{"id":1115,"date":"2012-03-16T13:30:31","date_gmt":"2012-03-16T12:30:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/?p=1115"},"modified":"2012-08-01T08:52:46","modified_gmt":"2012-08-01T07:52:46","slug":"gesteinigt-haette-man-sie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/gesteinigt-haette-man-sie\/","title":{"rendered":"\u201eGesteinigt h\u00e4tte man Sie\u2026\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Spiele gegen den Club Fran\u00e7ais 1924<\/strong><\/p>\n<p>Freitagabend, 17. Oktober 1924. Ein kleines Gr\u00fcppchen aus Spielern der Tennis Borussia, ihren Betreuern und Berliner Schlachtenbummlern besteigt den Nachtzug Richtung K\u00f6ln, von wo aus es weiter nach Paris geht. Man macht sich auf den Weg zu einem ganz besonderen Spiel: TeBe soll als erste deutsche Mannschaft sechs Jahre nach Kriegsende mit dem Club Fran\u00e7ais gegen einen franz\u00f6sischen Verein antreten.<\/p>\n<blockquote><p>Ein Telegramm Sim Leisers, des alten Internationalen, der in begeisterten Worten den jungen Tennis-Borussen die Schwere und Verantwortung ihres Handelns vor Augen f\u00fchrte, l\u00f6ste vollen Beifall aus.<\/p><\/blockquote>\n<p>Frankreich \u2013 1924 noch immer ein Reizwort. Der <em>Erzfeind<\/em> der Deutschen! Und so ger\u00e4t dieses Fu\u00dfballspiel bereits im Vorfeld zu einem Politikum: Vor allem aus dem s\u00fcddeutschen Raum seien die Veilchen angefeindet worden, berichten die Clubnachrichten. Tennis k\u00f6nne den <em>deutschen Fu\u00dfball<\/em> und die <em>deutsche Art<\/em> <em>nicht w\u00fcrdig vertreten<\/em>, lauten die Vorw\u00fcrfe.<\/p>\n<blockquote><p>Namentlich aus der Gegend, wo ein Liter knorkes Bier 250 Papier-Milliarden kostet, ert\u00f6nten blutr\u00fcnstige T\u00f6ne\u2026<\/p><\/blockquote>\n<p>In der Tat, auf den ersten Blick ist nicht recht ersichtlich, weswegen die Wahl auf die Veilchen f\u00e4llt. Selbst in Berlin ist TeBe trotz des 3:1 Erfolges gegen Hertha BSC vom August 1924 nur die Nummer zwei hinter dem Lokalrivalen aus dem Wedding. Geschweige denn, dass man den amtierenden Deutschen Meister, den N\u00fcrnberger Club, gefragt h\u00e4tte, wie das <span style=\"font-variant: small-caps;\">Sportblatt<\/span> entt\u00e4uscht notiert. Der Verband erkl\u00e4rt die Entscheidung zugunsten der Borussen gegen\u00fcber der <span style=\"font-variant: small-caps;\">Fu\u00dfballwoche<\/span>, man habe die Zustimmung erst gegeben, als man sicher war, eine Mannschaft gefunden zu haben, die nicht nur spielstark sei, sondern sich auch <em>mit Takt und verst\u00e4ndnisvollem Auftreten<\/em> in Paris auszeichnen werde.<\/p>\n<p>Bevor an die Ausrichtung des Spiels zu denken ist, m\u00fcssen intensive Verhandlungen gef\u00fchrt werden. Der DFB beharrt darauf, dass der franz\u00f6sische Verband eine offizielle amtliche Erkl\u00e4rung herausgibt, <em>nach welcher er seinen Vereinen den Verkehr mit deutschen Vereinen freigab<\/em>. Selbst die deutsche Botschaft in Paris schaltet sich in die Gespr\u00e4che, damit das Spiel stattfinden kann.<\/p>\n<p>Doch trotz der aufgeladenen Atmosph\u00e4re bleibt die lila-wei\u00dfe Reisegesellschaft heiter. Rund 300 Berliner verabschieden die Mannschaft am Bahnhof Friedrichstra\u00dfe: <em>Hipp Hipp Hurra!<\/em> Kaum im Zug, macht die erste Cognacflasche ihre Runde, Zigarren werden gequalmt, Skatgruppen gebildet (Aute Weber beschummelt TeBe-Vorsitzenden Ulrich R\u00fcdiger), es wird gesungen und mit den mitreisenden Damen gesch\u00e4kert. Am Abend bekommt <em>Onkelchen<\/em> Ansbach, ein Borusse im Kleinkindalter, eine <em>wohlgezielte<\/em> Morphium-Spritze, um den Schlaf der anderen Veilchen nicht zu st\u00f6ren. Es war <em>scheinbar nicht genug, denn von 4 Uhr ab st\u00f6rt Onkelchen der Nachbarn Ruh\u2018, aber schlie\u00dflich m\u00fcssen wir alle ja mal aufstehen. Die Damen sind mit zuerst auf der Bildfl\u00e4che, guten Morgen, guten Morgen, noch einmal etwas Puder aufs Gesicht und man ist in K\u00f6ln.<\/em><\/p>\n<p>Umsteigen nach Paris. Peco Bauwens, Pr\u00e4sident des DFB von 1950 bis 1962, hat, <em>an dieser Stelle Dank daf\u00fcr<\/em>, <em>uns einen Wagen reservieren lassen.