{"id":1223,"date":"2012-03-30T23:42:47","date_gmt":"2012-03-30T22:42:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/?p=1223"},"modified":"2012-04-09T19:55:47","modified_gmt":"2012-04-09T18:55:47","slug":"auch-eine-tradition","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/auch-eine-tradition\/","title":{"rendered":"Auch eine Tradition"},"content":{"rendered":"<p><strong>25 Jahre Tennis Borussia<\/strong><\/p>\n<p>Was machen Fu\u00dfballfans, wenn es sportlich einmal nicht so gut l\u00e4uft? Richtig, sie feiern sich selbst:<\/p>\n<blockquote><p>Wir gehen voran<br \/>\nals euer zw\u00f6lfter Mann,<br \/>\nbei Hagel und Wind,<br \/>\nbei Regen und Schnee,<br \/>\nLila-wei\u00dfe allez.<\/p><\/blockquote>\n<p>Im Sommer 1927 klingt das <em>Fu\u00dfballlied <\/em>so:<\/p>\n<blockquote><p>Regen und Schnee und Sturmgebraus<br \/>\nhalten niemals uns zu Haus!<\/p><\/blockquote>\n<p>Und dabei hatte alles so sch\u00f6n angefangen. Am 9. April 1927 wurde der Berliner Tennis-Club \u201eBorussia\u201c 25 Jahre alt. Doch anstatt das Jubil\u00e4um mit <em>festlichem Gepr\u00e4nge <\/em>zu begehen werden eine Festschrift verfasst und Artikel f\u00fcr die Club-Nachrichten. Man h\u00e4lt R\u00fcckschau wie Jacques Karp:<\/p>\n<blockquote><p>Am 9. April 1902 setzte sich eine erlesene Schar sportfreudiger J\u00fcnglinge zusammen und gr\u00fcndete die Berliner Tennis- und Ping-Pong-Gesellschaft \u201eBorussia\u201c.<\/p><\/blockquote>\n<p>Man gedenkt der Freunde, die im ersten Weltkrieg fielen:<\/p>\n<blockquote><p>Schwere Jahre voller Sorge um die unmittelbar Beteiligten, von denen viele gefallen sind, denken wir an Markus Schmidt, Alfred Kaiser, Hugo S\u00f6mmering und wie sie alle hei\u00dfen die Lieben, die uns j\u00e4h entrissen wurden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Schaudernd kuckt man auf alte K\u00e4mpfe, nach dem Krieg, als <em>aus der gro\u00dfen Familie Kliquen<\/em> wurden<em> mit sich befehdenden Str\u00f6mungen und Tendenzen, der Ruhm wuchs, doch das Herz wurde k\u00fchler<\/em>.<\/p>\n<p>Mit offenem Visier werden, etwa von Willi Braubach, aktuelle K\u00e4mpfe angenommen. Die Frage nach der Bedeutung des Geldes f\u00fcr den Sport treibt (immer noch) um, denn um im sportlichen <em>Wettbewerb mit den anderen Vereinen bestehen <\/em>zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen Verpflichtungen eingegangen werden, <em>deren H\u00f6he in gar keinem Verh\u00e4ltnis zu <\/em>finanziellen<em> Leistungsf\u00e4higkeit der Vereine steht.<\/em> Harsche Kritik an den Verb\u00e4nden macht sich Luft, die nur an die eigenen Finanzen denken, die Zw\u00e4nge aber, denen sich die Vereine ausgesetzt sehen, geflissentlich \u00fcbersehen. Dazu tritt eine Auffassung vom Sport, die jeder Vernunft spottet:<\/p>\n<blockquote><p>Wir leben heute in einer Zeit, in der so viel von Rationalisierung gesprochen wird. Der Sportbewegung sind derartige Gedankeng\u00e4nge vollkommen fremd geblieben. M\u00f6glichst viel Vereine mit m\u00f6glichst wenig Mitgliedern und m\u00f6glichst hohen Schulden ist hier der Grundsatz.<\/p><\/blockquote>\n<p>Bei solchen Untiefen darf man sich auch einmal auf die Schultern klopfen \u2013 und das eigene, etwas andere Milieu feiern. Carl Koppehel:<\/p>\n<blockquote><p>Tennis-Borussia galt als Pionier des Sportgedankens eigener Art. In seiner Werbearbeit wandte sich der Klub an Kreise, die andere freilie\u00dfen, die zu gewinnen aber ein dankbares Feld und ein wertvolles Beginnen war.<\/p><\/blockquote>\n<p>Namentlich die Rekrutierung von Nachwuchs in den liberalen, (gro\u00df)b\u00fcrgerlichen Schulen f\u00fchrt nicht nur zu einer erfolgreichen Akademikerabteilung, sondern zur Akademisierung des Sports selbst. Der methodische Blick wendet sich dem Sport zu und erkennt rasch Notwendigkeiten, die anderswo mit einem Achselzuckel abgetan werden. Richard Girulatis gilt als einer der ersten Trainer im deutschsprachigen Sport. Wie sein Nachfolger als Trainer der Veilchen, Otto Nerz, lehrt er an der 1920 gegr\u00fcndeten Deutschen Hochschule f\u00fcr Leibes\u00fcbungen. Carl Koppehel ist einer der ersten bezahlten Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer, und Dr. Adolf Wisotzki einer der ersten Sport\u00e4rzte im deutschen Fu\u00dfball.