{"id":1904,"date":"2013-05-09T22:51:05","date_gmt":"2013-05-09T20:51:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/?p=1904"},"modified":"2016-10-26T10:42:58","modified_gmt":"2016-10-26T08:42:58","slug":"rulle-deinert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/rulle-deinert\/","title":{"rendered":"Eine treue Seele aus K\u00f6penick"},"content":{"rendered":"<p><strong>Tennis Borussia erinnert sich an Rudolf Deinert<\/strong><\/p>\n<p>Beinahe w\u00e4re er Weltmeister geworden. Rudolf<i> <\/i>Deinert steht 1954 auf dem Zettel von Bundestrainer Herberger, und als sich der gesetzte Rechtsverteidiger Retter verletzt, w\u00e4re <em>Rulle<\/em>, wie sie ihn nennen, am Zug. Aber Herberger entscheidet sich gegen ihn und l\u00e4sst stattdessen einen Linksverteidiger auflaufen. Einen Berliner Spieler zu setzen, gar einen, der wie Deinert im Osten der Stadt wohnt, dieses\u00a0 Risiko ist dem Seppl zu hoch.* Denn Anreisen zu Spielen \u00fcberall au\u00dferhalb Berlins \u00a0f\u00fchren notwendig durch das Staatsgebiet der DDR, und Herberger bef\u00fcrchtet Probleme bei der Aus- und Einreise. Andere Stimmen munkeln freilich, dass Deinert aus ganz anderen Gr\u00fcnden vom \u00a0ehemaligen Veilchentrainer nicht nominiert wird. Denn dem <em>harten Hund<\/em> Herberger missf\u00e4llt das gro\u00dfst\u00e4dtische, das Boh\u00e8mien-Milieu der Tennis Borussia. Besonders wettert er gegen den Alkohol- und Tabakkonsum, der auch bei den Spielern gang und g\u00e4be ist. Schon w\u00e4hrend seiner aktiven Zeit Ende der 1920er Jahre hatte Seppl darunter zu leiden gehabt, dass er als <em>provinziell<\/em>, als <em>Streber<\/em> und <em>Wichtigtuer<\/em> verrufen war. Der <em>keusche Josef<\/em>, spotteten sie, wie Herberger-Biograph J\u00fcrgen Leinemann berichtet. So einem muss eine starke und eigenwillige Pers\u00f6nlichkeit wie <em>Rulle<\/em> Deinert erscheinen wie ein Geist aus der Vergangenheit.<\/p>\n<p>Am 1. Dezember 1952 verstirbt Rudolf Junik an den Folgen eines Autounfalls. Die L\u00fccke, die der Stopper hinterl\u00e4sst, ist riesig. Junik war ein K\u00f6nner, nahm an einigen Nationalspieler-Lehrg\u00e4ngen Herbergers teil. Am 17. Juni 1951 sa\u00df er auf der Reservebank, als die deutsche Auswahl auf die T\u00fcrkei traf. Und die Berliner liebten ihren <em>Pepe<\/em>, der von ihnen 1952 mit Abstand zum beliebtesten Spieler Berlins gekr\u00f6nt wurde. In diese Rolle muss nun Neuling Deinert hineinwachsen, der zu Beginn der Saison 1951\/52 von Minerva zu den Veilchen gelotst worden war.<\/p>\n<p>Als Knabe kickt <em>Rulle<\/em>, geboren am 2. Juni 1928, beim Gr\u00fcnauer BC (1938 -1944), der SG K\u00f6penick (1945 \u2013 1950) und sp\u00e4ter f\u00fcr ein Jahr bei der Minerva 93 (1950 \u2013 1951). Bei den Veilchen erweist er sich als \u00fcberaus w\u00fcrdiger Nachfolger f\u00fcr <em>Pepe<\/em> Junik. Ein knallharter Verteidiger und spielerisches Ausnahmetalent. Insgesamt bestreitet Deinert 268 Ligaspiele in Berlin, davon allein 242 f\u00fcr Tennis, sp\u00e4ter \u00fcbernimmt er als Kapit\u00e4n die Verantwortung auf dem Gr\u00fcn. F\u00fcr die Berliner Auswahl streift er sich 32mal das Jersey \u00fcber. Und bei der B-Nationalelf springt Herberger doch \u00fcber seinen Schatten, Rudolf Deinert am 24.3.1954 gegen England (B) zu nominieren.<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Gardiewski steht als Steppke unter den Zuschauern im Mommsenstadion. <em>Ab 1956<\/em> pilgert der Elfj\u00e4hrige <em>als Fan stets ins Mommsenstadion (um den Fahrpreis zu sparen, meist von Steglitz zu Fu\u00df anreisend) oder zu den anderen Berliner Pl\u00e4tzen<\/em>. Besonders beeindruckt es ihn, wenn Tausende als Running Gag ihren Lieblingsverteidiger anfeuern. <em>Rulle, Rullllllle!!!!!<\/em>, donnert es, wenn sich Deinert den Ball f\u00fcr einen Standard zurecht legt. Das ist ungew\u00f6hnlich, denn damals geh\u00f6rten Verteidiger noch weniger zu den Adressaten von Liebesbekundungen der Fans, als es heute der Fall ist. <em>Deinert war ein harter, fairer Verteidiger \u201ealter Schule\u201c (was auch sonst), der sich aber gern auch mal als strafraumnaher Freisto\u00dfsch\u00fctze anbot, nat\u00fcrlich nicht so erfolgreich wie mancher Freisto\u00dfspezialist heutiger Version.