{"id":1696,"date":"2012-11-12T19:55:48","date_gmt":"2012-11-12T18:55:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/?p=1696"},"modified":"2013-05-25T09:21:28","modified_gmt":"2013-05-25T07:21:28","slug":"das-also-sind-die-veilchen-vom-mommsenstadion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/das-also-sind-die-veilchen-vom-mommsenstadion\/","title":{"rendered":"Das also sind die Veilchen vom Mommsenstadion"},"content":{"rendered":"<p>Willkommen in den 1950ern! Aus 85.000 Kehlen donnert der alte Schlachtruf, <em>Ra! Ra! Ra! Borussia!,<\/em> ins Rund des Olympiastadions, wo derweil elf Herren in lila-wei\u00dfen Trikots einlaufen:<\/p>\n<p>Im Tor<\/p>\n<p>Karl-<em>Heinz <strong>Steinbeck<\/strong>, \u201eBubi\u201c genannt, 1,85 gro\u00df, 32 Jahre alt. \u2026 Gelingt ihm die erste Abwehr gut, dann unterl\u00e4uft ihm im Rest der Spielzeit kaum ein Fehler.<\/em><\/p>\n<p>Verteidigung<\/p>\n<p><em>Heinz <strong>Warstat<\/strong>, auch 32 Jahre alt \u2026 Der Staakener wird oft als Achillesverse der Meisterelf bezeichnet. Harte Kritik raubte ihm offenbar das Vertrauen zur eigenen Leistung. \u2026<\/em><\/p>\n<p><em>Den Damen sei gesagt: Warstats Nebenmann Kurt <strong>Podratz<\/strong> ist k e i n Italiener. Er sieht nur so aus und man nennt ihn so, wegen seines s\u00fcdl\u00e4ndischen Temperaments. In Wirklichkeit stammt Podratz aus Pommern, z\u00e4hlt auch 32 Lenze \u2026 und ist privat Inhaber zweier Konfektions-Gesch\u00e4fte.<\/em><\/p>\n<p>L\u00e4ufer<\/p>\n<p>Heinz<em> <strong>Hausmann<\/strong> \u2026 kam sp\u00e4t aus der Gefangenschaft nach Berlin zur\u00fcck. Er schloss sich TeBe an und ist dort ein n\u00fctzlicher, flei\u00dfiger Spieler geworden. \u2026<\/em><\/p>\n<p><em>Rudolf <strong>Junik<\/strong> \u2026, den man eigentlich nur als \u201ePepi\u201c kennt, ist Berlins zuverl\u00e4ssigster Auswahlspieler der Nachkriegszeit. Ein hervorragender St\u00fcrmer und ein treffsicherer Elfmetersch\u00fctze, die S\u00e4ule in der guten TeBe-Abwehr. \u2026<\/em><\/p>\n<p><em>Mit knapp 25 Jahren z\u00e4hlt Erich <strong>Wittig<\/strong> zu den j\u00fcngsten Spielern des Meisters. Er ist der Mann mit der gr\u00f6\u00dften Zukunft\u2026<\/em><\/p>\n<p>Sturm<\/p>\n<p><em>Der kleine Kurt <strong>Manthey<\/strong> (1,68) bew\u00e4hrte sich bereits als Verteidiger, L\u00e4ufer und St\u00fcrmer \u2026, ein rasanter Au\u00dfenst\u00fcrmer, erst 23 Jahre alt, als Amateur Anw\u00e4rter auf einen Posten in der Olympia-Mannschaft.<\/em><\/p>\n<p><em>Gerhard <strong>Graf<\/strong>, 30 Jahre alt, fast 50mal repr\u00e4sentativ f\u00fcr Berlin, ein eleganter Techniker mit gutem Torinstinkt, schnell, beweglich und daher schwer zu decken.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Das Idol der Berliner Jugend, Berlins popul\u00e4rster Spieler der Gegenwart, dreimal international, siebenmal in der deutschen Auswahlelf, \u00fcber 65mal repr\u00e4sentativ f\u00fcr Berlin und achtmal f\u00fcr K\u00f6nigsberg, das ist nat\u00fcrlich Hanne B e r n d t. <\/em><\/strong><em>38 Jahre wird Berndt im Oktober, wer ihn kennt, h\u00e4lt es nicht f\u00fcr m\u00f6glich. Fast 1.000 Tore schoss er in seiner Laufbahn\u2026<\/em><\/p>\n<p><em>Horst <strong>Schmutzler<\/strong>. Ein ideenreicher Halbst\u00fcrmer mit dem Sinn f\u00fcr schnellen Kombinationsfu\u00dfball und gutem Torinstinkt\u2026<\/em><\/p>\n<p><em>Fritz <strong>Wilde<\/strong>. Einst das \u201eenfant terrible\u201c des Berliner Fu\u00dfballs, reifte Wilde in der Fremde. Ein Routinier des gr\u00fcnen Rasens, der Schrecken aller Verteidiger.