{"id":1789,"date":"2013-03-28T17:42:13","date_gmt":"2013-03-28T16:42:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/?p=1789"},"modified":"2013-05-25T09:22:38","modified_gmt":"2013-05-25T07:22:38","slug":"wie-es-seinem-blut-und-seiner-rasse-entspricht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/wie-es-seinem-blut-und-seiner-rasse-entspricht\/","title":{"rendered":"\u201e\u2026wie es seinem Blut und seiner Rasse entspricht\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der sp\u00e4tere Reichstrainer Otto Nerz gilt als wichtigster Modernisierer des deutschsprachigen Fu\u00dfball in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts. Nerz erlernte das Trainerhandwerk bei Tennis Borussia von der Pieke auf, und es waren die Veilchen, bei denen er die wichtigsten Erkenntnisse der jungen Trainingswissenschaften in der Praxis erprobte. Aber die Geschichte des Fu\u00dfball-Pioniers Nerz hat eine Schattenseite, \u00fcber die au\u00dferhalb sporthistorischer Zirkel kaum gesprochen wird.<\/strong><\/p>\n<pre class=\"font-variant:small-caps;\">Von Erik Eggers<\/pre>\n<p>Haben sich die ehemaligen Weggef\u00e4hrten an die Lateiner gehalten? \u201eDe mortuis nihil nisi bene\u201c, hie\u00df ein Gesetz im Alten Rom, \u00fcber die Toten nichts Schlechtes. Ist damit allein das Schweigen im Jahre 1952 zu erkl\u00e4ren, als Mitglieder von Tennis Borussia dem ber\u00fchmten Trainer Otto Nerz gedachten? Richard Girulatis schrieb in der Festschrift zum 50j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um: \u201eOtto Nerz ist tot, er starb den Hungertod in Sachsenhausen. So wurden wertvollste Kr\u00e4fte in unsinnnigster Weise vernichtet, auch nach 1945.\u201c Nerz war 1949 gestorben. Das j\u00fcdische TeBe-Mitglied Georg Michaelis hatte 1952 den ehemaligen Reichstrainer in Schutz genommen; Nerz habe, lie\u00df Michaelis wissen, auch nach der \u201eMachtergreifung\u201c im Jahr 1933 die Freundschaft zu ihm aufrechterhalten. \u201eDa er mehrere Jahre hindurch in unserem Club mit gro\u00dfem Erfolg als Trainer verbunden war, f\u00fchlen wir uns ihm besonders verbunden und verpflichtet\u201c, hie\u00df es. Andererseits hatte der sp\u00e4tere Bundesminister f\u00fcr gesamtdeutsche Fragen, Ernst Lemmer, w\u00e4hrend seiner Festansprache zum 50j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um der Veilchen unmissverst\u00e4ndlich festgehalten, \u201eIn unseren Reihen hat es zu keinem Zeitpunkt \u2013 und es hat erregende Perioden in der letzten Vergangenheit gegeben \u2013 hat es niemals politischen Fanatismus und niemals irgendeinen Klassen- und Rassenhass gegeben. In der Geschichte von Tennis-Borussia stehen j\u00fcdische Kameraden \u2013 wie Alfred Lesser und andere \u2013, die wir aus Dankbarkeit niemals vergessen werden!\u201c Im Auditorium sa\u00dfen einige, die den Nazi-Terror \u00fcberlebt hatten. So der Journalist Gregoire E. Zand, der in der 1920er Jahren zur Aufbaugeneration der Fu\u00dfballWoche geh\u00f6rt hatte. In einer ersch\u00fctternden Rede, die in der Festschrift \u201eVon der anderen Seite\u201c \u00fcbertitelt ist, berichtete er aus der Perspektive jener, die vor dem Nazi-Terror hatten fliehen m\u00fcssen. Er selbst hatte \u00fcberlebt und fliehen k\u00f6nnen, weil er 1937 vor dem Moabiter Sondergericht \u2013 das Todesurteil war ihm vor diesem ber\u00fcchtigten Tribunal sicher \u2013 auf einen Richter traf, der als Mitglied des BFC Preu\u00dfen Zands Wirken bei der FuWo sch\u00e4tzte. \u201e1941\u201c, erz\u00e4hlte Zand der Festgesellschaft von 1952, \u201elief mir auf der Promenade von Nizza pl\u00f6tzlich ein Tennis-Borusse in die Arme. Er war aus Deutschland verjagt worden nach einem Leben voll Arbeit und Flei\u00df. Aber alle Bitterkeit war vergessen, wenn wir von Tennis-Borussia sprachen \u2013 und wir sprachen nicht wenig davon\u2026. bis uns die Abenteuer jener Zeit trennten. (Er sitzt heute mit seiner Frau inmitten der Festgesellschaft!)