{"id":1769,"date":"2013-03-01T12:04:41","date_gmt":"2013-03-01T11:04:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/?p=1769"},"modified":"2013-05-25T09:22:16","modified_gmt":"2013-05-25T07:22:16","slug":"mudigkeit-allenthalben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/mudigkeit-allenthalben\/","title":{"rendered":"M\u00fcdigkeit allenthalben"},"content":{"rendered":"<p>Der Winter 1927\/28 ist einer von diesen feuchten Wintern, die nicht wissen, was sie wollen, und allenthalben macht sich eine gewisse Ermattung breit. Das trifft auch die Erste Herren, <a href=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/das-schwere-erbe-des-trainer-polster\/\">die gerade dabei ist, sich einen deutschen Rekord zu erspielen<\/a>. Am 29. Januar 1928 scheint \u00fcberm Poststadion die Sonne, bei Temperaturen knapp \u00fcber dem Gefrierpunkt. Die Veilchen bitten Union Obersch\u00f6neweide zum Stelldichein. <em>Unsere Mannschaft spielte in der Aufstellung der letzten Wochen<\/em>, im Tor Konny Patrzek, in der Verteidigung Emmerich und Brunke, als L\u00e4ufer Schumann, Lux und Martwig, im Sturm Schr\u00f6der, Hoffmann, Handschuhmacher, Herberger und Raue. Nach zwei Minuten steht es 1:0 (durch Raue). Danach: 70 Minuten Fehlanzeige.<\/p>\n<blockquote><p>Gegen seinen alten Verein kommt Handschuhmacher anscheinend nie in Schwung, so dass vorn der Zusammenhang fehlt. Erst 20 Minuten vor dem Abpfiff kann Herberger eine sehr sch\u00f6ne Flanke Schr\u00f6ders ins gegnerische Netz schicken, und in der letzten Viertelstunde bringen Raue und Hoffmann den endg\u00fcltigen Stand von 4:0 heraus.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Berliner sind not amused, es hagelt trotz des klaren Ergebnisses harsche Kritik an den Veilchen, und der Berichterstatter der Borussen verweist wortkarg auf den <em>schlechten Zustand des Spielfeldes<\/em>. Indigniert notiert er, dass <em>der Boden recht glatt war und unsere schwere Mannschaft gegen\u00fcber der leichteren Unionelf im Nachteil war.<\/em><\/p>\n<p>Das Wetter h\u00e4ngt sich auch den \u00e4lteren Semestern wie Blei an die T\u00f6ppen:<\/p>\n<blockquote><p>Bei den Alten will es zurzeit nicht recht klappen. Es sind in jedem Jahr dieselben Sorgen, mit denen man zu k\u00e4mpfen hat. Immer, wenn die Sonne nicht so freundlich lacht und Regen- und Schneest\u00fcrme \u00fcber die Spielfelder fegen, tritt eine gewisse Unbest\u00e4ndigkeit in der Mannschaft ein. Die Herren, die es nicht einmal f\u00fcr erforderlich halten, wenigstens vor dem Spiel im Poststadion telephonisch anzurufen, werden es dann nicht weiter \u00fcbelnehmen, wenn ihre Ber\u00fccksichtigung f\u00fcr die n\u00e4chsten Spiele auch nicht erfolgt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Eine Woche nach dem Spiel der Ersten gegen die S\u00fcdostberliner treffen die Alten Herren auf Brandenburg, <em>wir nat\u00fcrlich nur mit 10 Mann, da Kr\u00e4u\u00dflich uns glatt versetzte.<\/em> Die H\u00f6chsttemperaturen liegen bei 3,8\u00b0 Celsius, die Wolken h\u00e4ngen tief, ein schn\u00f6der, scharfer Winterwind peitscht Regen \u00fcbers Spielfeld. <em>Trotzdem waren unsere St\u00fcrmer gut aufgelegt.