<\/em><\/p>\n<p>Reserve:<\/p>\n<p><em>Studenten-Nationalspieler <\/em>Erwin<em> <strong>Schadow <\/strong>und der Allesk\u00f6nner Kurt <strong>Schl\u00e4ger<\/strong> stehen in der Reserve. Nicht zu vergessen Gerhard \u201eEtte\u201c <strong>Haberstroh<\/strong>, den eine t\u00fcckische Krankheit auf das Krankenbett warf.<\/em><\/p>\n<p><em>Das also sind die \u201eVeilchen vom Mommsenstadion\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Pfingstsonntag, 13. Mai 1951, 15:00 Uhr. Schiedsrichter Skuballa (Hamburg) pfeift zum Spiel gegen den 1. FC aus N\u00fcrnberg an. Sieben nationale Titel schlagen den N\u00fcrnbergern bis dato zu Buche. Nun gegen TeBe in die Vorrunde zur Meisterschaft 1950\/51. F\u00fcr den Club ist es das 75te Spiel um den Titel! Erstmals wird nicht mehr nach dem K.o.-, sondern nach einem Punktsystem der Meister ermittelt. Gespielt wird in zwei Gruppen der westdeutschen Oberligen und der Berliner Stadtliga. Den Lila-Wei\u00dfen wird allenfalls eine Au\u00dfenseiterchance einger\u00e4umt. Aber Trainer Herrmann Lux, als <em>Herrmann der Eiserne<\/em> selbst ein Berliner Fu\u00dfballidol, hat seine Gew\u00e4chse bestens gepflegt. Dem HSV hatten die Veilchen soeben ein achtbares 3 zu 2 abgetrotzt (eine Woche zuvor, am 6. Mai). Trotz der Niederlage attestierten die Zuschauer den Berlinern ein gro\u00dfartiges Spiel. <em>Wenn TeBes Sturm so zwingend spielt wie in der ersten H\u00e4lfte gegen den HSV und etwas mehr Schussgl\u00fcck aufweisen kann, so hat auch die starke Hintermannschaft des \u201eClubs\u201c \u2026 nichts zu lachen. <\/em>Alle rechnen mit einem hart umk\u00e4mpften Spiel, schlie\u00dflich geht es f\u00fcr beide Parteien darum, sich ernsthafte Chancen auf die Meisterschaft zu wahren. Denn auch die <em>Glubberer<\/em> hatten in der Vorwoche 1:2 gegen Preu\u00dfen M\u00fcnster verloren. Heute haben die Lila-Wei\u00dfen hingegen die Chance, ihre Bilanz gegen die Roten auszugleichen: Zwei Unentschieden, ein Sieg, zwei Niederlagen seit dem ersten Zusammentreffen am 2. August 1925.<\/p>\n<p>15:02 Uhr und 15:03 Uhr: Unmittelbar nach Anpfiff. Bubi Steinbeck l\u00e4sst sich von der Kulisse nicht Bange machen und rettet innert einer Minute gleich zweimal vor einem fr\u00fchen R\u00fcckstand, <em>weil<\/em> <em>er sich zun\u00e4chst Morlock und dann Brenzke tollk\u00fchn entgegen warf, den Ball zu fassen bekam und damit die Gefahr bannte. <\/em>Der Club in der Anfangsphase \u00fcberlegen, kann jedoch im Vergleich zu <em>Clubmannschaften vergangener Tage<\/em> nicht hundertprozentig \u00fcberzeugen. <em>Pers\u00f6nlichkeit alten Stils war lediglich Baumann, der sich durch seine zu sehr aufs \u201eUmhauen\u201c abgestellte Art alle Sympathien verscherzte.<\/em> Aber als er sich an Berndt vergreifen will, <em>der bekanntlich auch nicht ohne ist<\/em>, zieht er endlich <em>einmal den<\/em> <em>k\u00fcrzeren<\/em> <em>und humpelte von der 11. bis 15. Minute auf Linksau\u00dfen.