<\/em> Als der Zug schlie\u00dflich im Gare du Nord einrollt, macht sich Aufregung bemerkbar: Staunend beschreibt Carl Koppehel in der <span style=\"font-variant: small-caps;\">FuWo<\/span> seine ersten Eindr\u00fccke. Die vielen Autos \u2013 <em>un\u00fcbertrieben Hunderte von Autos! \u2013<\/em>, Ampelanlagen, die in Berlin noch unbekannt sind, \u00fcberraschen die Berliner ebenso wie das Pariser Essen, dessen Portionen f\u00fcr den Berliner Geschmack viel zu klein sind, und die zahlreichen Freuden des Nachtlebens. Jack Karp notiert \u00fcber die Recherchen eines Journalisten:<\/p>\n<blockquote><p>Die einzelnen Entdeckungsreisen sollen die mannigfaltigsten Ergebnisse gehabt haben. Immerhin war es mir interessant festzustellen, dass der Berichterstatter des <span style=\"font-variant: small-caps;\">Rasensport<\/span> seine Eindr\u00fccke nicht nur auf dem Sportplatz, sondern auch auf dem Montmartre sammelt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Sonntag, der 19. Oktober 1924, in der Buffalobahn, der ersten \u00fcberdachten Zementradrennbahn der Welt. Unter Leitung des Trainers Otto Nerz, der erst am Vormittag aus London nach Paris anreist, laufen die Veilchen vor rund 15.000 Zuschauern im Stadion auf: Patrzek im Tor, die St\u00fcrmer Schr\u00f6der, Passan, Thei\u00df, Raue, Reiff, die Mittell\u00e4ufer Eschenlohr, Lux, Gl\u00e4ser und die Verteidiger Weinert und Brunke. Die Mannschaften tauschen die Wimpel, dann der Anpfiff.<\/p>\n<p>Von Beginn an ist Tennis dr\u00fcckend \u00fcberlegen. Drei Freist\u00f6\u00dfe der Veilchen gehen \u00fcber das franz\u00f6sische Netz bevor eine sch\u00f6ne Kombination \u00fcber Schr\u00f6der und Passan auf Thei\u00df zum 1:0 f\u00fchrt. Danach kommen die Franzosen \u00fcber den rechten Fl\u00fcgel besser ins Spiel, bis Schr\u00f6der nach einem Durchmarsch in der 36ten Minute zum 2:0 erh\u00f6ht. Pause. Sofort nach Wiederanpfiff ger\u00e4t die Verteidigung der Franzosen erneut ins Schwimmen, kann einen Angriff der Berliner nur m\u00fchsam zur Ecke abf\u00e4lschen. Wieder gelingt es der Pariser Equipe kurzzeitig, das Spielgeschehen st\u00e4rker in die Berliner H\u00e4lfte zu verlagern, doch ein gl\u00e4nzend aufgelegter Conni Patrzek verhindert den Anschlusstreffer. Dann ein schneller Angriff von Raue zu Schr\u00f6der: 3:0. Als kurz vor Abpfiff ein Pariser St\u00fcrmer allein vor dem Berliner Tor auftaucht, kann der Keeper der Lila-Wei\u00dfen den Schuss aus zehn Metern nicht halten, 3:1, der Ehrentreffer ist geschafft. Nach dem Ende einer fairen Partie ist die Verwunderung \u00fcber das Pariser Publikum, das feiert, als h\u00e4tte gerade die eigene Mannschaft gewonnen, fast gr\u00f6\u00dfer als die Freude \u00fcber den verdienten Sieg. Insbesondere Hermann Lux und Conni Patrzek erhalten f\u00fcr ihre Leistungen rauschenden Applaus.<\/p>\n<p>Genau einen Monat sp\u00e4ter trifft die Pariser Mannschaft zum R\u00fcckspiel im Moabiter Poststadion am 19.11.24 ein. Unter dem Eindruck der Niederlage in Paris verst\u00e4kt sich der Club Fran\u00e7ais um Spieler der Vereine Olympique Paris und Red Star Paris. Allein, es hilft alles nichts. Vor 6.000 Zuschauern beweisen die Borussen erneut ihre \u00dcberlegenheit und siegen 5:1 eher zu knapp als zu hoch, weil zahlreiche Hundertprozentige vert\u00e4ndelt werden, wie einige Presseberichterstatter monieren. Wie schon in Paris feiert man nach dem Spiel zusammen mit den Franzosen ein Bankett. Und bevor gegen 1:00 Uhr morgens die Veranstaltung aufgelost wird, gibt der offizielle Vertreter des DFB, Linnemann &#8212; DFB-Pr\u00e4sident von 1925 bis 1945&#8211;, den Tennis Borussen mit auf den Weg:<\/p>\n<blockquote><p>Gro\u00df und gef\u00e4hrlich war das Unternehmen, und, meine Herren, seien Sie \u00fcberzeugt, so gro\u00df die allgemeine Sympathie nach dem Gelingen heute ist, gesteinigt h\u00e4tte man Sie, w\u00e4re der Verlauf ein anderer geworden.<\/p><\/blockquote>\n<p class=\"feature\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Spiele gegen den Club Fran\u00e7ais 1924 Freitagabend, 17. Oktober 1924. Ein kleines Gr\u00fcppchen aus Spielern der Tennis Borussia, ihren Betreuern und Berliner Schlachtenbummlern besteigt den Nachtzug Richtung K\u00f6ln, von wo aus es weiter nach Paris geht. 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