<\/em> Max Berglas, in dessen Bankhaus Seppl Herberger in Lohn und Brot steht, zieht unbeirrt seine Bahnen. Diesmal m\u00f6chte er seinem Angestellten zeigen, bei welchem Wetter Veilchen wachsen, und anders als Herberger in der Vorwoche netzt er dem Gegner dreimal ein, am Ende gehen die Brandenburger trotz \u00dcberzahl \u00a07:4 mit h\u00e4ngenden K\u00f6pfen vom Feld. Am 12.2. zu Rapide nach Niedersch\u00f6nhausen. Ausnahmsweise vollz\u00e4hlig, gro\u00df ist <em>unsere Freude, als der Platz ganz trocken war.<\/em> Gegen die <em>Ordnungsleute<\/em> vom Polizeisportverein hingegen m\u00f6gen anf\u00e4nglich gar nur neun Alte Herren antreten (am 19.2.), sp\u00e4ter findet sich noch <em>Sim! Sim! Simsalabim!<\/em> Leiserowitsch ein, der Fu\u00dfballmagier aus vergangenen Tagen, und schon wendet sich das Spielgeschick \u2013 nur leider bleibt das Gl\u00fcck bei H\u00f6chsttemperaturen um 6\u00b0 und Regen dann doch lieber Zuhaus:<\/p>\n<blockquote><p>Sim Leiser warf immer wieder \u201efeine Leute\u201c nach vorne, doch gingen s\u00e4mtliche Sch\u00fcsse gegen die Latte oder daneben.<\/p><\/blockquote>\n<p><em>Die Gr\u00fcnen<\/em> nehmen nach einem spannenden Match die Alten Herren knapp 3:2 in Gewahrsam. Es spielten die beiden Vereins\u00e4rzte Wisotzki und Karp in der Defensive, als L\u00e4ufer Raschke und Robert Neppach, der beliebte Filmproduzent, Leiserowitsch und Paulick sowie im Sturm Sauer, Gumpel, Siebers und Berichterstatter Paulchen G\u00f6rsch.<\/p>\n<p>Dass in diesem seltsam nass-kalten Winter ermattet, wer bei Wind und Regen die Knochen hinh\u00e4lt, mag man noch verstehen. Dass hingegen Vorstand und Funktionstr\u00e4ger des Clubs eine Lustlosigkeit bis zur Pflichtvergessenheit bef\u00e4llt, trifft nicht \u00fcberall auf Gegenliebe. Auf dem Programm steht ein <em>Kaschemmen-Ball<\/em>. Mit <em>besch\u00e4mendem<\/em> Ergebnis:<\/p>\n<blockquote><p>Dieses insofern, als gerade die \u00e4lteren Mitglieder und auch ein gro\u00dfer Teil des Vorstandes, also diejenigen, von denen man glauben sollte, auf ihnen baue sich der Verein auf, die Veranstaltung fast geschlossen boykottierten. Nicht allein das pekuni\u00e4re Defizit, f\u00fcr den Arrangeur immer eine unangenehme Sache, ist das Ausschlaggebende hierbei, sondern das Empfinden, auf welch schwachen F\u00fc\u00dfen der innere Konnex des Klubs steht.<\/p><\/blockquote>\n<p>Allein die Jugend ein Sonnenschein. Sie wei\u00df ein Fest zu feiern, wie es f\u00e4llt, ausgestattet <em>mit dem richtigen Sinn daf\u00fcr, was wirklich Geselligkeit ist, und die gerne jede Gelegenheit<\/em> wahrnimmt, <em>um nette Stunden im Kreise ihrer Klubkameraden zu verleben.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Winter 1927\/28 ist einer von diesen feuchten Wintern, die nicht wissen, was sie wollen, und allenthalben macht sich eine gewisse Ermattung breit. Das trifft auch die Erste Herren, die gerade dabei ist, sich einen deutschen Rekord zu erspielen. Am 29. Januar 1928 scheint \u00fcberm Poststadion die Sonne, bei Temperaturen knapp \u00fcber dem Gefrierpunkt. 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