<\/em> Angesprochen auf sein hartes <em>Einsteigen<\/em>, wird Baumann sp\u00e4ter trotzig sagen:<\/p>\n<blockquote><p>Im \u00dcbrigen sollen die Zuschauer nicht glauben, dass ein alter, erfahrener Spieler durch Pfiffe aus der Ruhe gebracht werden kann.<\/p><\/blockquote>\n<p>Baumann ist auch an einem weiteren Aufreger beteiligt. 26. Minute: <em>gleich zwei Borussen, Berndt und Schmutzler, <\/em>werden im Strafraum gelegt. Beherzt zeigt der wackere Schiri Skuballa auf den Elfmeterpunkt. Jetzt schl\u00e4gt Vollstrecker Grafs Stunde. Aber, herrje! <em>Sonst unfehlbar, schob Graf diesmal, statt wie gewohnt voll zu schie\u00dfen, das Leder so schlapp und unplaciert, dass Schaffer halten konnte <\/em>(siehe Titelbild).<\/p>\n<p>Los jetzt hier! 30. Minute: Hotte Schmutzler schlenzt sch\u00f6n an den Innenpfosten, und das Spielger\u00e4t wird nur vom Netz gebremst: 0:1! 0:1? Zu fr\u00fch gefreut, <em>Hanne Berndt, der fast auf der Linie mit schnellem Spreizsprung dem Ball Platz gemacht hatte, <\/em>steht <em>abseits.<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_1703\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2012\/11\/1FCN\u00fcrnberg_vs_TeBe_3zu2_30Min_13_Mai_1951.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1703\" class=\"size-full wp-image-1703 \" title=\"1FCN\u00fcrnberg_vs_TeBe_3zu2_30Min_13_Mai_1951\" alt=\"\" src=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2012\/11\/1FCN\u00fcrnberg_vs_TeBe_3zu2_30Min_13_Mai_1951.jpg\" width=\"840\" height=\"561\" srcset=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2012\/11\/1FCN\u00fcrnberg_vs_TeBe_3zu2_30Min_13_Mai_1951.jpg 840w, https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2012\/11\/1FCN\u00fcrnberg_vs_TeBe_3zu2_30Min_13_Mai_1951-620x414.jpg 620w, https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2012\/11\/1FCN\u00fcrnberg_vs_TeBe_3zu2_30Min_13_Mai_1951-100x66.jpg 100w\" sizes=\"auto, (max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1703\" class=\"wp-caption-text\">30. Minute zu fr\u00fch gejubelt. Skuballa (Pfeil) entschied Abseits. Foto: unbekannt; Archiv Buschbom.<\/p><\/div>\n<p>35. Minute: Die Veilchen spielen sich in einen Rausch. Berndt k\u00f6pft eine m\u00e4chtige Flanke Richtung Tor. Gleich drei N\u00fcrnberger verteidigen. Sippel, Baumann und Schaffer landen gemeinschaftlich im Netz. Der Ball auch. 1:0 f\u00fcr die Tennis Borussen! <em>Ra! Ra! Borussia!<\/em><\/p>\n<p>Nur vier Minuten sp\u00e4ter klebt <em>\u201eKeule\u201c<\/em> Podratz das Pech an den H\u00e4nden, <em>bei einem seiner ber\u00fchmten Bodenrutscher sprang ihm das Leder an den Arm<\/em>, der Unparteiische entscheidet auf Hand,<em> und gegen Brenzkes bekannte Elfmeter-Bombe war auch der t\u00fcchtige Steinbeck machtlos.\u00a0<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_1705\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2012\/11\/1FCN\u00fcrnberg_vs_TeBe_3zu2_40Min_13_Mai_1951.