{"id":189,"date":"2011-03-28T17:14:49","date_gmt":"2011-03-28T16:14:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/?p=189"},"modified":"2016-04-06T10:18:51","modified_gmt":"2016-04-06T08:18:51","slug":"eine-mutige-frau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/eine-mutige-frau\/","title":{"rendered":"Eine mutige Frau"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Tennis Borussin Nelly Neppach war deutsche Meisterin im Damentennis von 1925.\u00a0 Im Mai 1933 ging sie in den Freitod.<\/strong><\/p>\n<p>In der Nacht vom Sonntag, den 7. Mai 1933, auf Montag, den 8. Mai, nahm sich Nelly Neppach im Alter von 34 Jahren mit Veronal und Gas das Leben. Nelly, die 1925 die Deutsche Meisterschaft im Damentennis errang, war der wohl erste echte weibliche Sportstar von internationalem Ruf in Deutschland. Das \u201eVordringen der Naziideologie in den deutschen Tennissport\u201c war nach Meinung von Freunden der Grund f\u00fcr ihren Selbstmord: \u201eDie j\u00fcngste Aktion des deutschen Tennis, nicht-arische Spieler von der Teilnahme an offiziellen Begegnungen auszusperren gilt als verantwortlich f\u00fcr ihren depressiven Schub.\u201c<\/p>\n<p>Nellys Freitod hatte eine Vorgeschichte. Als erste deutsche Tennisspielerin bereiste sie 1926 auf Einladung der franz\u00f6sischen Meisterin Suzanne Lenglen das Staatsgebiet des \u201eErzfeindes\u201c und ehemaligen Kriegsgegners Frankreich. Entlang der franz\u00f6sischen Riviera traf sie auf die Cr\u00e8me de la Cr\u00e8me des internationalen Damentennis, neben Mlle. Lenglen v. a. auf die amerikanische Meisterin Helen Wills. Die internationale Presse war von ihrem leidenschaftlichen Spiel und ihrem au\u00dferordentlich kraftvollen Schlag, Vorhand wie R\u00fcckhand, begeistert. Doch Neppach unternahm diese Reise gegen den erkl\u00e4rten Willen des Deutschen Tennis Bund (DTB). In Frankreich erreichte die Tennis Borussin eine Sperrorder der deutschen Offiziellen, die ihr mit dem Ausschluss aus dem regul\u00e4ren Spielbetrieb in Deutschland drohten, sollte sie die Reise nicht umgehend abbrechen. Nelly kommentierte den Vorgang mit den Worten, \u201eniemals habe ich irgendwo einen w\u00e4rmeren Empfang bekommen als von den Franzosen an der Riviera. Es sind meine eigenen Leute, die aus dem Hinterhalt auf mich schie\u00dfen.\u201c W\u00e4hrend au\u00dferhalb Deutschlands ihr gro\u00dfe Sympathie f\u00fcr diese mutige Haltung entgegen gebracht wurde, biss Neppach bei ihren Landsleuten auf Granit.<\/p>\n<p>Bereits im Oktober und November 1924 traf die erste Herren der Tennis Borussia als erste deutsche Fu\u00dfballmannschaft auf eine franz\u00f6sische Auswahl. Sowohl das Hin- wie das R\u00fcckspiel konnten die Berliner Veilchen f\u00fcr sich gewinnen. W\u00e4hrend des gesellschaftlichen Abendprogramms zum R\u00fcckspiel in Berlin verriet DFB-Pr\u00e4sident Felix Linnemann seine Erleichterung \u00fcber den positiven Ausgang des hoch brisanten Aufeinandertreffens: \u201eGro\u00df und gef\u00e4hrlich war das Unternehmen, und, meine Herren, seien sie \u00fcberzeugt, so gro\u00df die allgemeine Sympathie nach dem Gelingen heute ist, gesteinigt h\u00e4tte man Sie, w\u00e4re der Verlauf ein anderer geworden.\u201c Die positiven Erfahrungen, die Nellys Verein nur wenig zuvor gemacht hatte, m\u00f6gen ihr den Blick auf die Risiken ihres Unternehmens verstellt haben.