\u201c<\/p>\n<p>So bleibt eine Leerstelle. Denn jene Artikelserie, die im Juni 1943 im Berliner <i>12 Uhr Blatt<\/i> von Nerz publiziert worden war, wurde nicht reflektiert. Jedenfalls nicht schriftlich. Diesen Schandfleck deutscher Sportgeschichte, der in drei Texten alle verf\u00fcgbaren antisemitischen Stereotypen der NS-Hetzpropaganda nutzte, um eine angeblich j\u00fcdische Weltherrschaft im kommerziellen Sportbetrieb zu konstruieren, nahmen die ehemaligen Weggef\u00e4hrten stumm zur Kenntnis. Ein verst\u00f6rendes Schweigen \u00fcber einen Text, der bei den ehemaligen Entscheidern von Tennis Borussia bekannt gewesen sein d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>\u201eDer Jude\u201d, hatte Nerz damals gegeifert, \u00fcbe zersetzenden Einfluss auf das Vereinsleben aus, agiere im Sport als Schieber \u201ehinter der Kulisse\u201d, habe immer alles daran gesetzt, auch die Sportpresse zu dominieren. Selbst beim Deutschen Fu\u00dfball-Bund (DFB) habe er sich einschleichen wollen, der j\u00fcdische Kandidat f\u00fcr eine 1927 anstehende Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerwahl sei indes durchgefallen. Warum, glaubte Nerz noch exakt rekonstruieren zu k\u00f6nnen: \u201eIn der Bundesf\u00fchrung wehte kein judenfreundlicher Wind. Sie war judenfrei.\u201d Eine andere Passage lautete: \u201eAuch auf dem Gebiet des Sports konnte sich der Jude nur so bet\u00e4tigen, wie es seinem Blut und seiner Rasse entspricht. Nirgends sehen wir den Juden aufbauend. \u00dcberall nutzt er die Konjunktur aus, verdr\u00e4ngt die eigentlichen Pioniere und setzt sich an ihre Stelle. Genau wie im Wirtschaftsleben.\u201c Es sind Texte, die sich heute als geistige Vorbereitung und Legalisierung f\u00fcr die vollst\u00e4ndige Vernichtung des j\u00fcdischen Sports lesen.<\/p>\n<p>Und diese Texte haben selbstverst\u00e4ndlich eine Diskussion \u00fcber Nerz entfacht. Wurden diese Artikel, wie Karlheinz Schwarz-Pich ohne jegliche Quellenbasis behauptet, tats\u00e4chlich nicht von Nerz verfasst, sondern wurde nur der Name Nerz dar\u00fcber gesetzt? Oder wollte Nerz mit diesen antisemitischen Tiraden, wie der Historiker Rolf Vogt fragt, seinen Bruder Friedrich besch\u00fctzen, der mehrfach in Konflikt mit der Gestapo geraten war?<\/p>\n<p>Geboren wurde Nerz am 21. Oktober 1892 in Hechingen, einer kleinen Stadt in der preu\u00dfischen Enklave Hohenzollern. Er entstammte bescheidenen, einfachen Verh\u00e4ltnisse. Der Vater betrieb ein Seilergesch\u00e4ft, sp\u00e4ter verkaufte er auch B\u00fcrsten und Schuhe, bis die Familie im Januar 1901 nach Mannheim umsiedelte. Dort lernte Nerz beim VfR Mannheim das Fu\u00dfballspielen, aber seine Karriere als rechter L\u00e4ufer blieb \u00fcberschaubar. Das Realgymnasium verlie\u00df er mit dem \u201eEinj\u00e4hrigen\u201c, ging an das Lehrerseminar Ettlingen, das er 1910, 18 Jahre alt, als j\u00fcngster Volksschullehrer Badens abschloss. 