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1705\" class=\"size-full wp-image-1705 \" title=\"1FCN\u00fcrnberg_vs_TeBe_3zu2_40Min_13_Mai_1951\" alt=\"\" src=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2012\/11\/1FCN\u00fcrnberg_vs_TeBe_3zu2_40Min_13_Mai_1951.jpg\" width=\"840\" height=\"565\" srcset=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2012\/11\/1FCN\u00fcrnberg_vs_TeBe_3zu2_40Min_13_Mai_1951.jpg 840w, https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2012\/11\/1FCN\u00fcrnberg_vs_TeBe_3zu2_40Min_13_Mai_1951-620x417.jpg 620w, https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2012\/11\/1FCN\u00fcrnberg_vs_TeBe_3zu2_40Min_13_Mai_1951-100x67.jpg 100w\" sizes=\"auto, (max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1705\" class=\"wp-caption-text\">40. Min. Skuballa entschied auf Elfmeter, Brenzke vollstreckt mit placiertem Flachschuss in die rechte Ecke. Es steht 1:1. Foto: unbekannt; Archiv: Buschbom.<\/p><\/div>\n<p>40. Minute: Mit dem Ausgleich wird das Spiel wieder taktischer. Torsch\u00fctze Brenzke spielt<em> \u00fcbrigens sehr klug, <\/em>verlagert sein Spiel ins Mittelfeld und <em>entzieht<\/em> <em>sich <\/em>so <em>dem Zugriff des eisenharten Junik<\/em>, ist <em>aber wieder vorn, wenn man beim Club zum Angriff <\/em>bl\u00e4st. Und so kommt es, dass sich alle Beteiligten mit <em>einem<\/em> <em>1:1 f\u00fcr die ersten 45 Minuten vertraut <\/em>machen. Doch dann gelingt <em>dem<\/em> <em>sonst nicht besonders auffallenden Winterstein aus sechzehn Metern ein Volleyschuss in den Dreiangel, f\u00fcr den gegen die Sonne ohne M\u00fctze haltenden Steinbeck nicht zu erreichen.<\/em> 2 zu 1 f\u00fcr die N\u00fcrnberger.<\/p>\n<p>Halbzeit. Seit der W\u00e4hrungsreform am 20. Juni 1948 zahlen die Westdeutschen mit der Deutschen Mark. Die Luftbr\u00fccke konnte am 12. Mai 1949 wieder aufgehoben werden, am 23. Mai 1949 trat das Grundgesetz in Kraft, und am 14. August 1949 wurde Konrad Adenauer zum ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik gew\u00e4hlt. Im Oktober 1949 folgte die Gr\u00fcndung der DDR mit Wilhelm Pieck an der der Spitze. Im Mai 1951 ist bereits der gr\u00f6\u00dfte Teil der Gelder aus dem Marshall-Plan an die Bundesrepublik geflossen, bis Ende 1952 werden es \u00fcber 1,4 Milliarden US Dollar sein. Mit diesem Geld m\u00fcndet die Aufr\u00e4umarbeit der Tr\u00fcmmerfrauen in einen Aufschwung, den die Deutschen als \u201eihr\u201c Wirtschaftswunder feiern. Wohlstand und Modernit\u00e4t hatten bereits 1949 das Vorkriegsniveau erreicht, und das Realeinkommen einer durchschnittlichen Arbeiterfamilie war schon 1950 h\u00f6her als vor dem Krieg. Doch der Boom soll erst einige Jahre sp\u00e4ter richtig an Fahrt gewinnen. Noch liegt 1951 die Arbeitslosenquote bei rund 10 Prozent, aber schon im Dezember 1955 wird das erste Anwerbeabkommen (mit Italien) geschlossen werden, weil der Arbeitsmarkt den Bedarf der boomenden Wirtschaft, insbesondere im Niedriglohnsektor, nicht mehr befriedigen kann. 1960 wird sich der Export gegen\u00fcber 1951 nahezu verf\u00fcnffacht haben, und das Bruttosozialprodukt verdreifacht.<\/p>\n<p>Kurz vor Wiederanpfiff. Zwei Tage bevor die Veilchen sich den N\u00fcrnbergern stellen, ziehen die Deutschen einen Schlussstrich. Am Freitag, den 11. Mai 1951, wird das <em>Entnazifizierungsschlussgesetz<\/em> verk\u00fcndet. Damit ist f\u00fcr Parteimitglieder der NSDAP und Funktion\u00e4re des Dritten Reichs der Weg in den \u00f6ffentlichen Dienst wieder frei. Viele Deutsche hatten die Entnazifizierung als Dem\u00fctigung empfunden, sie wollen zur\u00fcck zur Tagesordnung, den neuen Wohlstand genie\u00dfen, stolz sein. Aber worauf?