz von Alfred Schönberg bis Hans Albers sorgte dafür, dass Tennis Borussia nicht nur in den Sportteilen der Zeitungen präsent war. Alfred veranlasste, dass u. a. die Box-Ergebnisse abends im Rundfunk verlesen wurden. Auch stellte Konsul Lesser zusammen mit dem Bankier Ernst Salinger den ersten bezahlten Geschäftsführer im deutschen Fußball ein, die Wahl fiel auf den bekannten Journalisten Carl Koppehel. Und nicht zuletzt war sein Schwager Dr. Adolf Wisotzki einer der ersten Sportärzte im deutschen wie internationalen Fußball. Alfred Lesser ist zweifellos einer der wichtigsten Modernisierer des deutschen Fußballs im Kaiserreich und der Weimarer Republik.

Die Flucht

Im April 1933 erklärt „der größte Teil unserer jüdischen Mitglieder ihren Austritt“, so die Formulierung im Protokoll der außerordentlichen Mitgliederversammlung; der Vorsitzende Rüdiger bedauert diesen Schritt, „da sich unter diesen auch einige sehr verdienstvolle Mitglieder befinden“. Die Umstände dieses „Austritts“ lassen sich nicht mehr klären, aber Alfred bleibt auch weiterhin ungebrochen. Er gründet die „Berliner Sportgemeinschaft 1933“, lässt sich ins Präsidium wählen; außerdem ist er im Sportbund Schild aktiv. Wenig wissen wir über das Schicksal von Alfred Lesser, seiner Frau Tutti und ihrem Bruder Adolf nach dem April 1933. Die Lessers hatten in unmittelbarer Nachbarschaft der Synagoge am Siegmundshof 8 gewohnt, die 1939 von der GESTAPO zerschlagen worden war. Laut der Volkszählung 1939 lebten Alfred und Tutti danach in der Klopstockstraße 43. In den 1950er Jahren schrieben Tutti Lesser und Adolf Wisotzki dem Verein eine Reihe an Briefen: Alfred, „wäre er noch am Leben, [wäre] gewiss auch aus New York zu unserem Jubiläum [1952] nach Berlin gekommen.“

Alfred, Tutti und Adolf gelang noch nach 1939 die Flucht in die USA, wie Alfreds Enkelin Monica Fleischmann und ihr Neffe, Alfreds Urenkel, Aaron H. Marks erzählen. Seine diplomatischen Kontakte ermöglichten die erfolgreiche Ausreise noch zu diesem späten Zeitpunkt. „Als Alfred, Tutti und meine Großmutter Eva nach Amerika kamen“, erzählt Aaron, „verfügten sie über nur sehr wenig Geld. Alfred gelang es, einen ‚five and dime store‘ zu eröffnen, in dem er allerlei Kleinkram verkaufte. Sie kamen über die Runden, aber Alfred hat es niemals bewältigt, aus seinem Heimatland vertrieben worden zu sein.“ Er verstarb 1942, nur wenige Jahre nach der Flucht vor den Nazis. „Er liebte Berlin, und er liebte den Club, und es gelang ihm während der wenigen Jahre in Amerika nicht, den Verlust zu verkraften. Er wäre aber sehr stolz auf meine Großmutter Eve gewesen; sie heiratete einen Deutschen und gemeinsam gelang es ihnen, in New York ein erfolgreiches Juwelier-Geschäft zu betreib0n und bestens für meine Tante und meine Mutter zu sorgen.“

Die Familie

Nach dem Krieg schrieben Tutti Lesser und ihr Bruder, Vereinsarzt Wisotzki, lange Briefe nach Berlin. Als die Tennis Borussen vom Tod Alfred erfuhren, würdigte ihn Otto Wiese als den spiritus rector des Vereins: „Es ist schwer, mit Worten darzustellen, was Alfred Lesser für „Tennis-Borussia“ bedeutete. Als Mitbegründer des Vereins, als selbstloser Förderer mit hohen Verdiensten für die Entwicklung des Clubs und als ein selten guter Mensch – so bleibt er uns immer in Erinnerung! Ja, der von ihm begründete Club war ihm wirklicher Lebensinhalt, und so können wir wohl begreifen, wie schwer es ihm wurde, seine geliebte Heimatstadt Berlin verlassen zu müssen und damit den Verein aufzugeben, der ihm so viel bedeutete. Er konnte das nie verwinden; diese schwerste Enttäuschung seines Lebens nagte an ihm und trug wohl auch dazu bei, dass er zu früh abberufen wurde. Wir behalten ihn, unseren Alfred, in treuer Erinnerung!“

Der Verein schickte umgehend ein „kleines Blumengebinde mit Schleife für sein fernes Grab“. Tutti antwortete aus New York City, 60 / West / 31 Street apt. 61:
„Als ich das Paket ausgehändigt bekam und den Absender ‚Tennis Borussia‘ las, wusste ich erst gar nicht so recht, was los ist. Der Postbeamte, der mein perplexes Gesicht sah, wollte mir helfen und sagte: ‚Ein Tennis-Club!‘ Dieses Wort löste den Bann in mir. Ich musste herzlich lachen und erklärte ihm und erklärte ihm, dass es der Name eines Fußballclubs wäre, wofür sie gerade hier ein so großes Verständnis haben. Das begriff er wohl nun nicht so recht, und ich musste ihm und den anderen Beamten, die sich um uns versammelt hatten, gleich vom alten Club berichten.“
In Berlin kommentierten Tuttis Bericht mit einem Wunsch:
„Möge die Schleife, die wir über die Grenzen und Meere in die Ferne sandten, zu einem symbolischen Band werden, das niemand mehr zerschneiden kann.“

Über die Jahrzehnte verlor man sich doch aus den Augen. Umso dankbarer sind wir, mit Aaron und Benjamin Marks den Urenkel und den Ur-Urenkel von Tutti und Alfred Lesser zum Spiel gegen Hansa Rostock II am Samstag, den 15.4., im Mommsenstadion begrüßen zu dürfen!

Herzlich willkommen!

Follow TeBe...

tebe@facebook tebe@twitter tebe@flickr tebe@youtube tebe newsfeed

Partner von TeBe...

Alle Sponsoren