1914 zog er als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg. Sein verehrter Bruder Robert fiel bald in Flandern, er selbst erlitt 1916 in Galizien einen Bauchdeckendurchschuss und wurde ein halbes Jahr sp\u00e4ter als Vizefeldwebel der Reserve aus dem Milit\u00e4r entlassen.<\/p>\n<p>Kurz nach Kriegsende, 1919, trat Nerz in die SPD ein, und w\u00e4hrend er den VfR Mannheim coachte, wo ab 1921 auch ein gewisser Sepp Herberger spielte, bildete er sich an der Badischen Landesturnanstalt zum Turn- und Sportlehrer fort. 1922 siedelte Nerz um nach Berlin, um sich an der Deutschen Hochschule f\u00fcr Leibes\u00fcbungen (DHfL), der ersten Sportuniversit\u00e4t der Welt, einzuschreiben. Einer seiner Fu\u00dfballdozenten dort war Richard Girulatis. Nerz war so lernwillig und auffassungsschnell, dass er noch w\u00e4hrend des Studiums als Dozent lehrte. Seine Diplomarbeit, die er 1925 vorlegte und die er seinem Bruder widmete, hie\u00df \u201eFu\u00dfball-Wintertraining\u201c. In der Einleitung bekannte er sich als Anh\u00e4nger der damals popul\u00e4ren Luftbad-Bewegung; durch seine Studien an der DHfL und Universit\u00e4t, bekannte er, habe er seinen Gesichtskreis wesentlich erweitert. Seine Pr\u00fcfung zum Diplom-Sportlehrer legte er allerdings erst 1929 ab.<\/p>\n<p>Sein Geld verdiente Nerz weiterhin als Trainer. Zun\u00e4chst coachte er TeBe, einen der elit\u00e4rsten Klubs Berlins, in dem sich zahlreiche Prominente versammelten; hier d\u00fcrfte auch der Kontakt zu Girulatis hilfreich gewesen sein. Und hier wurde auch der DFB, dessen Vorsitzender Felix Linnemann in Berlin wohnte, auf den wissenschaftlich geschulten Trainer aufmerksam. Der Dachverband verpflichtete ihn am 1. Juli 1926 als nebenamtlich t\u00e4tigen \u201eBundes-Fu\u00dfballlehrer\u201c. Als sein erstes L\u00e4nderspiel gilt die Partie am 31. Oktober 1926 in Amsterdam gegen Holland. 1926 \u2013 das war eine revolution\u00e4re Zeit im internationalen Fu\u00dfball, da 1925 die Abseitsregel verw\u00e4ssert worden war.<\/p>\n<p>Die Methoden desjenigen, der die besten taktischen Antworten auf diese Regelreform wusste, Trainer Herbert Chapman von Arsenal London, studierte Nerz auf vielen Reisen nach Gro\u00dfbritannien, und er entwickelte sich bald zu einem Anh\u00e4nger des WM-Systems, das Chapman als probates Mittel f\u00fcr die neue Abseitsregel entwickelt hatte: Dadurch, dass der Mittell\u00e4ufer in die Abwehr zur\u00fcckgezogen wurde und die Halbst\u00fcrmer defensiver agierten, erfuhr die Verteidigung die n\u00f6tige St\u00e4rkung. Der britische Profifu\u00dfball stellte f\u00fcr Nerz \u00fcberhaupt ein Dorado dieser Sportart dar. \u201eDer harte, englische Fu\u00dfball-Profi schwebte Otto Nerz als Modell f\u00fcr den deutschen Spitzenfu\u00dfball vor\u201c, schrieb 1974 Fritz Hack.<\/p>\n<p>In dieser Zeit systematisierte Nerz den Fu\u00dfball. W\u00e4hrend er 1926 sich f\u00fcr ein Medizinstudium einschrieb, verfasste er Lehrb\u00fccher \u00fcber die Aufgaben der verschiedenen Positionen. Mit dem Input, den er aus der jungen Sportwissenschaft und den Studien in England erfuhr, reformierte und modernisierte er kontinuierlich den deutschen Leistungsfu\u00dfball. \u201eMit Nerz hielt erstmals eine geregelte Organisation Einzug im deutschen Spitzenfu\u00dfball\u201c, res\u00fcmiert der Fu\u00dfballhistoriker Hardy Gr\u00fcne diese fr\u00fche Phase des Nerzschen Schaffens: \u201eTrainingslager, Sichtungslehrg\u00e4nge, methodische Konditionsarbeit auf der Grundlage fu\u00dfballspezifischer Anforderungen, taktische Schulung, Einf\u00fchrung von gezielter Gymnastik f\u00fcr Fu\u00dfballer und erste Ans\u00e4tze f\u00fcr eine regelm\u00e4\u00dfige Betreuung der Spieler, bis hin zur Erarbeitung von Methoden f\u00fcr das Wintertraining f\u00fcr Fu\u00dfballer in der Halle.