<\/em><\/p>\n<p><em>Rulle! Rulle!<\/em> In diesen Rufen steckt auch eine geh\u00f6rige Portion Humor, der bis heute seinen festen Platz im Mommsenstadion hat. Und es ist eine Liebeserkl\u00e4rung an einen der beliebtesten Spieler des Teams.<\/p>\n<p>Denn <em>Rulle<\/em> Deinert ist nicht nur ein au\u00dfergew\u00f6hnlicher Fu\u00dfballer; er geh\u00f6rt zu jenen Spielern, bei denen Genie und Eigenwilligkeit Hand in Hand gehen. <em>Rulle<\/em> polarisiert, doch die allermeisten Veilchenfans lieben ihn f\u00fcr seine exzentrischen Auftritte. Wolf-Dietrich Block wird als Zuschauer Zeuge einer dieser ungew\u00f6hnlichen Einlagen. Ostern 1952. Die Tennis Borussen begehen ihr 50tes Jubil\u00e4um mit einem Spiel gegen Schalke 04. Aus der ganzen Welt reisen Borussen an (selbst aus S\u00fcdafrika kommen sie!), und wer im Fu\u00dfball Rang und Namen hat, sitzt unter den Zuschauern: DFB-Pr\u00e4sident (und ehemaliges TeBe-Mitglied) Peco Bauwens, der ehemalige Veilchenst\u00fcrmer, -trainer und Bundestrainer Josef Herberger, auch Richard Girulatis ist anwesend, sowie zahlreich Prominenz aus Politik und Gesellschaft. <em>Da ein optischer Trikot- \u00a0und Hosenunterschied (Schalke blau\/wei\u00df, TeBe lila\/wei\u00df) von den 75 000 Zuschauern (die sich\u00a0bereits nach wenigen Minuten lautstark beschwerten!) nur schwer auszumachen war, wurde<\/em><i>, <\/i>wie Augenzeuge Block sich erinnert, <em>das Spiel kurzfristig\u00a0 f\u00fcr einen Hosentausch unterbrochen. Auf dieser \u201eB\u00fchne\u201c zog sich auch Rulle seine wei\u00dfe Hose aus \u2013 er hatte aber nichts darunter! \u2013 um dann in eine blaue zu schl\u00fcpfen. Das Olympiastadion erzitterte durch tausende lachender\u00a0Zuschauer in seinen Grundfesten!<\/em><\/p>\n<p>Elf Jahre lang erfreut <em>Rulle<\/em> Deinert seine Tennis Borussen. Zwei Wochen vor dem Mauerbau zieht er nach West-Berlin, um sein letztes Punktspiel f\u00fcr die Veilchen am 25.3.62 beim 3:0-Sieg \u00fcber Wacker 04 zu bestreiten. Doch dann zieht es ihn aus privaten Gr\u00fcnden zur\u00fcck nach K\u00f6penick. Aber gleich nach dem Mauerfall im Herbst 1989 geh\u00f6rt er zu den ersten, die dem Mommsenstadion erneut ihre Aufwartung machen.<\/p>\n<p>Rudolf Deinert verstarb am 24. April 2013.<\/p>\n<p>Die Tennis Borussen erinnern sich an ihre treue Seele aus K\u00f6penick. Sie erinnern sich an einen gro\u00dfartigen Sportler und liebenswerten Sportsfreund.<i><\/i><\/p>\n<div id=\"attachment_1905\" style=\"width: 348px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/05\/Mannschaft_1950er_Rulle_Deinert.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1905\" class=\"size-full wp-image-1905\" alt=\"Rudolf &quot;Rulle&quot; Deinert (links) neben M\u00e4nne Wenske.\" src=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/05\/Mannschaft_1950er_Rulle_Deinert.jpg\" width=\"338\" height=\"486\" srcset=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/05\/Mannschaft_1950er_Rulle_Deinert.jpg 338w, https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/05\/Mannschaft_1950er_Rulle_Deinert-69x100.jpg 69w\" sizes=\"auto, (max-width: 338px) 100vw, 338px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1905\" class=\"wp-caption-text\">Rudolf &#8222;Rulle&#8220; Deinert (links) neben M\u00e4nne Wenske. Foto: unbekannt; Quelle: Sammlung Buschbom.<\/p><\/div>\n<p>*Recherchiert von der Homepage die <a href=\"http:\/\/www.dieheldenvonbern.de\/chronik.phtml?q=B124\">Die Helden von Bern<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Tennis Borussia erinnert sich an Rudolf Deinert Beinahe w\u00e4re er Weltmeister geworden. Rudolf Deinert steht 1954 auf dem Zettel von Bundestrainer Herberger, und als sich der gesetzte Rechtsverteidiger Retter verletzt, w\u00e4re Rulle, wie sie ihn nennen, am Zug. Aber Herberger entscheidet sich gegen ihn und l\u00e4sst stattdessen einen Linksverteidiger auflaufen. 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