{"id":1993,"date":"2013-06-23T17:43:37","date_gmt":"2013-06-23T15:43:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/?p=1993"},"modified":"2013-06-23T19:44:24","modified_gmt":"2013-06-23T17:44:24","slug":"reichlich-pech-aber-auch-etwas-unvermogen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/reichlich-pech-aber-auch-etwas-unvermogen\/","title":{"rendered":"Reichlich Pech, aber auch etwas Unverm\u00f6gen"},"content":{"rendered":"<p><strong>24. April 1927: TeBe vs. SpVg F\u00fcrth<\/strong><\/p>\n<p><em>Vivat, crescat, floreat Tennis-Borussiae!<\/em> Samstag, 9. April 1927, Ort der Handlung ist <em>zum ersten Male die neue Halle des Post-Stadions<\/em><i>. <\/i>Ganz im Geist der Gr\u00fcnderjahre begeht ein kleiner Kreis aus Spielern und Funktion\u00e4ren der ersten Stunde das inoffizielle 25j\u00e4hrige Jubil\u00e4um der Lila-Wei\u00dfen. Die Umgangsformen, denen die Gr\u00fcnder sich verpflichtet f\u00fchlen, orientieren sich am <i>Comment<\/i> der studentischen Verbindungen des Jahres 1902, und so wird der <em>Jubil\u00e4ums-Bierabend<\/em> wie ein Bier-Comment durchgef\u00fchrt. Nachdem der offizielle Teil beendet ist, alle Reden geschwungen sind, <em>Lebe! Wachse! Bl\u00fche, Tennis Borussia!<\/em>, leitet Vereinsarzt Dr. Adolf Wisotzki die <em>Fidulit\u00e4t<\/em>, den gem\u00fctlichen Teil des Abends ein. Jack Karp berichtet vom fr\u00f6hlichen Betrinken:<\/p>\n<blockquote><p>\u00a0<i>Es etablierte sich ein Fuchsenstall unter dem altbew\u00e4hrten Majorat von Gesky. Reichlich schwang man die Humpen, denn der Pr\u00e4side lie\u00df nichts ungeahndet und die Wogen seines Zorns sp\u00fcrte besonders der \u201eSchmalzkopf\u201c, der so manches Gl\u00e4slein in den Wanst rinnen lassen musste. Herrlich hob sich die Stimmung und hatte einen schier nicht mehr zu steigernden Grad erreicht bei Beginn der Ursidulit\u00e4t. Dieses Pr\u00e4sidium \u00fcbernahm kein geringerer als der \u00e4lteste und zugleich der j\u00fcngste Tennis-Borusse, Herr Rudolf Wartenberg. (Im Geiste schon lange zu uns geh\u00f6rig, trat er erst in dieser festlichen Stunde ofiziell dem Klub bei.) Das ist Temperament, was sich da entfaltete. H\u00f6her und h\u00f6her brandeten die Wogen heiterster Ausgelassenheit, gehoben und gesenkt von der Macht des Pr\u00e4siden, dessen Regie nicht zu \u00fcbertreffen war. Er schmetterte seinen Rolandsbogen mit seiner sch\u00f6nen vollen Stimme in die Welt, dass alles begeistert lauschte und welch k\u00fchnes Unterfangen, mitten in der heitersten Stimmung f\u00fchrte er uns zur\u00fcck aus der Ursidulit\u00e4t in das ernste Offizium und gedachte mit sch\u00f6nen Worten derer, die der Tod aus unserer Reihe in den Kriegsjahren gerissen. Vergangenes wurde Gegenwart. In alter Frische brachte Theo, welch eine Sensation, zuerst das Lied vom Pfarrer und dann erst die Hulda. Ullrich klemmte wie der fescheste Jarde-Offizier das Einglas ein und sang die Parade und Leo Karp war wie einstens die immer bew\u00e4hrte Hauskapelle bei allen Ges\u00e4ngen.<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Zum Beispiel diesen Gesang nach der Melodie von <em>Str\u00f6mt herbei, Ihr V\u00f6lkerscharen<\/em>:<\/p>\n<blockquote><p>Auf Borussen, hebt die Augen,<br \/>\nDie Borussia leuchten macht,<br \/>\nKampf auf Rasen soll uns taugen,<br \/>\nDass zum Sieg die Sonne lacht.