<\/p>\n<p>Denn dass sich hinter dem Pathos Linnemanns bitterer Ernst verbarg, das musste Nelly Neppach anderthalb Jahre sp\u00e4ter erfahren. Am 8. M\u00e4rz erreichte sie in Nizza ein zweites Ultimatum des DTB. Unmissverst\u00e4ndlich drohte es wiederum mit Ausschluss vom deutschen Spielbetrieb, wenn sie erneut an der Riviera antrete. Nelly entschloss sich zur R\u00fcckreise. Doch ihr Einlenken kam zu sp\u00e4t. Denn kaum in Berlin angekommen, erreichte sie \u00fcber die Tagespresse am 11. M\u00e4rz ein drittes Schreiben des DTB, das der \u00d6ffentlichkeit mitteilte, Frau Neppach sei \u201ebis auf weiteres von jedweder Teilhabe am deutschen Tennis ausgeschlossen.\u201c Der nationalistische Ton der Pressemitteilung war ungew\u00f6hnlich scharf. Die Rede war von \u201efalsch verstandenem Locarno-Geist\u201c. Auch antisemitische Untert\u00f6ne fanden sich darin. Es sei ein Netzwerk aus \u201ebefreundeten Federn\u201c, dem sie ihre Popularit\u00e4t verdanke. Der Topos von der Medienkontrolle und einem unter der Oberfl\u00e4che agierenden Netzwerk aus \u201eZeitungsschreibern\u201c, die \u201edie \u00f6ffentliche Meinung in allen Fragen der Politik nach Belieben erregen oder beruhigen, \u00fcberzeugen oder verwirren\u201c, geh\u00f6rt sp\u00e4testens seit den \u201eProtokollen der Weisen von Zion\u201c ins antisemitische Standardrepertoire. Dass der DTB durch die Berichterstattung \u00fcber eine einzelne Person \u201ein seinem Ansehen innerhalb und au\u00dferhalb des deutschen Tennissport schwer gesch\u00e4digt worden\u201c sein will; dass diese Berichterstattung ferner umstandslos der betroffenen Person und ihrem Umfeld zugeschrieben wird \u2013 all das leuchtet freilich nur ein, wer in der Popularit\u00e4t einer jungen Sportlerin, einer J\u00fcdin zumal, nichts anderes als das Ergebnis verschw\u00f6rerischer Umtriebe zu sehen vermag. Folgerichtig musste der DTB der Deutschen Meisterin von 1925 denn auch g\u00e4nzlich den sportlichen Erfolg absprechen. Nelly Neppach habe ihren Meistertitel einem \u201eGl\u00fcckssieg\u201c zu verdanken, hie\u00df es.<\/p>\n<p>Der Vorgang war so ungeheuerlich, dass selbst einem alten Hasen wie Willy Meisl der Atem stockte. Der \u201eK\u00f6nig der Sportjournalisten\u201c, wie ihn Zeitgenossen nannten, meldete sich erst acht Tage sp\u00e4ter, in der Vossischen Zeitung vom 19.03.1926 zu Wort. Er habe bislang geschwiegen, um \u201edie keineswegs allzu schwierige Regelung dieser Angelegenheit [dem DTB] selbst zu \u00fcberlassen\u201c. Stattdessen: \u201eMit einem wahren Jubelschrei st\u00fcrzte sich das Strafgericht auf Frau Neppach.\u201c Nelly, schreibt er, mag \u201eMangel an Taktgef\u00fchl\u201c gezeigt haben, als sie die Weisung des DTB ignorierte. Das Schreiben des DTB sei hingegen eine \u201eUngeheuerlichkeit schlechthin\u201c. Wo der DTB im Recht gewesen sei, habe er sich ins Unrecht gesetzt, denn \u201edie Strafe des Schuldigen ist nicht das Vergn\u00fcgen des Richters.\u201c Nellys Sieg als \u201eGl\u00fcckssieg\u201c zu bezeichnen, sei sportlich widersinnig, da es keinen sportlichen Erfolg ohne \u201eGl\u00fcck\u201c gebe; es sei menschlich ungeh\u00f6rig und es zeuge schlie\u00dflich von der Selbstvergessenheit einer \u201eSportbeh\u00f6rde\u201c, die \u201ejedem Mitglied und schon gar einer Dame gegen\u00fcber objektiv, und wenn schon das nicht, dann noch immer h\u00f6flich und korrekt zu sein hat.\u201c Kurzum: der DTB habe \u201esich selbst Antipropaganda\u201c gemacht.<\/p>\n<p><div id=\"attachment_2178\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2011\/03\/Nelly-Bamberger-19133.