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich d\u00fcrfen die Spezialisten anl\u00e4sslich des ersten Vierteljahrhunderts der Berliner Veilchen in der Festschrift auch ein wenig fachsimpeln. Reichstrainer Nerz widmet sich einer Herzensangelegenheit: <em>Man kann auch ohne Alkohol gem\u00fctlich sein.<\/em> Dr. Wisotzki erteilt dem <em>Sportarzt das Wort<\/em>, und streift alle relevanten Themengebiete: der <em>Aufgabe des Sportarztes<\/em>, <em>Sport<\/em> <em>und Hygiene<\/em> und, last not least, den <em>Verletzungen auf dem Fu\u00dfballfelde und erste Hilfe bei Ungl\u00fccksf\u00e4llen<\/em>. Im letzten Satz seiner Ausf\u00fchrungen markiert ein Wort den Unterschied, der bald ein t\u00f6dlicher sein wird:<\/p>\n<blockquote><p>Denn dadurch wird es m\u00f6glich sein, statt Krankenh\u00e4user Spiel- und Sportpl\u00e4tze zu bauen und eine gesunde und kr\u00e4ftige Menschheit herauszubilden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Nicht Volk, schon gar nicht Rasse, sondern eben <em>Menschheit<\/em>.<\/p>\n<p>Der eigentliche Festakt zum 25j\u00e4hrigen wird auf dem Rasen ausgetragen. Mit einem Jubil\u00e4umsturnier, wie es sich geh\u00f6rt. Allerdings erst Monate sp\u00e4ter, weil die Ligapause von M\u00e4rz bis Juli f\u00fcr zuschauer- und damit einnahmetr\u00e4chtige Freundschaftsspiele<em> <\/em>gegen attraktive Mannschaften aus dem In- und Ausland reserviert ist.<\/p>\n<p>Samstag, 13. August. Die Veilchen treten gegen den amtierenden holl\u00e4ndischen Meister Heracles-Almelo an und siegen 8:1. Der Dresdner SC besiegt Viktoria 4:2.<\/p>\n<p>Sonntag, 14. August. Viktoria schl\u00e4gt Heracles-Almelo 7:1, und der DSC die Tennis Borussen 5:0.<\/p>\n<p>Eine einzige Entt\u00e4uschung! Einmal weil das Berliner Publikum vom sportlichen Dauerbetrieb \u00fcbers\u00e4ttigt ist, und nur 7.000 sowie 10.000 Zuschauer das Jubil\u00e4umsturnier sehen wollen.<\/p>\n<p>Zum anderen: Heracles-Almelo!<\/p>\n<blockquote><p>Heracles-Almelo! Die gro\u00dfe Entt\u00e4uschung! Erwartete man von ihnen auch nichts besonderes bez\u00fcglich der Spielkultur, so hoffte man doch, sie w\u00fcrden als holl\u00e4ndischer Meister \u201eholl\u00e4ndisch\u201c spielen, schnell, voller Energie, mit st\u00e4rkster Konzentration auf den Erfolg. Aber sie zeigten auch davon nur sehr wenig, konnten nicht viel zeigen, weil die technischen und taktischen Grundlagen gar zu gering waren. Die Achtung, deren sich Hollands Nationalmannschaft erfreut, l\u00e4sst uns diesen Meister als R\u00e4tsel erscheinen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und Tennis? Auch das eine Tradition:<\/p>\n<blockquote><p>Unserer Tradition getreu vermochten wir auch hier den ersten Platz nicht zu erreichen, mussten diesen vielmehr den besseren Dresdner Sportklub \u00fcberlassen. Wir waren insofern nicht traditionsgem\u00e4\u00df, als wir den uns bisher immer reservierten 2. Platz an die gleichfalls Besseres als wir leistende Viktoria abtraten; uns blieb der \u201eehrenvolle\u201c 3. Platz vor Heracles-Almelo.<\/p><\/blockquote>\n<p>Was solls:<\/p>\n<blockquote><p>Regen und Schnee und Sturmgebraus<br \/>\nhalten niemals uns zu Haus!<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"25 Jahre Tennis Borussia Was machen Fu\u00dfballfans, wenn es sportlich einmal nicht so gut l\u00e4uft? Richtig, sie feiern sich selbst: Wir gehen voran als euer zw\u00f6lfter Mann, bei Hagel und Wind, bei Regen und Schnee, Lila-wei\u00dfe allez. Im Sommer 1927 klingt das Fu\u00dfballlied so: Regen und Schnee und Sturmgebraus halten niemals uns zu Haus! 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