<\/p>\n<p>Die Deutschen befinden sich nach dem Krieg in einer tiefen Identit\u00e4tskrise. <em>Aufgabe des Fu\u00dfballs ist es, Nationalismus in Folklore zu verwandeln<\/em>, wird Wolfgang Neuss, Kabarettist, Schauspieler, Musiker, Tennis Borusse, sp\u00e4ter einmal feststellen. Dar\u00fcber mag mit dem Abstand mehrerer Dekaden trefflich gestritten werden k\u00f6nnen. Doch fu\u00dft diese Beobachtung unmittelbar auf den Erlebnissen w\u00e4hrend solcher sportlichen Gro\u00dfereignisse, als, wie an diesem 13. Mai, 85.000 Zuschauer die Veilchen im Kampf um die Deutsche Meisterschaft sehen wollen. Im Olympiastadion, in dem die Nationalsozialisten 1936 mit dem sportlichen Gro\u00dfereignis <em>Olympiade<\/em> der Welt Friedfertigkeit und Harmlosigkeit vorgaukeln wollten \u2013 eine infame Propagandainszenierung, gegen die der Tennis Borusse Erich Seelig aus dem amerikanischen Exil vehement seine Stimme erhoben hatte. Jener Ort, von dem Hans Rosenthal schreibt, er habe eine <em>Mischung aus Triumph und Gruseligkeit, Abscheu und Behagen <\/em>empfunden, als er w\u00e4hrend einer der Aufstiegsrunden der 1970er Jahre in der Ehrenloge Platz genommen hatte, <em>genau auf dem Platz, den Hitler eingenommen hatte, als er 1936 die Welt zu den Olympischen Spielen empfing. <\/em><\/p>\n<blockquote><p>Der w\u00fcrde sich im Grabe herumdrehen, dachte ich mir, wenn er w\u00fcsste, dass auf seinem Platz der kleine Hans Rosenthal sitzt\u2026<\/p><\/blockquote>\n<p>Nun sind sie \u00a0wieder hier und jubeln. Doch diesmal ist es nicht der <em>F\u00fchrer<\/em>, dem die Massen zujubeln, es sind die <em>Veilchen vom Mommsenstadion<\/em>, mit denen sie fiebern. Aber die Erinnerung an die Masseninszenierungen der Nazis ist noch frisch, und der Vergleich dr\u00e4ngt sich besonders hier, im Olympiastadion, auf: Das Fu\u00dfballstadion, will Neuss sagen, ist ein Ort, wo all die emotionalen Bed\u00fcrfnisse und Sentiments unverf\u00e4nglich ausgelebt werden k\u00f6nnen, die in die von den Deutschen begangene Katastrophe gef\u00fchrt hatten. Der Fu\u00dfball ist in der Lage, sie zu b\u00e4ndigen. Folklore, Brauchtum. Hier sinkt, was den Nationalismus ausmacht, zu etwas herab, das man in seiner Freizeit pflegt. Etwas, das dem wirklichen Leben ent\u00e4u\u00dfert und mit einiger Distanz betrieben werden kann. Und \u2013 man ist versucht, es zu fragen \u2013 ist in diesem Sinn der Fu\u00dfballfan(atic) nicht ein grotesk geschrumpfter Wiederg\u00e4nger des <em>Fanatikers<\/em>, den der Philologe Victor Klemperer in seiner <em>Lingua Tertii Imperii<\/em> als ein Charakteristikum des Nationalsozialismus beschreibt? Der <em>Fan<\/em> legt sich, wie im Karneval, die Maske des <em>Fanatikers<\/em> an, mit der ihm der Schrecken ausgetrieben werden soll.<\/p>\n<p>Nach dem Wiederanpfiff. Die Veilchen zeigen im zweiten Durchgang nicht die Schw\u00e4che, die ihnen in der Vorwoche beim HSV eine fu\u00dfballerische Sensation versalzen hatte. Trainer Lux hat seine Lektion gelernt, und die Lila-Wei\u00dfen konditionell hervorragend eingestellt. <em>TeBe wurde keineswegs das Opfer eines konditionsst\u00e4rkeren Gegners.