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2178\" src=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2011\/03\/Nelly-Bamberger-19133-620x1149.jpg\" alt=\"Nelly Neppach, geborene Bamberger, 1913. Foto: Die Woche. Moderne illustrierte Zeitschrift, Berlin, Ausgabe Nr. 23, 8. August 1913; Archiv Buschbom.\" width=\"200\" height=\"371\" class=\"size-medium wp-image-2178\" srcset=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2011\/03\/Nelly-Bamberger-19133-620x1149.jpg 620w, https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2011\/03\/Nelly-Bamberger-19133-54x100.jpg 54w, https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2011\/03\/Nelly-Bamberger-19133.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2178\" class=\"wp-caption-text\">Nelly Neppach, geborene Bamberger, 1913. Foto: Die Woche. Moderne illustrierte Zeitschrift, Berlin, Ausgabe Nr. 23, 8. August 1913; Archiv Buschbom.<\/p><\/div>Nelly Neppach erregte gleich auf dreifache Weise die erzreaktion\u00e4ren Gem\u00fcter der Weimarer Republik. Als Frau \u2013 denn ihr selbstbewusstes und k\u00e4mpferisches Auftreten wollte so gar nicht in die Rollenklischees passen. Als J\u00fcdin \u2013 denn war es nicht einem j\u00fcdischen Dolchsto\u00df zu verdanken gewesen, dass der Erste Weltkrieg verloren gegeben werden musste? Und ausgerechnet so eine bereist den Erzfeind? Und schlie\u00dflich als international beachtete und gesch\u00e4tzte Sportlerin \u2013 denn widersprach die \u201eReklame\u201c, der sie ihren Ruf allein verdanken konnte, nicht wahrem Sportgeist? \u201eJeder echte Sportsmann hat f\u00fcr eine derartige Reklame g\u00fcnstigstenfalls nur ein mitleidiges L\u00e4cheln\u201c, so hie\u00df es in der Pressemitteilung des DTB vom 11. M\u00e4rz.<\/p>\n<p>1910, im Alter von zw\u00f6lf Jahren, errang Nelly (unter ihrem M\u00e4dchennamen Bamberger) ihren ersten Turniersieg. An die 1.000 weitere sollten folgen, sch\u00e4tzten Beobachter. Sie hatte ihr Leben dem Sport gewidmet, und dieses Leben wurde mit der Machtergreifung der Nazis beendet. Am 11. April trat die j\u00fcdische Mitgliedschaft der Tennis Borussia unter ungekl\u00e4rten Umst\u00e4nden aus dem Verein aus. Anfang Mai erkl\u00e4rte der DTB seinen Sport f\u00fcr \u201ejudenfrei\u201c. Damit war Nelly Neppach vollst\u00e4ndig vom sportlichen Alltag isoliert. Also ging Nelly in den Freitod.<\/p>\n<p>Am 12. Mai erkl\u00e4rte das offizielle Verbandsmagazin, \u201eTennis und Golf\u201c, in einer kurzen Mitteilung lapidar, das Leben der Nelly Neppach habe ein \u201eschnelles Ende\u201c genommen. \u201eNicht zu fr\u00fch\u201c, nicht ein \u201eersch\u00fctterndes\u201c, ein \u201eunfassbares\u201c oder ein \u201eunbegreifliches Ende\u201c, wie Christian Eichler in der Festschrift zum 100j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um des DTB v\u00f6llig zu recht festh\u00e4lt, sondern eben: \u201eein schnelles Ende\u201c, \u201eals beschreibe [der Chronist] nicht ein tragisches Schicksal, sondern ein Problem, das sich von selber gel\u00f6st hat\u201c (Eichler).<\/p>\n<p>Nelly Neppach war eine mutige Frau.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Tennis Borussin Nelly Neppach war deutsche Meisterin im Damentennis von 1925.\u00a0 Im Mai 1933 ging sie in den Freitod. In der Nacht vom Sonntag, den 7. Mai 1933, auf Montag, den 8. 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