<br \/>\nDich, Borussia, will ich achten,<br \/>\nF\u00fcr Dich k\u00e4mpfen froh und hehr,<br \/>\n:;: Dich zu f\u00f6rdern, will ich trachten,<br \/>\nIn dem Streit um Deine Ehr\u2018 :;:<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Augen der Tennis Borussen hatte der Sieg \u00fcber Fortuna Leipzig sechs Tage zuvor, am 3. April zum Leuchten gebracht (1:0), nun steht morgen, Sonntag, 10. April, ein kurzfristig anberaumtes Testspiel gegen den VfB Pankow auf dem Programm, <em>um einige neue Leute auszuprobieren<\/em> (6:2). Ostern 1927 notieren sich die Borussen zwei prominent besetzte <em>Repr\u00e4sentativspiele<\/em> im Kalender. Aus Prag kommt Union-Zizkow [sic!], die wohl am Ostersonntag das Spielfeld 6:0 verlassen (der genaue Termin ist leider nicht vermerkt), und aus Z\u00fcrich die Young-Fellows, Ostermontag, den 18. April: 3 zu 1.<\/p>\n<p>Am 24. April schlie\u00dflich empfangen die Veilchen den amtierenden Deutschen Meister, die Spielvereinigung F\u00fcrth. Trainiert werden die Lila-Wei\u00dfen von Spielertrainer Herberger, der die Gesch\u00e4fte im Januar \u00fcbergangsweise von Otto Nerz \u00fcbernommen hatte. Und damit auch die Ehre, von den Spielen in den Club-Nachrichten zu berichten. Aber Student Herberger tut sich schwer. Grantelte Nerz, der nun die Reichself trainiert, dass es eine Pracht war, sind <em>Seppls<\/em> Spielberichte schroff bis an die Schmerzgrenze. \u00dcber die Begegnung mit den F\u00fcrthern schreibt er:<\/p>\n<blockquote><p>Der letzte Aprilsonntag brachte dann unsere gro\u00dfe Probe gegen den derzeitigen Deutschen Meister, die Spielvereinigung F\u00fcrth. Seit Mitte Dezember waren wir ohne Niederlage, aber auch die F\u00fcrther sind allerbester Verfassung. Hatten sie doch vor wenigen Tagen den 1. FC N\u00fcrnberg mit 5:0 hineingelegt. Wieder tr\u00fcbte schlechtes Wetter die Veranstaltung, der Boden war schwer und glatt, lies aber so recht die F\u00e4higkeiten des einzelnen Spielers erkennen. Die F\u00fcrther zeigten ein ganz gro\u00dfes K\u00f6nnen. Jeder einzelne besitzt eine prachtvolle Ballbehandlung, K\u00f6rperbeherrschung und die dazu geh\u00f6rige Portion Taktik. Da gab es wieder einmal korrektes Stoppen mit allen K\u00f6rperteilen, im Feld Stellungsspiel, Fl\u00fcgelwechsel und \u00fcberlegten Pass, dass es eine Pracht war. Trotzdem auch unsere Mannschaft ihre Pflicht erf\u00fcllte und einige ganz gro\u00dfe K\u00e4mpfer in ihren Reihen hatte, gelang es uns nicht, den F\u00fcrthern ein Paroli zu bieten. Bis zur Pause kam der Meister zweimal zu Toren, das erste Mal durch ein 35-Mtr.-Strafsto\u00df, bei dem Seiderer famos t\u00e4uschte und der in der Aussicht versperrte Patrzek den Ball nicht mehr halten konnte, und einen Elfmeterball wegen Hand von Sch\u00f6nherr. \u00dcber die Berechtigung beider Strafen l\u00e4sst sich streiten, aber \u00fcber die M\u00f6glichkeit, beide Tore zu verhindern, gibt es keinen Zweifel. Und beide Male war Patrzek unschuldig. Den vom Pfosten springenden Elfmeter mussten wachsame Feldspieler aus der Gefahrenzone bef\u00f6rdern, so kam der Gegner zum Schuss.<\/p>\n<p>Reichlich Pech, aber auch etwas Unverm\u00f6gen, lie\u00dfen jeden Torerfolg ausbleiben, F\u00fcrth dagegen kam in der zweiten H\u00e4lfte noch zu einem weiteren Tor. Mit 3:0 unterlagen wir unverdient hoch. \u00dcber 10.000 Zuschauer wohnten trotz zeitweilig str\u00f6menden Regens den von uns mit der Mannschaft:<\/p>\n<p align=\"center\">Patrzek<\/p>\n<p align=\"center\">Sch\u00f6nherr\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Brunke<\/p>\n<p align=\"center\">Schumann\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Lux\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Martwig<\/p>\n<p align=\"center\">Gibat\u00a0\u00a0\u00a0 Emmerich\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Hoffmann\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Herberger\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Raue<\/p>\n<p>begonnen Kampfe bei. In der zweiten H\u00e4lfte ersetzten wir Emmerich durch Schr\u00f6der.