\u201c<\/p>\n<p>Als \u201eReichstrainer\u201c wurde Nerz erstmals 1928 bezeichnet, als seine erste gro\u00dfe Aufgabe anstand: das olympische Fu\u00dfballturnier von Amsterdam. Nerz war damals keineswegs allein verantwortlich. Vielmehr musste er sich f\u00fcr die Nominierung der Spieler den Vorstellungen des DFB-Spielausschusses und auch des DFB-Pr\u00e4sidenten beugen. Nach der heftigen 1:4-Niederlage gegen Uruguay, den sp\u00e4teren Olympiasieger, hagelte es Kritik im deutschen Bl\u00e4tterwald. Nerz reagierte darauf mit Gelassenheit und N\u00fcchternheit. Der deutsche Fu\u00dfball verf\u00fcge zwar \u00fcber technisch herausragende Spieler, analysierte er k\u00fchl im <i>Kicker<\/i>, aber sie seien \u2013 zu langsam. Eine Kritik an dem konditionellen und athletischen Zustand der Fu\u00dfballer, die zwar offiziell als Amateure starteten, aber l\u00e4ngst als Profis Geld verdienten.<\/p>\n<p>Mit seiner Pers\u00f6nlichkeit eckte Nerz an. Er war hochintelligent, sprach flie\u00dfend Englisch und Franz\u00f6sisch und konnte sich auch auf Italienisch und Schwedisch verst\u00e4ndigen. Doch durch seine schroffe Art und seine Vorliebe f\u00fcr die klassischen preu\u00dfischen Tugenden P\u00fcnktlichkeit und Disziplin galt er bald als Feldherr. \u201eIch habe mich in einem Lehrgang bei ihm immer gef\u00fchlt wie in einer Kaserne\u201c, hat sp\u00e4ter Nationalspieler Sigmund Haringer \u00fcber den Kommisston bei Nerz gesagt. \u201eP\u00fcnktlichkeit und Disziplin waren bei das Wichtigste, wer zu sp\u00e4t zum Essen kam, erhielt eine Abreibung\u201c, erinnerte ich Reinhold M\u00fcnzenberg. Jedwede L\u00e4ssigkeit war ihm zuwider.<\/p>\n<p>Nerz erlitt heftige Niederlagen. Die 0:5- und 0:6-Pleiten gegen das \u00f6sterreichische \u201eWunderteam\u201c 1931 zum Beispiel. Daf\u00fcr zeichnete er nicht allein verantwortlich, da der DFB \u00fcber Jahre den Vergleich mit Profis aus ideologischen Gr\u00fcnden abgelehnt hatte, aber nat\u00fcrlich zog er die Kritik wegen seines F\u00fchrungsstils auf sich. Seinen Durchbruch als \u201eReichstrainer\u201c feierte er erst 1934, bei der WM in Italien, als er sein Team nach einem 3:2-Sieg im kleinen Finale gegen \u00d6sterreich auf den dritten Platz f\u00fchrte. Diese Partie wird noch heute als \u201eSternstunde des deutschen Fu\u00dfballs\u201c bejubelt, aber bei solchen Wertungen ist Vorsicht angebracht. \u00d6sterreich spielte damals ohne sein gef\u00fcrchtetes Innentrio, also auch ohne seinen Star Sindelar, auch der gro\u00dfe Keeper Hiden hatte auf die WM verzichtet. \u201eDas Wunder von Neapel\u201c war auch ein Wunder der NS-Sportpropaganda. Aber auch die erste Frucht der Umstellung auf das WM-System durch Nerz, das Nerz zuvor bei Tennis Borussia in der Praxis erprobt hatte.<\/p>\n<p>Mit dem politischen Umsturz 1933 mutierte Nerz, der ehemalige Sozialdemokrat, zu einem \u00fcberzeugten Anh\u00e4nger des Nationalsozialismus. Da er als Ex-SPD-Mitglied nicht ohne weiteres in die NSDAP eintreten konnte, trat er 1933 der SA bei. Aus Briefen an die Nationalspieler geht seine Sympathie f\u00fcr das neue System hervor. In einer Bilanz des Jahres 1935 schrieb er, er wolle nicht politisieren. \u201eAber Ihr habt dazu beigetragen, dass Deutschlands Name, den eine l\u00fcgenhafte Propaganda zu besudeln versuchte, mit Hochachtung genannt wurde. Eure Haltung war immer wahrhaft deutsch und nationalsozialistisch!