{"id":1858,"date":"2013-04-10T23:55:48","date_gmt":"2013-04-10T22:55:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/?p=1858"},"modified":"2013-05-25T09:23:16","modified_gmt":"2013-05-25T07:23:16","slug":"schweren-herzens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/schweren-herzens\/","title":{"rendered":"Schweren Herzens"},"content":{"rendered":"<p><strong>Am 11. April 2013 j\u00e4hrt sich der \u201eAustritt\u201c der j\u00fcdischen Mitglieder zum 80ten Mal. Tennis Borussia nimmt dies zum Anlass, allen zu gedenken, die von den Nazis verfolgt, terrorisiert und ermordet wurden.<\/strong><\/p>\n<p>26. Dezember 1932. An Tennisclub Borussia. Lietzenburgerstr. 36. <em>Sehr geehrter Herr Pr\u00e4sident<\/em>, beginnt Arnold Sch\u00f6nberg einen Brief, der ihm au\u00dferordentlich schwer f\u00e4llt. Wie kaum ein anderer verk\u00f6rpert der Zw\u00f6lftonkomponist den intellektuellen und k\u00fcnstlerischen Aufbruch w\u00e4hrend der\u00a0 ersten 30 Jahre des 20. Jahrhunderts. Und er zeigt sich hellsichtiger als viele seiner Zeitgenossen. Am Zweiten Weihnachtsfeiertag jedenfalls bereitet der tennisbegeisterte Musiker seine Emigration vor \u2013 rund einen Monat bevor Reichspr\u00e4sident von Hindenburg Adolf \u00a0Hitler zum Reichskanzler ernennt. Weil <em>ich aber leider nicht weiss, ob wir in Berlin sein werden<\/em>, bittet Sch\u00f6nenberg den 1. Vorsitzenden der Veilchen, Dr. Otto Kuttner, <em>schweren Herzens<\/em> darum, <em>meinen Austritt zur Kenntnis zu nehmen<\/em>.<\/p>\n<blockquote><p>Ich m\u00f6chte Ihnen aber versichern, dass ich mich sofort melden werde, wenn meine Bef\u00fcrchtungen, hoffentlich!!!, nicht eintreten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Derweil Sch\u00f6nberg am Schreibtisch seinen traurigen Pflichten nachgeht, feiert der Lawn-Tennis Turnier-Club \u201eRot-Wei\u00df\u201c eine rauschende Weihnachtsgala. Star des Abends ist ein ehemaliger Tennis Borusse. Auf dem Tanzparkett schwoft die ausgelassene Festgesellschaft derart Hin und Her, <em>dass die Wogen den f\u00fcr wenige Sekunden ganz nahen Tennismeister Prenn und seine blonde h\u00fcbsche Frau in weite Ferne trugen, bevor man ihnen noch einen Gl\u00fcckwunsch zum einj\u00e4hrigen Ehe-Jubil\u00e4um zurufen konnte<\/em>, notiert die BZ am Mittag. Daniel Prenn war 1920 als 16j\u00e4hriger vor den blutigen Pogromen in seiner Heimatstadt St. Petersburg nach Berlin geflohen, er hatte an der Technischen Hochschule Charlottenburg studiert und in einem Sportartikelgesch\u00e4ft gejobbt, um seine Sportbegeisterung finanzieren zu k\u00f6nnen. Danny, wie er nur genannt wird, ist begeisterter Boxer, er spielt Fu\u00dfball \u2013 und vor allem Tennis. Zusammen mit der Deutschen Meisterin im Damen-Einzel von 1925, Nelly Neppach, nimmt er f\u00fcr die Tennis Borussia den Schl\u00e4ger in die Hand, bevor er zu Rot-Wei\u00df wechselt, wo ihm sportlich weitaus bessere Perspektiven geboten werden.<\/p>\n<div id=\"attachment_1861\" style=\"width: 260px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/04\/Daniel_Prenn_Sanella.jpg\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1861\" class=\"size-full wp-image-1861\" alt=\"Daniel Prenn &quot;schmettert&quot; beim Wimbledon-Turnier. Bild: Handbuch des Sports, Astra Margarine; Sammlung Buschbom.\" src=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/04\/Daniel_Prenn_Sanella.jpg\" width=\"250\" srcset=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/04\/Daniel_Prenn_Sanella.jpg 394w, https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/04\/Daniel_Prenn_Sanella-65x100.jpg 65w\" sizes=\"(max-width: 394px) 100vw, 394px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1861\" class=\"wp-caption-text\">Daniel Prenn &#8222;schmettert&#8220; beim Wimbledon-Turnier. Bild: Handbuch des Sports, Astra Margarine; Sammlung Buschbom.