{"id":1966,"date":"2013-06-07T20:15:45","date_gmt":"2013-06-07T18:15:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/?p=1966"},"modified":"2015-12-12T17:21:16","modified_gmt":"2015-12-12T16:21:16","slug":"wenn-der-himmel-nicht-mehr-weint","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/wenn-der-himmel-nicht-mehr-weint\/","title":{"rendered":"Wenn der Himmel nicht mehr weint"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das \u201eSkandalspiel\u201c TeBe gegen Preu\u00dfen M\u00fcnster, 10. Juni 1951.<\/strong><\/p>\n<p>Halleluja Horst! Irgendwie angelt sich Schmutzler <em>hart an der Mittelfeldlinie<\/em> einen Querpass von Warstat und startet durch. Vorbei an der verdutzten Hintermannschaft der Preu\u00dfen aus M\u00fcnster, vorm Strafraum bedr\u00e4ngt nur durch Rickmann. Schmutzler h\u00e4lt in seiner unnachahmlichen Art stramm drauf, und Torwart Mierzowski bekommt <em>zwar das Leder in die H\u00e4nde<\/em>, l\u00e4sst es aber <i>zum <\/i><em>ma\u00dflosen Entsetzen der M\u00fcnsteraner ins Netz trudeln!<\/em> Hooorst! Noch sind an diesem Sonntag, 10. Juni 1951, um 16:04 Uhr keine f\u00fcnf Minuten gespielt, und schon f\u00fchren die Veilchen gegen den <em>Wundersturm aus dem Westfalenland<\/em>, wie die Presse die Offensivabteilung um Adi Preissler ein ums andre Mal in den Fu\u00dfballhimmel lobt.<\/p>\n<p>Der hatte den ganzen Tag alle seine Schleusen ge\u00f6ffnet und erst kurz vor Spielbeginn seine Tr\u00e4nen getrocknet. Als am Nachmittag die Wolken sich lichten und Kl\u00e4rchen dem Himmel ein freundlicheres Gesicht verleiht, ist das <em>Olympia-Stadion<\/em> tats\u00e4chlich <em>mit 35.000 Zuschauern so d\u00fcnn wie lange nicht besetzt<\/em>. Sie alle sehen eine erste Halbzeit, die die Preu\u00dfen am Boden zerst\u00f6rt. Denn die Westfalen rechnen fest mit dem Einzug ins Finale um die Deutsche Meisterschaft 1950\/51. <em>Da hilft kein Leim, da hilft kein Kleister, Preu\u00dfen M\u00fcnster wird Deutscher Meister. <\/em>Das Westfalenland, wie es singt und lacht. An diesem sechsten und finalen Spieltag jedenfalls schlagen dem HSV, dem Club und den Preu\u00dfen aus f\u00fcnf Spielen jeweils drei Siege und zwei Niederlagen zu Buche. Nur Tennis krepelt mit vier Niederlagen und einem Sieg \u2013 ausgerechnet gegen die Westfalen! \u2013 im Tabellenkeller.<\/p>\n<p>Erstmals in der Geschichte des deutschen Fu\u00dfballs l\u00e4sst der DFB die Meisterschaft nach einem Punktsystem ausspielen. Zwei Punkte f\u00fcr einen Sieg, einer f\u00fcrs Unentschieden, zwei Abzug bei einer Niederlage. Bei Punktgleichheit soll das Torverh\u00e4ltnis entscheiden. Die deutschen Fu\u00dfballfans wittern Ungemach. Konnte zuvor die Tagesform einzelner Spieler \u00fcber Wohl und Wehe entscheidend werden, nun also <em>Zahlenarithmetik<\/em>, wie sie abf\u00e4llig monieren. <em>Mathematik<\/em> \u2013 das hat mit Fu\u00dfball nichts zu tun!<\/p>\n<p>Der Spieltagt birgt Dynamit, und Tennis z\u00fcndelt m\u00e4chtig an der Lunte. Der Veilchen-Sturm wirbelt die M\u00fcnsteraner Hintermannschaft schwindelig. <em>Rickmann wurde von Schmutzler dauernd \u201estehengelassen\u201c, Pohnke musste Graf ziehen lassen und auch Lezgus .. wusste nicht zu \u00fcberzeugen<\/em>. Und dann die 25. Minute: <em>Berndt war in der Seite durchgebrochen, von beiden Seiten eilten Schulte und Pohnke herbei, um das Leder aus der Gefahrenzone zu bef\u00f6rdern, aber im richtigen Augenblick, als Schulte gerade zum Schuss ansetzen wollte, streckte Hanne Berndt instinktiv sein linkes Bein dazwischen, so dass das Leder unhaltbar ins Netz ging.