\u201c In einem anderen Brief hie\u00df es: \u201eSeit Adolf Hitler Deutschland f\u00fchrt, geht es auch mit dem Fu\u00dfball aufw\u00e4rts.\u201c<\/p>\n<p>In dieser Zeit schloss er auch seine Medizinstudien ab. 1933 legte er die \u00e4rztliche Pr\u00fcfung ab, seine Approbation erhielt er im Dezember 1934, und 1936 promovierte er an der Berliner Charit\u00e9, bei dem ber\u00fchmten Mediziner Sauerbruch. Das Thema seiner Dissertation lautet: \u201eUnfallsch\u00e4den des Kniegelenks unter Belastung durch Arbeit und Sport.\u201c In der Einleitung bedankte er sich f\u00fcr die \u201ewertvollen M\u00f6glichkeiten\u201c, die sich durch die Berufung von Prof. Karl Gebhardt nach Hohenlychen ergeben habe. \u201eEs bildete sich bald eine enge Zusammenarbeit heraus, bei der ich naturgem\u00e4\u00df vorwiegend f\u00fcr Anregungen und F\u00f6rderung zu danken hatte. Dieser Arbeitsgemeinschaft entspringt auch die vorliegende Arbeit, die sich mit einem bestimmten Ausschnitt aus der Klinik der \u201aSportsch\u00e4den\u2018 besch\u00e4ftigt.\u201c In Hohenlychen lie\u00dfen sich damals ber\u00fchmte Athleten behandeln, in der angegliederten \u201eKlinischen Abteilung des Reichssportf\u00fchrers\u201c. Au\u00dferdem r\u00fchmte er die sport\u00e4rztliche Versorgung in den englischen Fu\u00dfballclubs, die ber\u00fchmte Knie-Chirurgen bezahlten. Schon vor dem Tag der Promotion (1. Oktober 1936), exakt am 1. Juni 1936, schied Nerz als hauptamtlicher Mitarbeiter aus dem Fachamt f\u00fcr Fu\u00dfball aus, weil er als Dozent f\u00fcr das Sportpraktische Institut der neugegr\u00fcndeten Reichsakademie f\u00fcr Leibes\u00fcbungen verpflichtet wurde.<\/p>\n<p>Diese Daten sind von Bedeutung f\u00fcr jene Epoche, die zu den umstrittensten der deutschen Fu\u00dfballgeschichte z\u00e4hlt. Die Frage, wann genau Sepp Herberger seinem Ziehvater Otto Nerz als Reichstrainer folgte, nach dem Desaster der 0:2-Niederlage gegen Norwegen bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin, wird in der Literatur in epischer Breite diskutiert. Auch Details wie die Frage, wer wirklich der Vater der legend\u00e4ren \u201eBreslau-Elf\u201c war, die 1937 D\u00e4nemark mit 8:0 besiegte. Von einem \u201eMachtkampf\u201c zwischen Nerz, der 1931 als Herbergers Trauzeuge fungierte, und seinem Nachfolger ist oft die Rede; und in der Tat hat sich Herberger in vielen Briefen an die Fu\u00dfballf\u00fchrer dar\u00fcber beklagt, dass er nicht umgehend als offizieller Nachfolger vorgestellt wurde. Doch die Chronologie dieser Wachabl\u00f6sung und die offiziellen Mitteilungen in den Zeitungen sprechen daf\u00fcr, dass der R\u00fcckzug von Nerz vom Posten des Reichstrainers schon vor Olympia 1936 beschlossen war. \u201eIn Wirklichkeit ist die Dramaturgieskala ganz niedrig anzusetzen. Sie tendiert gegen Null\u201c, schreibt der Historiker Rolf Vogt, und untermauert diese These durchaus schl\u00fcssig.<\/p>\n<p>Das beginnt mit der Stelle, die Nerz am 1. Juni 1936 an der Reichsakademie f\u00fcr Leibes\u00fcbungen annahm.\u00a0 Deshalb sei, berichtete eine Tageszeitung der Deutschen Arbeitsfront kurz nach den Berliner Spielen, der Posten des Reichstrainers frei geworden. Nerz selbst erkl\u00e4rte im September 1936, als ein L\u00e4nderspiel in Prag anstand, im <i>12 Uhr Blatt<\/i>: \u201eFest steht, dass ich als angestellter Reichstrainer ausgeschieden bin, ich habe ja ein gro\u00dfes Arbeitsgebiet in Berlin jetzt. Aber von einem Wegtreten (\u2026) ist noch keine Rede.