<\/p><\/blockquote>\n<p>That\u2019s all. Das Aufeinandertreffen mit dem Meister w\u00e4re von Nerz, einschlie\u00dflich Vor- und Nachberichterstattung, nicht unter einer Doppelseite gew\u00fcrdigt worden. Herberger hingegen widmet ihr einen \u00e4hnlich sp\u00e4rlich bemessenen Raum wie der Begegnung gegen den VfB Pankow. Einzelkritik entf\u00e4llt beinahe vollst\u00e4ndig, es sei denn der Spielertrainer findet etwas zu m\u00e4keln. Lob gibt es nicht, bestenfalls die Feststellung, dass dieser oder jener seiner Mitspieler an diesem oder jenen Missgeschick unschuldig gewesen sei. <em>Und beide Male war Patrzek unschuldig<\/em>. Stattdessen gilt bei Herberger: der Star ist die Mannschaft.<\/p>\n<p>Bei so viel Spr\u00f6digkeit muss ein anderer den Lesespa\u00df besorgen. <em>Aus der Jugendzeit des Sports. Wie die \u201eLeibes\u00fcbungen\u201c gef\u00f6rdert wurden<\/em>, hei\u00dft der Artikel von Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Carl Koppehel, einem Mann ganz nach dem Geschmack Seppl Herbergers. Ein Mann, den selbst sein sp\u00e4terer Arbeitgeber, der Deutsche Fu\u00dfball-Bund \/ DFB, ohne jegliche Schamesr\u00f6te mit den Worten w\u00fcrdigen wird, <em>es gibt Menschen, die Carl Koppehel einen \u201eDiktator\u201c nennen. Wer ihn aus seiner aufopfernden Arbeit f\u00fcr den deutschen Fu\u00dfballsport kennt, der wei\u00df, dass er alle, aber auch wirklich alle Eigenschaften f\u00fcr einen guten Diktator hat: klares Urteil, Charakter und pers\u00f6nliche Uneigenn\u00fctzigkeit.<\/em><\/p>\n<p><em>Vor gar nicht langer Zeit<\/em>, schreibt Koppehel, griffen <em>Polizei und Kirche strafend<\/em> ein, <em>wenn die sportliche Kleidung der Jugend beim fr\u00f6hlichen Spiel den jugendlichen Gliedma\u00dfen \u201eallzuviel Licht\u201c gew\u00e4hrte.<\/em> Aber der Sozialdemokrat Koppehel spottet nicht \u00fcber die Doppelmoral und die Borniertheit solcher Ausw\u00fcchse. Nein, befindet er, sie hatten Unrecht, denn sie \u00fcbersahen dabei, <em>dass der Sport schon seit Jahrzehnten seine Erziehungsarbeit neben der milit\u00e4rischen Dienstpflicht erf\u00fcllte, und dass er in seinem Bestreben, der Volksgesundheit dienen, alle Kreise und Schichten und alle Glieder des Volkes, also auch die von der Dienstpflicht Ausgeschlossenen, an sich zog. Der Sport und das Interesse f\u00fcr ihn wuchs in der Nachkriegszeit umso mehr, als man die Erfolge der englischen Truppen auf die Allgemeindurchbildung infolge der sportlichen Bet\u00e4tigung zur\u00fcckf\u00fchrte. Wie immer, so lernten die Verantwortlichen unseres Volkes auch diesmal aus der Unbill, die unser Volksganzes betraf.<\/em> Koppehel tritt nie der NSDAP bei, aber er wird das Jahr 1933 als den Durchbruch <i>des <\/i><em>Gedankens der Volksgemeinschaft<\/em> zu sch\u00e4tzen wissen.<\/p>\n<p>Sport im <em>Dienste des Volksganzen<\/em>, Sport im Dienste von <em>Volkshygiene<\/em> und Milit\u00e4r. Es \u00fcberrascht nicht, dass auch bei Tennis Borussia die gro\u00dfen sportpolitischen Debatten in einem gewissen Rahmen gef\u00fchrt wurden. Diese Stellungnahmen zeigen vielmehr, wie gro\u00df der Spielraum war; zeigen, was noch ge\u00e4u\u00dfert werden konnte, ohne auf Widerspruch von M\u00e4nnern zu sto\u00dfen, die wie Alfred Lesser, Jack Karp, Adolf Wisotzki als Sportler, Funktion\u00e4re, Vereins\u00e4rzte und Vorst\u00e4nde viel zur Modernisierung und Liberalisierung des Fu\u00dfballs in Deutschland beigetragen hatten. Auch dazu also, den Sport von der Indienstnahme f\u00fcr Volk und Vaterland zu befreien.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"24. April 1927: TeBe vs. SpVg F\u00fcrth Vivat, crescat, floreat Tennis-Borussiae! Samstag, 9. April 1927, Ort der Handlung ist zum ersten Male die neue Halle des Post-Stadions. 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