<\/em> 2:0! Minutenlang liegt die geschlagene Abwehr wie benommen vorm eigenen Kasten (siehe Titelfoto). <em>Die Preu\u00dfen k\u00f6nnen es gar nicht fassen und sind schwer deprimiert<\/em>. Aber die Westfalen besinnen sich auf preu\u00dfische Tugenden und rappeln sich wieder auf. Immerhin gelingt Schulz in der 31. Minute der wichtige Anschlusstreffer. Der erste Durchgang geht klar an die Lila-Wei\u00dfen.<\/p>\n<p>2. Halbzeit. Was dann geschieht, geht als erster Tornado im Wasserglas in die Geschichte des Nachkriegsfu\u00dfballs ein. Unmittelbar nach Wiederanpfiff sieht es zun\u00e4chst aus, als machten die Veilchen weiter, wo sie aufgeh\u00f6rt hatten. <em>Die Borussen dr\u00fcckten noch einmal f\u00fcr einige Minuten. Voll offensiv wurde gespielt<\/em><i>. <\/i>Doch dann macht sich das hohe Tempo bemerkbar. Insbesondere in der Abwehr, ganz auf Manndeckung abgestellt, lassen die Kr\u00e4fte nach. Immer wieder gelingt es den F\u00fcnfen vom M\u00fcnsteraner <em>Wundersturm<\/em>, sich von ihren lila-wei\u00dfen Schatten zu l\u00f6sen. <em>Und mitten in dieser letzten Offensive der Berliner brach es \u00fcber sie herein. Urpl\u00f6tzlich schoss der nach innen gewechselte Lammers aus 20 Metern einen unwahrscheinlich scharfen Schuss unter die Latte. Das war in der 56. Spielminute<\/em><i>. <\/i>2:2! Von nun an ist kein Halten mehr.<\/p>\n<p>72. Minute: 2:3.<\/p>\n<p>75. Minute: 2:4.<\/p>\n<p>78. Minute: 2:5.<\/p>\n<p>80. Minute: 2:6.<\/p>\n<p>86. Minute: 2:7. In N\u00fcrnberg feiern sie bereits den Einzug ins Finale, denn parallel zur Begegnung in Berlin besiegt der Club in diesen Minuten den HSV 4:1. Das Torverh\u00e4ltnis reicht, um den Franken den Platz an der Tabellenspitze zu sichern.<\/p>\n<p>Aber dann die 88. Minute: Rachuba stellt mit einem kraftvollen Torschuss den Endstand von 2:8 her. Nun ist Preu\u00dfen M\u00fcnster im\u00a0 Finale!<\/p>\n<p>Wenige Minuten nach Abpfiff der Partie, entl\u00e4sst am Mikrophon des Bayerischen Rundfunks Radiosprecher Sammy Drexel die Behauptung in den s\u00fcddeutschen \u00c4ther, <em>die Berliner Begegnung Borussia \u2013 Preu\u00dfen sei zwanzig Minuten sp\u00e4ter zu Ende gegangen als das N\u00fcrnberger Parallel-Spiel der Endrunde, 1. Fu\u00dfballclub N\u00fcrnberg gegen Hamburger Sportverein.<\/em><\/p>\n<p>In der Frankenmetropole mag man nur noch eines glauben: Das geht nicht mit rechten Dingen zu, und so setzen die Herren hektisch ein unerh\u00f6rtes Schreiben auf, das umgehend zum DFB nach Frankfurt gekabelt wird:<\/p>\n<blockquote><p>Behaupten absichtliche Verletzung spielerischer Fairness durch Tennis-Borussia. Spieler von Tennis- Borussia erkl\u00e4rten nach dem Spiel Tennis-Club, sie w\u00fcrden Preu\u00dfen jedes Tor mehr gestatten, das diesen den Gruppensieg erm\u00f6glicht. \u2013 Beweis hierf\u00fcr: Spieler Morlock, Herbolsheimer, Bergner, Vorstandsmitglied Lutter, 1. FC N\u00fcrnberg. \u2013 Gegenzeugen Wilde und Schmutzler, Tennis-Borussia. \u2013 Weitere Gegenzeugen ausdr\u00fccklich vorbehalten. Spielbeginn entgegen offizieller Anordnung zu Beginn zehn Minuten, bei Halbzeit zwanzig Minuten sp\u00e4ter als N\u00fcrnberg-Spiel. \u2013 Schiebung bei Sachlage offensichtlich. \u2013 Wehren uns mit aller Entschiedenheit gegen solche Machenschaften verantwortungsloser Vereine. Brechen ab sofort alle sportlichen Beziehungen zu Tennis-Borussia ab.