\u201c Und tats\u00e4chlich \u00fcbernahm Nerz dann im November 1936 das \u201eReferat f\u00fcr Schulung, Betreuung und Aufstellung der Nationalmannschaft sowie f\u00fcr die fachtechnische Anweisung der Sportlehrer unter unmittelbarer Verantwortung dem Reichsfachamtsleiter gegen\u00fcber\u201c, wie im <i>Reichssportblatt<\/i> vermeldet wurde. \u201eDer Spielausschuss war Vergangenheit, das F\u00fchrerprinzip Gegenwart\u201c, erkl\u00e4rt Vogt. Nerz l\u00f6ste also Josef Glaser ab, den Spielausschussvorsitzenden \u2013 und war fortan f\u00fcr die Nominierung verantwortlich. Er wolle, schrieb Nerz seinem Z\u00f6gling Herberger im Dezember 1936, ihn in seine Rolle als Reichstrainer hineinwachsen lassen, \u201emehr und mehr in den Hintergrund treten\u201c und sich \u201eanderen Aufgaben widmen\u201c.<\/p>\n<p>Warum Nerz dann im Mai 1938 als Funktion\u00e4r des Fachamtes zur\u00fccktrat und damit sich ganz aus dem Fu\u00dfball zur\u00fcckzog, dar\u00fcber l\u00e4sst sich trefflich spekulieren. M\u00f6glich, dass er die Einmischung von Gauleitern in den Fu\u00dfball nicht goutierte, wie sie nach dem \u201eAnschluss\u201c \u00d6sterreichs nicht das erste Mal geschah. M\u00f6glich, dass er kein Interesse daran hatte, f\u00fcr die Verschr\u00e4nkung der wahrlich unterschiedlichen Fu\u00dfballstile zust\u00e4ndig sein wollte, die in dieser Zeit mit der Integration der \u00f6sterreichischen Kicker anstand (und die bei der WM 1938 bekanntlich grandios scheiterte). M\u00f6glich auch, dass er sich einfach seinen medizinischen Studien an der Reichsakademie widmen wollte. \u201eMein Ausscheiden erfolgt ohne Groll. Ich habe Arbeit in H\u00fclle und F\u00fclle und kann in eigenem Stil ans Werk gehen\u201c, schrieb er damals Herberger.<\/p>\n<p>Die Literatur \u00fcber die Reichsakademie ist d\u00fcrftig; deshalb lassen sich kaum Aussagen \u00fcber die Arbeit von Nerz an diesem Institut treffen. Allerdings versammelten sich hier viele \u00fcberzeugte Nationalsozialisten \u2013 den Handball etwa verantwortete Otto Kaundinya, erster Reichstrainer im Handball. Auch \u00fcber die sportorthop\u00e4dischen Arbeiten in Hohenlychen ist wenig bekannt. Fest steht aber laut dem Sporthistoriker Volker Kluge, dass Nerz noch im Jahr 1938 eine au\u00dferordentliche Professor an der Philosophischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Berlin verliehen wurde \u2013 von Adolf Hitler.<\/p>\n<p>\u00dcber das Wirken von Nerz im Zweiten Weltkrieg, der die Arbeit der Reichsakademie faktisch beendete, war bisher wenig bekannt. Nerz arbeitete als Arzt in der Wehrmacht. 1943 und 1944 war Nerz im Reserve-Lazarett 124 Berlin-Britz eingesetzt. Nach bisher unbekannten Archivalien, die aus dem Nachlass des Mediziners Arthur Mallwitz (Nerz\u2018 Chef im Reserve-Lazarett) stammen, schlug das Reichssportamt im Februar 1943 Nerz als neuen Dienststellenleiter der \u201eUebungsgemeinschaft Versehrtensport\u201c auf dem Reichssportfeld vor \u2013 vorbehaltlich allerdings der \u201eZustimmung von Dr. Gebhardt\u201c, wie das Protokoll einer Besprechung im Reichsinnenministerium ausweist. Ebenfalls aus dem Protokoll geht hervor, dass Nerz zu dieser Zeit am Reichsportfeld wohnte. Die Wehrmacht hatte jedoch Einw\u00e4nde und schlug vor, Nerz lediglich mit der \u201eOberaufsicht\u201c zu betrauen und ihn weiter im Reservelazarett zu belassen.