<\/em><\/p>\n<p>65. Minute. Der Veilchen-Puls geht hoch. Graf zieht wie am Faden gegen den gegnerischen Kasten, weit und breit niemand, der ihn am Zug aufs Tor hindern m\u00f6chte. Nur Club-Keeper Schaffer eilt ihm entgegen! Keiner der Kontrahenten mag nachgeben, Schaffer schafft Graf von den Beinen<em>, und eine flotte \u201eStrafraumleiche\u201c bekannter Marke mag zu der Entscheidung des Unparteiischen doch etwas beigetragen haben. <\/em>Strafsto\u00df. Wilde legt sich den Ball zurecht. Der Elfmeter landet <em>unhaltbar in den Maschen. <\/em>Ausgleich! Ausgleich! Liegt eine Sensation in der Luft?<\/p>\n<div id=\"attachment_1708\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2012\/11\/1FCN\u00fcrnberg_vs_TeBe_3zu2_65Min_13_Mai_1951.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1708\" class=\"size-full wp-image-1708 \" title=\"1FCN\u00fcrnberg_vs_TeBe_3zu2_65Min_13_Mai_1951\" alt=\"\" src=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2012\/11\/1FCN\u00fcrnberg_vs_TeBe_3zu2_65Min_13_Mai_1951.jpg\" width=\"840\" height=\"568\" srcset=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2012\/11\/1FCN\u00fcrnberg_vs_TeBe_3zu2_65Min_13_Mai_1951.jpg 840w, https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2012\/11\/1FCN\u00fcrnberg_vs_TeBe_3zu2_65Min_13_Mai_1951-620x419.jpg 620w, https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2012\/11\/1FCN\u00fcrnberg_vs_TeBe_3zu2_65Min_13_Mai_1951-100x67.jpg 100w\" sizes=\"auto, (max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1708\" class=\"wp-caption-text\">65. Min. Elfmeter. Wilde vollstreckt, es steht 2:2. Graf war von Schaffer (Torwart) vor dem Abschlag einfach umgeworfen worden: Elfmeter! 71. Min. dann 3:2 f\u00fcr N\u00fcrnberg. Foto: unbekannt; Archiv Buschbom.<\/p><\/div>\n<p>71. Minute. Aber dann: <em>Ein wunderbarer Direktschuss von Kallenborn aus wenigen Metern nach einem geschlossenen Angriff des Clubsturmes. <\/em>3 zu 2.<em> <\/em>Bricht das Veilchen-Haus jetzt in sich zusammen? Ausgerechnet dieser Treffer <em>wurde zum Signal f\u00fcr Tennis-Borussia. Immer besser nun Hausmann, in Abwehr und Angriff gleich gut, zu bewundern die Einsatzfreudigkeit von Gerhard Graf. Alles st\u00fcrmte und der Club verteidigte seinen Ein-Tor-Vorsprung verbissen.<\/em><\/p>\n<p>Schmutzler? Was macht Schmutzler? Dieser <em>hoch veranlagte<\/em>, aber launische Spieler. Schmutzler, den sie, lauscht man 60 Jahre sp\u00e4ter im Mommsen-Casino den Gespr\u00e4chen jener, die ihn sahen, mit Ehrfurcht als einen der besten Spieler bezeichnen werden, der je ein lila-wei\u00dfes Trikot trug. <em>Zum Haareausraufen.<\/em> <em>Wenn er zauberte, dann ohne Nutzeffekt, wenn er spielte, dann ohne Konzentration. Schussablagen von zwanzig Metern neben das Tor sagen genug. Ein Pfeifkonzert im herrlichen Rund des Olympia-Stadions.<\/em><\/p>\n<p>Abpfiff. Vergebens alle Bem\u00fchungen, die Hintermannschaft der N\u00fcrnberger h\u00e4lt dicht. Trotzdem zollt die Presse den Veilchen Respekt: <em>Ein Unentschieden w\u00e4re nicht als Fehlurteil anzusehen gewesen.<\/em><\/p>\n<p>R\u00fcckblicke. P\u00fcnktlich zum Spiel gegen den N\u00fcrnberger Club erscheint im Mai 1951 die erste Nachkriegsausgabe der <span style=\"font-variant: small-caps;\">Club-Nachrichten vom Berliner Tennis-Club \u201eBorussia\u201c e. V.<\/span> <em>Es sind Jahre ins Land gezogen<\/em>, schreibt TeBe-Pr\u00e4sident Carl Helfert, <em>ehe es wieder m\u00f6glich geworden ist, unsere Clubzeitung zu neuem Leben zu erwecken. Ein stiller Wunsch vieler. Ein Markstein in der Geschichte unseres Clubs.