<\/p>\n<p>Beantragen hiermit Entscheidungsspiel \u00fcber die Berechtigung zum Endspiel zwischen Preu\u00dfen-M\u00fcnster und Club in Frankfurt am 17. Juni 1951. Erfahren soeben, dass Berliner Publikum beide Mannschaften mit dem Zuruf \u201eErzschieber\u201c verabschiedete. Vorstandsmitglieder von M\u00fcnster haben Clubmitgliedern von M\u00fcnster gegen\u00fcber erkl\u00e4rt, Tennis-Borussia w\u00fcrde ihnen auf jeden Fall den Gruppensieg erm\u00f6glichen.<\/p><\/blockquote>\n<div id=\"attachment_1968\" style=\"width: 260px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/06\/Stadionprogramm_TeBe_vs_Nuernberg_10Juni1951.jpg\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1968\" class=\"size-medium wp-image-1968\" alt=\"Der &quot;Hunderttausend-Marks-Sturm des SC Preu\u00dfen M\u00fcnster 06. Illustration: Deutsche Fu\u00dfball-Meisterschaft 1951. 10. Juni. 16 Uhr. Olympia-Sttadion. Vorrundenspiel Tennis Borussia - Preussen M\u00fcnster. Stadionzeitschrift. Quelle: Sammlung Buschbom.\" src=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/06\/Stadionprogramm_TeBe_vs_Nuernberg_10Juni1951-620x648.jpg\" width=\"250\" srcset=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/06\/Stadionprogramm_TeBe_vs_Nuernberg_10Juni1951-620x648.jpg 620w, https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/06\/Stadionprogramm_TeBe_vs_Nuernberg_10Juni1951-95x100.jpg 95w, https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/06\/Stadionprogramm_TeBe_vs_Nuernberg_10Juni1951.jpg 840w\" sizes=\"(max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1968\" class=\"wp-caption-text\">Der &#8222;Hunderttausend-Marks-Sturm des SC Preu\u00dfen M\u00fcnster 06. Illustration: Deutsche Fu\u00dfball-Meisterschaft 1951. 10. Juni. 16 Uhr. Olympia-Stadion. Vorrundenspiel Tennis Borussia &#8211; Preussen M\u00fcnster. Stadionzeitschrift. Quelle: Sammlung Buschbom.<\/p><\/div>\n<p>In die Debatte mischen sich noch andere T\u00f6ne; T\u00f6ne, die besser zu den ideologischen Grabenk\u00e4mpfen des anbrechenden 20. Jahrhunderts zu passen scheinen. Vom <em>Hunderttausend-Marks-Sturm<\/em> der Westfalen ist allenthalben die Rede. Die Mannschaft des SC Preu\u00dfen 06 sei wild und ohne R\u00fccksicht auf Verluste zusammengekauft, lautet der Vorwurf. Nur zwei Jahre ist es her, dass der DFB den Status des <em>Vertragsspielers<\/em> eingef\u00fchrt hatte. 1.200 DM d\u00fcrfen Spieler fortan monatlich erhalten. Damit h\u00e4lt im Jahr 1949 de facto der Berufssport Einzug in den deutschen Fu\u00dfball. Sport-Idealisten jeder Couleur hingegen hatten bereits in den fr\u00fchen 1920er Jahren bef\u00fcrchtet, der bezahlte Sport w\u00fcrde die <em>Seele<\/em> des deutschen Fu\u00dfballs zerst\u00f6ren. \u00dcber das <em>schleichende Gift des verkappten Berufsspielertums<\/em>, von dem der <em>Fu\u00dfballk\u00f6rper<\/em> zu befreien sei, schimpfte der DFB schon 1918\/19. Auch die Berliner Veilchen mussten sich schon fr\u00fch mit solch schrillen T\u00f6nen auseinandersetzen. Von je her als Verein der <em>feinen Pinkel<\/em> verschrien, waren in den 1920er Jahren vom Berliner Tennis-Club \u201eBorussia\u201c 1902 wichtige Impulse zur Modernisierung des Fu\u00dfballs in Deutschland ausgegangen. Tennis Borussia k\u00f6nne den <em>deutschen Fu\u00dfball<\/em> und die <em>deutsche Art nicht w\u00fcrdig vertreten<\/em>, w\u00fcteten nationalistische Kreise, als die Lila-Wei\u00dfen 1924 zu einem Fu\u00dfballspiel nach Paris reisten.