<\/p>\n<p>Im Dezember 1944 war Nerz an der Konzeption einer t\u00e4glichen Sportstunde f\u00fcr die verletzten Soldaten in den Lazaretten beteiligt, wie eine weitere Akte ausweist. Der t\u00e4gliche Sport sei, hie\u00df es hier, \u201eein Hilfsfaktor, der f\u00fcr die k\u00f6rperliche und seelische Wiederherstellung der Verwundeten und Kranken nicht entschieden genug eingesetzt werden kann\u201c. Ein bizarres Dokument. R\u00fcckten die Russen doch immer n\u00e4her. In den letzten Wochen des Krieges soll Nerz in einem Notlazarett im U-Bahnhof Zoo gewirkt haben.<\/p>\n<div id=\"attachment_1842\" style=\"width: 260px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/03\/1006990-Schirner-Otto-Nerz.jpg\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1842\" class=\"size-medium wp-image-1842\" alt=\"Otto Nerz starb am 1949 im Speziallager Sachsenhausen. Foto: Schirner Bildarchiv.\" src=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/03\/1006990-Schirner-Otto-Nerz-620x849.jpg\" width=\"250\" srcset=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/03\/1006990-Schirner-Otto-Nerz-620x849.jpg 620w, https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/03\/1006990-Schirner-Otto-Nerz-1024x1402.jpg 1024w, https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/03\/1006990-Schirner-Otto-Nerz-72x100.jpg 72w, https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/03\/1006990-Schirner-Otto-Nerz.jpg 1524w\" sizes=\"(max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1842\" class=\"wp-caption-text\">Otto Nerz starb am 19. April 1949 im Speziallager Nr. 7 Sachsenhausen. Foto: Schirner Bildarchiv.<\/p><\/div>\n<p>Nach Kriegsende wurde Nerz, der in den Rang eines SA-Obersturmbannf\u00fchrers aufgestiegen war, nicht sofort verhaftet. Die Briten nahmen ihn am Reichssportfeld fest und \u00fcberstellten ihn den Russen, die ihn in ein Gefangenenlager nach Herzberge steckten. Im Herbst 1946 kam er ohne Prozess in ein Sonderlager des sowjetischen Geheimdienstes in Sachsenhausen. Ausweislich offizieller russischer Unterlagen starb Nerz am 19. April 1949 im \u201eSpeziallager Nr. 1\u201c in Sachsenhausen an einem Hirn\u00f6dem.<\/p>\n<p>Die neuen Dokumente aus dem Zweiten Weltkrieg belegen, dass Nerz sich auch 1943 noch im Dunstkreis des SS-Mediziners Gebhardt bewegte. Sieben Jahre lang arbeitete Nerz also mit einem Antisemiten zusammen. Bekanntlich war Gebhardt im Zweiten Weltkrieg einer der hochrangigsten \u00c4rzte in der SS, 1943 war er oberster Kliniker beim Reichsarzt-SS, ab September 1943 fungierter er als Leibarzt Himmlers. Ein Jahr zuvor hatte Gebhardt Menschenversuche im KZ Ravensbr\u00fcck unternommen; daf\u00fcr wurde er nach dem Krieg zum Tode verurteilt und hingerichtet. Wir wissen zwar nicht, ob die Zusammenarbeit zwischen Gebhardt und Nerz im Juni 1943, als die antisemitische Artikelserie erschien, immer noch so eng war wie 1936. Da aber Nerz sich im Umfeld von Gebhardt bewegte, m\u00fcssen wir doch davon ausgehen, dass er \u00fcber den Genozid orientiert war. So gesehen, stimmte er mit seiner Artikelserie rhetorisch dem Massenmord zu.