<\/em><\/p>\n<p>Viele sind nicht mehr da. So setzt mit der Ausgabe Nummer 1, Mai 1951, ein langer, trauriger Reigen an Nachrufen ein. Den Anfang macht Ulrich R\u00fcdiger, seit 1904 einer der aktivsten Sportler und Funktion\u00e4re des Vereins. <em>Ulrich R\u00fcdiger \u2026 lag bereits irgendwo in einem Massengrab verscharrt, als sinnloses Opfer eines Systems, das im Jahr 1933 beinahe sein Lebenswerk, unsere Tennis-Borussia, aus niedrigen Beweggr\u00fcnden zerst\u00f6rt h\u00e4tte.<\/em><\/p>\n<p>Die<em> Gebr\u00fcder Leiserowitsch<\/em>:<\/p>\n<blockquote><p>Leolpold Leiserowitsch weilt nicht mehr unter den Lebenden. \u2026 Seine Liebe zum Club kam jedoch erst so recht zum Ausdruck, als er nach vielen Jahren unendlichen Leids, das ihm und seinen Familienangeh\u00f6rigen aus politischen Gr\u00fcnden wiederfahren war, sich vor kurzem erneut unserem Club anschloss, in dem er mehr als 18 Jahre hindurch nicht Mitglied sein durfte. Sein Entschluss, sich uns offiziell wieder anzuschlie\u00dfen, konnte vom menschlichen Standpunkt aus nicht hoch genug eingesch\u00e4tzt werden.<\/p>\n<p>\u2026<\/p>\n<p>Welch tragische und grausame Inkonsequenz liegt in dem Umstand begr\u00fcndet, dass ein Mensch wie Fritz Leiserowitsch, der mehrere Male in Auswahlmannschaften die Farben Berlins vertrat, sp\u00e4ter von den politischen Gewalthabern seiner Heimat auf barbarische Weise umgebracht wurde! Welch traurige Reminiszenz \u00fcberkommt uns, wenn wir bedenken, dass ein Mensch wie Simon Leiserowitsch, nachdem er etwa drei\u00dfigmal in der Berliner Stadtelf gestanden hatte, Deutschland verlassen musste, weil b\u00f6sartige und von einem politischen Machtrausch befallene Menschen die Gesetze der Humanit\u00e4t missachteten. Erst wer diese hier nur dezent angedeuteten Vorg\u00e4nge in ihrer ganzen Tragweite erfasst hat, wird ermessen k\u00f6nnen, welch Beispiel menschlicher Gr\u00f6\u00dfe uns unser k\u00fcrzlich verstorbener Leo Leiserowitsch gegeben hat, als er sich daf\u00fcr entschied, mit seinen alten Borussen wieder gesellschaftlichen Kontakt aufzunehmen.<\/p>\n<p>Leo und Fritz sind tot. \u201eSim\u201c lebt als letzter der drei Br\u00fcder in Israel.<\/p>\n<p>Die letzte Geste seines j\u00fcngst verstorbenen Bruders Leo wird f\u00fcr uns eine gro\u00dfe Verpflichtung sein.<\/p><\/blockquote>\n<p>Alfred Lesser:<\/p>\n<blockquote><p>Es ist schwer, mit Worten darzustellen, was Alfred Lesser f\u00fcr \u201eTennis-Borussia\u201c bedeutete. Als Mitbegr\u00fcnder des Vereins, als selbstloser F\u00f6rderer mit hohen Verdiensten f\u00fcr die Entwicklung des Clubs und als ein selten guter Mensch \u2013 so bleibt er uns immer in Erinnerung!<\/p>\n<p>\u2026<\/p>\n<p>Ja, der von ihm begr\u00fcndete Club war ihm wirklicher Lebensinhalt, und so k\u00f6nnen wir wohl begreifen, wie schwer es ihm wurde, seine geliebte Heimatstadt Berlin verlassen zu m\u00fcssen und damit den Verein aufzugeben, der ihm so viel bedeutete. Er konnte das nie verwinden; diese schwerste Entt\u00e4uschung seines Lebens nagte an ihm und trug wohl auch dazu bei, dass er zu fr\u00fch abberufen wurde. Wir behalten ihn, unseren Alfred, in treuer Erinnerung!