<\/p><\/div>\n<p>In einem begeisternden Aufholkampf, der <em>f\u00fcr alle Zeiten in goldenen Lettern verzeichnet bleiben<\/em> wird, wie es die BZ formulierte, hatte Danny im Sommer 1932 ein bereits verloren geglaubtes Davis-Cup-Match gedreht und gegen den Briten Fred Perry 6-2 6-4 3-6 0-6 7-5 gewonnen. Ganz Deutschland verf\u00e4llt darauf in einen Tennis-Taumel, und auch im Ausland schw\u00e4rmt man von dem sympathischen Weltranglisten Achten (in der Z\u00e4hlung von Big Bill Tilden).<\/p>\n<p>Doch nach dem Weihnachtsrausch kommt im neuen Jahr die Ern\u00fcchterung: Sch\u00f6nbergs schlimmste Bef\u00fcrchtungen bewahrheiten sich, als am Abend des 31. Januar die Stiefelabs\u00e4tze der Braunhemden auf den Asphalt unterm Brandenburger Tor knallen. Die Nazis zelebrieren, was sie <em>Tag der Macht\u00fcbernahme<\/em> nennen, und die Deutschen folgen ihnen willig. Es sind j\u00fcdische Sportler, die es zuerst zu sp\u00fcren bekommen. In vorauseilendem Gehorsam erkl\u00e4rt der Verein deutscher Faustk\u00e4mpfer am 3. April den Rauswurf seiner j\u00fcdischen Mitgliedschaft. Ebenfalls Anfang April folgt der Deutsche Tennis Bund; doch die Tennis-Offiziellen begn\u00fcgen sich nicht damit, ihren Sport f\u00fcr <em>judenfrei<\/em> zu erkl\u00e4ren, sie schlie\u00dfen vielmehr auch den eben noch gefeierten Daniel Prenn namentlich aus:<\/p>\n<blockquote><p>Der Spieler Dr. Prenn (ein Jude) wird 1933 nicht f\u00fcr die Davispokal-Mannschaft aufgestellt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ende 1933 zieht Danny die Konsequenz und flieht zum zweiten Mal in seinem Leben vor dem Hass, der ihm entgegen schl\u00e4gt. Zusammen mit seiner Frau Charlotte setzt er nach Gro\u00dfbritannien \u00fcber. Solidarit\u00e4t? Fred Perry und Henry Wilfred Austin, den sie <i>Bunny<\/i> nennen, melden sich am 13 April in einem offenen Brief an die Londoner Times zu Wort: <em>Mit gro\u00dfer Best\u00fcrzung lesen wir die offizielle Stellungnahme \u2026, dass Dr. D. D. Prenn Deutschland im Davis Cup nicht repr\u00e4sentieren wird, aus dem einzigen Grund, dass er j\u00fcdischer Herkunft ist.<\/em><\/p>\n<p>Am 11. April l\u00e4sst der Boxverband verlautbaren, dass er dem Tennis Borussen Erich Seelig seine beiden Titel im Mittelgewicht und Halbschwergewicht aberkennt. Noch am gleichen Abend erkl\u00e4rt in einer eilig einberufenen Mitgliederversammlung ein Gro\u00dfteil der j\u00fcdischen Mitgliedschaft ihren Vereinsaustritt. Etwa zehn Prozent der Veilchen sind nach dem Verst\u00e4ndnis der Nazis j\u00fcdisch; demnach verlassen rund 40 Personen den Verein, darunter Vereinsgr\u00fcnder Alfred Lesser, die beiden Vereins\u00e4rzte Dr. Jack Karp \u2013 ein amtierender Vorstand! \u2013 und Dr. Adolf Wisotzki, die wohl zu den ersten Sport\u00e4rzten im deutschsprachigen Fu\u00dfball z\u00e4hlen, Georg Michaelis und Max Berglas, bei denen Sepp Herberger eine Anstellung gefunden hatte, die Br\u00fcder Leiserowitsch, die Br\u00fcder Seelig, und viele andere, die leider namenlos bleiben.