<\/p>\n<p>Kurz nach der Publikation der Hetzartikel will Herberger seinen Vorg\u00e4nger bei einer Begegnung auf dem Reichssportfeld gefragt haben, wie man \u201eso etwas schreiben\u201c k\u00f6nne. Gemeint war: Wo doch Nerz nach dem Ersten Weltkrieg durch den j\u00fcdischen M\u00e4zen Max Rath in Mannheim und Mitte der 1920er Jahre bei TeBe Berlin gro\u00dfz\u00fcgig von j\u00fcdischen G\u00f6nnern unterst\u00fctzt worden war. Nerz soll sinngem\u00e4\u00df geantwortet haben: \u201eJuden sind alle nette Menschen. Bis zu einer gewissen Grenze, dann alle Juden.\u201c Wochen danach habe Arno Breitmeyer, kommissarischer Reichssportf\u00fchrer, zu Herberger gesagt: \u201eDas ist eines Direktors der Akademie unw\u00fcrdig.\u201c So steht es jedenfalls im Nachlass Sepp Herbergers.<\/p>\n<p>Hitler-Deutschland befand sich seit Anfang 1943 im \u201etotalen Krieg\u201c. Aber die Radikalisierung Nerz\u2018 bleibt angesichts der Biographie des ersten deutschen Reichstrainers irgendwie irreal; vergleichbare Zeugnisse anderer Trainer oder Sportler existieren nicht. Andererseits hat Nerz sich seit den 1920er Jahren in einem beruflichem Umfeld bewegt, \u201ein dem die Theorie von der \u201aZ\u00fcchtung der Besten\u2018 auf breite Akzeptanz stie\u00df und beinahe zur g\u00e4ngigen Lehre geworden w\u00e4re\u201c, darauf hat der Historiker Nils Havemann hingewiesen. Nach allem, was uns an Quellen vorliegt, ist davon auszugehen, dass Nerz der Autor der antisemitischen Schm\u00e4hschrift war. Und dass dieser Text auch sein judenfeindliches Denken zum Ausdruck brachte. Einer der bedeutendsten Reformer und Inspiratoren des deutschen Fu\u00dfballs, der seine Ideen auch mithilfe j\u00fcdischer Unterst\u00fctzung entwickelt hatte, war Antisemit.<\/p>\n<div style=\"font-size: .75em; font-variant: small-caps;\">Der Autor Erik Eggers (Wulfsmoor, Schleswig-Holstein) ist Historiker und Sportjournalist. In zahlreichen Beitr\u00e4gen besch\u00e4ftigte er sich mit der Geschichte des Fu\u00dfballs.<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"font-size: .75em; font-variant: small-caps;\">B\u00fccher von und mit Erik Eggers (Auswahl):<\/div>\n<div style=\"font-size: .75em; font-variant: small-caps;\"><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"font-size: .75em; font-variant: small-caps;\">Erik <strong>Eggers<\/strong>: Fu\u00dfball in der Weimarer Republik. Agon 2001.<\/div>\n<div style=\"font-size: .75em; font-variant: small-caps;\">Dietrich <strong>Schulze-Marmeling<\/strong> (Hrsg.): Davidstern und Lederball. Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fu\u00dfball.\u00a0Verlag Die Werkstatt 2003<\/div>\n<div style=\"font-size: .75em; font-variant: small-caps;\">Erik <strong>Eggers<\/strong>: Die Stimme von Bern. Das Leben von Herbert Zimmermann. Reporterlegende bei der WM 1954. Wi\u00dfner Verlag 2004<\/div>\n<div style=\"font-size: .75em; font-variant: small-caps;\">Dietrich <strong>Schulze-Marmeling<\/strong> (Hrsg.): Strategen des Spiels. Die legend\u00e4ren Fu\u00dfballtrainer. Verlag Die Werkstatt 2005<\/div>\n<div style=\"font-size: .75em; font-variant: small-caps;\">Erik <strong>Eggers<\/strong>: B\u00f6hme &#8211; Eine deutsch-deutsche Handballgeschichte. Verlag Die Werkstatt 2009<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der sp\u00e4tere Reichstrainer Otto Nerz gilt als wichtigster Modernisierer des deutschsprachigen Fu\u00dfball in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts. Nerz erlernte das Trainerhandwerk bei Tennis Borussia von der Pieke auf, und es waren die Veilchen, bei denen er die wichtigsten Erkenntnisse der jungen Trainingswissenschaften in der Praxis erprobte. 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