<\/p><\/blockquote>\n<p>Viele wenden sich aus dem Exil an <em>ihren<\/em> Club. Briefe erreichen die Veilchen von Tutti Lesser, Adolf Wisotzki (beide New York), Max Berglas (New York), Dr. Jack Karp (London), Walter Gore, vormals Goldfeld, (London) und vielen anderen. <em>Mit Freude und Wehmut<\/em> erinnert sich etwa Jacques Karp <em>der guten alten Zeiten, der innigen Freundschaft, die uns Tennis Borussen verband. M\u00f6ge unser alter Club wie bisher sportlich und kulturell die wichtige Rolle fortf\u00fchren, die den Menschen durch den Sport zur Freundschaft erzieht und die V\u00f6lker zum Frieden. Meine Gedanken werden mit ihnen sein\u2026<\/em><\/p>\n<p>Kein Zweifel besteht, wer sich hier aus dem Ausland an die Tennis Borussen wendet. Es sind jene, die \u00fcberlebt haben. Nicht den Krieg, sondern den Nazi-Terror. Auch daf\u00fcr steht Tennis Borussia im Mai 1951, als 85.000 im Olympiastadion die Veilchen wachsen sehen wollen. Ist dieser Andrang mit dem sportlichen Ereignis allein zu erkl\u00e4ren? Ist der Besuch bei den Lila-Wei\u00dfen nicht ein bisschen wie ein Besuch bei einer alten Gro\u00dftante, vor der man sich als Kind wegen ihrer Marotten stets ein wenig gegruselt hatte? Sp\u00e4ter stellt man fest, wie liebenswert sie ist, diese alte Jungfer, gerade weil sie sich den Mut bewahrt hat, von der Norm abzuweichen. Tante Borussia jedenfalls (um im Bild zu bleiben) war von Beginn an etwas anders. <em>Die feinen Leute verhauen jetzt schon die Arbeiter<\/em>, hie\u00df es bereits 1910 nach einem Spiel gegen den Wei\u00dfenseer FC, dem die Tennis Borussen 6:1 Veilchen verpasst hatten. Das sah der Fu\u00dfball nicht vor.<\/p>\n<p>Die Tennis Borussen hatten von seiner Frau Tutti vom Tod Alfred Lessers erfahren. <em>Frau Lesser teilte uns mit, dass sie immer, wenn sie das Grab ihres lieben Mannes aufsucht, lila-wei\u00dfe Blumen niederlegt \u2013 \u2013 \u2013 \u201eTennis-Borussia geh\u00f6rte doch so sehr zu seinem Leben!\u201c<\/em> Die Berliner widmen ihm nicht nur einen Nachruf. Ihm zum Andenken findet ein kleines Gebinde mit lila-wei\u00dfer Schleife den Weg nach New York, doch der Absender sorgt f\u00fcr einige Verwirrung, wie Tutti Lesser berichtet:<\/p>\n<blockquote><p>Als ich das Paket ausgeh\u00e4ndigt bekam und den Absender \u201eTennis-Borussia\u201c las, wusste ich gar nicht so recht, was los ist. Der Postbeamte, der mein perplexes Gesicht sah, wollte mir helfen und sagte: \u201eEin Tennis-Club!\u201c Dieses Wort l\u00f6ste den Bann in mir. Ich musste herzlich lachen und erkl\u00e4rte ihm, dass es der Name eines Fu\u00dfballclubs w\u00e4re, wof\u00fcr sie gerade hier ein so gro\u00dfes Verst\u00e4ndnis haben. Das begriff er wohl nicht so recht, und ich musste ihm und den anderen Beamten, die sich um uns versammelt hatten, gleich vom alten Club berichten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das also sind die Veilchen von Berlin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Willkommen in den 1950ern! Aus 85.000 Kehlen donnert der alte Schlachtruf, Ra! Ra! Ra! Borussia!, ins Rund des Olympiastadions, wo derweil elf Herren in lila-wei\u00dfen Trikots einlaufen: Im Tor Karl-Heinz Steinbeck, \u201eBubi\u201c genannt, 1,85 gro\u00df, 32 Jahre alt. \u2026 Gelingt ihm die erste Abwehr gut, dann unterl\u00e4uft ihm im Rest der Spielzeit kaum ein Fehler. 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