<\/p>\n<p>Vollst\u00e4ndig vom sportlichen Alltag isoliert, geht Nelly Neppach in der Nacht vom 7. auf den 8. Mai in den Freitod. <em>Das Vordringen der Naziideologie<\/em>, sei der Grund f\u00fcr ihren Selbstmord gewesen, sagen Freunde von ihr. Insbesondere der Entschluss des Deutschen Tennis Bund, die j\u00fcdische Mitgliedschaft auszusperren, wird f\u00fcr ihren depressiven Schub verantwortlich gemacht. Nellys Mann Robert (ein bekannter Architekt, Filmausstatter und Produzent) geh\u00f6rt bei den Veilchen zur Stammbelegschaft der Alten Herren. Der immer hemmungsloser ausgelebte Antisemitismus in Nazi-Deutschland zwingt ihn in den folgenden Jahren zu langen Trennungen von seiner zweiten Frau Grete Walter, der j\u00fcngsten Tochter des bekannten Dirigenten Bruno Walter. Die Eheleute entfremden sich, Grete will die Scheidung. Am 18. August 1939 betritt Robert ein Appartement in Z\u00fcrich, wohin sich Bruno und Grete Walter vor den Nazis gefl\u00fcchtet haben. Neppach erschie\u00dft zun\u00e4chst seine Frau und richtet dann sich selbst.<\/p>\n<p>Zuhause in Berlin wird Ete Seelig von den Nazis bedroht, sollte er die Titelverteidigung im Halbschwergewicht antreten. Erich flieht zusammen mit seinem Bruder Heinz im Mai 1933 zun\u00e4chst nach Paris, und sp\u00e4ter \u00fcber Kuba in die USA, wo er mit einem furiosen Kampf gegen die Box-Legende Mickey Walker seine Karriere fortsetzt. Am Tag nach dem Walker Kampf steigt Erich gegen die Nazis in den Ring, und setzt sich auf das Podium einer von der amerikanischen Anti-Nazi-Bewegung durchgef\u00fchrten Veranstaltung.<\/p>\n<p>Alfred Lesser gr\u00fcndet zusammen mit Schwager Adolf Wisotzki, Jacques Karp, Georg Michaelis und anderen die Sportgemeinschaft 33. Andere Tennis Borussen organisieren sich im Verein Kaffee K\u00f6nig, benannt nach einem Caf\u00e9 auf dem Boulevard Unter den Linden. 1934 d\u00fcrfen Juden auch offiziell nicht mehr mit <em>Ariern<\/em> Sport treiben, und so bl\u00fcht der j\u00fcdische Sportbetrieb eine traurige Scheinbl\u00fcte. Lesser stirbt im us-amerikanischen Exil. Seine Witwe Tutti schreibt 1952 aus New York an seine Veilchen, sie lege ihrem Alfred stets lila-wei\u00dfe Blumen aufs Grab, <em>Tennis Borussia geh\u00f6rte doch so sehr zu seinem Leben!<\/em><\/p>\n<p>Viele andere wenden sich wie Tutti Lesser nach dem Krieg erneut an ihre Veilchen: Konrad Friedl\u00e4nder geh\u00f6rt nach seiner Befreiung aus dem KZ zu jenen, die 1945 den verwaisten Verein wiederbeleben. Leopold Leiserowitsch, dessen Bruder Fritz von den Nazis ermordet wurde, tritt wie Georg Michaelis ebenfalls erneut in den Verein ein. Briefe treffen aus allen Winkeln der Welt ein, etwa von Jack Karp, Walter Gore, und vielen anderen. Und als die Veilchen ihr 50j\u00e4hriges Jubil\u00e4um feiern, setzt eine rege Reiset\u00e4tigkeit nach Berlin ein. Max Berglas macht dem Verein eine gro\u00dfz\u00fcgige Stiftung.<\/p>\n<p>Mit seinem \u201e\u00dcberlebenden aus Warschau\u201c ist Arnold Sch\u00f6nberg eine der bewegendsten musikalischen Bearbeitungen des Holocaust gelungen. Darin l\u00e4sst ein SS-Mann jene durchz\u00e4hlen, die er ins Gas schickt:<\/p>\n<blockquote><p>Und nochmals begannen sie, erst langsam: eins, zwei, drei, vier, nun ging es immer schneller, so schnell, dass es schlie\u00dflich wie das Stampfen wilder Rosse klang, und dann auf einmal &#8211; ganz pl\u00f6tzlich mittendrin &#8211; fingen sie an das Schma Jisrael\u00a0 zu singen.<\/p>\n<p>H\u00f6re Jisrael! Adonai (ist) unser Gott; Adonai (ist) Eins.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Am 11. April 2013 j\u00e4hrt sich der \u201eAustritt\u201c der j\u00fcdischen Mitglieder zum 80ten Mal. Tennis Borussia nimmt dies zum Anlass, allen zu gedenken, die von den Nazis verfolgt, terrorisiert und ermordet wurden. 26. Dezember 1932. An Tennisclub Borussia. Lietzenburgerstr. 36. Sehr geehrter Herr Pr\u00e4sident, beginnt Arnold Sch\u00f6nberg einen Brief, der ihm au\u00dferordentlich schwer f\u00e4llt. 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