<\/p>\n<p>Und wirklich, ist dieses Spiel der Tennis Borussen gegen Preu\u00dfen M\u00fcnster nicht der beste Beweis daf\u00fcr, dass das Profitstreben einen Traditionsclub wie den 1. FC kaputt macht? Der beste Beweis f\u00fcr die infamen Mittel, derer sich bedient, wer sich dem Kommerz hingibt?<\/p>\n<p>Die Beschuldigten reagieren mit Emp\u00f6rung. In einer gemeinsamen Erkl\u00e4rung <em>verwahren<\/em> sich die Vereinsspitzen <em>mit aller Sch\u00e4rfe gegen die ungeheuerliche Unterstellung einer Schiebung und sehen den Protest als eine im Sport bislang nicht erlebte Beleidigung an.<\/em> Objektivere Beobachter wie der <em>Gewaltige<\/em> des S\u00fcdwestdeutschen Fu\u00dfballverbandes Fahrenbach spotten \u00fcber die schlechten Verlierer aus Franken. <em>Wo steht es eigentlich in den Satzungen, dass der 1. FC N\u00fcrnberg alle paar Jahre ein Abonnement f\u00fcr das Endspiel hat?<\/em> Tradition allein schie\u00dft keine Tore.<\/p>\n<p>Vor dem eilig einberufenen Fu\u00dfball-Schiedsgericht wird durch Abgleich der Magnetophonb\u00e4nder des Nordwestdeutschen Rundfunks schlie\u00dflich der Beweis erbracht, dass <em>das N\u00fcrnberger Spiel tats\u00e4chlich nur vier Minuten vor dem Berliner Spiel, um 17:41 Uhr<\/em>, endete. <em>Die vermeintlichen 20 Minuten \u201eabsichtliche Verz\u00f6gerung\u201c, welche gespenstischen Horchposten am Telefon die M\u00f6glichkeit gegeben haben sollten, das Berliner Spiel fernzulenken und das Torverh\u00e4ltnis auf den erstaunlichen und entscheidenden 8:2-Wert zu erh\u00f6hen, wurden als Original-Phantasie-Produkte von Sammy Drexel festgenagelt.<\/em><\/p>\n<p>Die N\u00fcrnberger sind bis auf die Knochen blamiert, ganz Fu\u00dfball-Deutschland lacht \u00fcber sie. Denn <em>ist es den N\u00fcrnbergern nicht erst sieben Tage vorher selbst so ergangen, dass man 2:6 urpl\u00f6tzlich ins Hintertreffen geraten war<\/em>, <i>\u00a0<\/i>fragen die Zeitgenossen mit Blick auf das in M\u00fcnster ausgetragene Spiel vom 3. Juni, das der Club 6:4 verloren geben musste. <em>Gerade die N\u00fcrnberger<\/em>, erg\u00e4nzt das Nachrichtenmagazin Der Spiegel, <em>h\u00e4tten also wissen k\u00f6nnen, mit welchem verbl\u00fcffenden Konditionswechsel die Preu\u00dfen Torserien einzulegen verm\u00f6gen, als sie die Glaubw\u00fcrdigkeit eines 8:2-Resultates gegen Tennis-Borussia anzweifelten<\/em><i>. <\/i>Und den Berlinern wird immerhin zugutegehalten, durch die <em>ungl\u00fcckliche Klasseneinteilung der Berliner Vertragsliga<\/em> Sonntag f\u00fcr Sonntag, 33 Wochen lang, ein au\u00dferordentlich kr\u00e4ftezehrendes Programm absolviert zu haben.<\/p>\n<p>Den Veilchen ist\u2018s kein Trost. F\u00fcr die Lila-Wei\u00dfen bleibt der 10. Juni 1951 ein rabenschwarzer Tag.<\/p>\n<blockquote><p><i>Weinte schon der Himmel nicht, so hatten daf\u00fcr die Berliner ausgiebig Gelegenheit, Tr\u00e4nen zu vergie\u00dfen.<\/i><\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Das \u201eSkandalspiel\u201c TeBe gegen Preu\u00dfen M\u00fcnster, 10. Juni 1951. Halleluja Horst! Irgendwie angelt sich Schmutzler hart an der Mittelfeldlinie einen Querpass von Warstat und startet durch. Vorbei an der verdutzten Hintermannschaft der Preu\u00dfen aus M\u00fcnster, vorm Strafraum bedr\u00e4ngt nur durch Rickmann. 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