{"id":2004,"date":"2013-08-31T11:08:38","date_gmt":"2013-08-31T09:08:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/?p=2004"},"modified":"2013-09-30T21:12:40","modified_gmt":"2013-09-30T19:12:40","slug":"sehr-wild-halblinks","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/sehr-wild-halblinks\/","title":{"rendered":"Sehr wild halblinks"},"content":{"rendered":"<p><strong>Rapid Wien, Ernst Lemmer und TeBe<\/strong><\/p>\n<p>Wenn die Wiener Schule zum Stelldichein bittet, freuen sich die Gegner auf ein munteres T\u00e4nzchen. Doch die <em>f\u00fchrende Wiener Elf machte<\/em> an diesem Freitag, den 11. April 1952, <em>einmal mehr klar, dass sie die typische Wiener Schule durch einen klugen und gekonnten Zweckm\u00e4\u00dfigkeitsfu\u00dfball ersetzt<\/em>. Bevor aber am Nachmittag vor 40.000 Zuschauern im Poststadion zum Tanz gegen den 17fachen \u00f6sterreichischen Fu\u00dfballmeister angepfiffen wird, feiern die Veilchen vormittags im Schiller-Theater ihr 50j\u00e4hriges Bestehen. Der CDU-Abgeordnete und sp\u00e4tere Minister f\u00fcr gesamtdeutsche Fragen, Ernst Lemmer, h\u00e4lt eine <em>bedeutende Rede<\/em>, wie der Reporter vom <span style=\"font-variant: small-caps;\">Sport-Magazin<\/span> notiert. Seine Rede ist in der Ausgabe Nr. 5 von 1952 der <span style=\"font-variant: small-caps;\">Club-Nachrichten vom Berliner Tennis-Club \u201eBorussia\u201c 1902<\/span> dokumentiert. <em>In unseren Reihen hat es zu keinem Zeitpunkt \u2013 und es hat erregende Perioden in der letzten Vergangenheit gegeben \u2013 hat es niemals politischen Fanatismus und niemals irgendeinen Klassen- und Rassenhass gegeben. In der Geschichte von Tennis-Borussia stehen j\u00fcdische Kameraden \u2013 wie Alfred Lesser und andere \u2013, die wir aus Dankbarkeit niemals vergessen werden!<\/em> Mit Blick auf die Sportpolitik der DDR warnt Lemmer vor der Instrumentalisierung des Sports durch die Staatsmacht \u2013 <em>wir sind ja nicht von gestern, nach den Erfahrungen, die hinter uns liegen<\/em>:<\/p>\n<blockquote><p>Und wir, meine Freunde, m\u00f6chten, dass in der Sportorganisation niemals das Prinzip der Freiwilligkeit verloren gehen m\u00f6ge, und ebenso wenig das System der Selbstverwaltung. Wir Deutschen lieben zu sehr, alles bis zum Letzten zu organisieren. Organisieren wir im Sport nicht zu viel, so berechtigt es ist, Methoden und Systeme zu haben, organisieren wir also nicht zu viel, damit die Selbstverantwortlichkeit des einzelnen Sportlers und seines Clubs gegen\u00fcber zentralistischen Sportbeh\u00f6rden erhalten bleiben kann.<\/p>\n<p>\u2026<\/p>\n<p>Weder die Politik und die Parteien noch der Staat d\u00fcrfen den Versuch machen, den reinen Sportgedanken durch Missbrauch zu verf\u00e4lschen. Wir haben es in zw\u00f6lf Jahren gesehen, was aus totalt\u00e4rem Sport geworden ist. Mit der reinen sportlichen Idee, an die wir wieder Anschluss gefunden haben, hat ein vom Staat gemanagter Sportbetrieb nichts zu tun.<\/p><\/blockquote>\n<p>Tats\u00e4chlich war die Frage, wie der Sportbetrieb zu organisieren sei, in der DDR lange mit durchaus offenem Ausgang diskutiert worden. <em>Es handelt sich um eine Entscheidung dar\u00fcber, ob, wie bisher von uns beabsichtigt, eine Volkssportbewegung entwickelt oder die Erfassung der Sportler dem FDGB und FDJ [sic!] \u00fcbertragen werden soll<\/em>, hei\u00dft es in einer SED-Vorlage vom M\u00e4rz 1948.<i>\u00a0<\/i> SED-Vorstand und Generalsekret\u00e4r des ZKs Wilhelm Pieck markierte mit dickem Strich diese Passage und notierte, <em>Sportler gegen uns!<\/em> Damit war die Entscheidung letztlich vorgegeben. Am 1. Juni 1948 erging ein Beschluss der Zentralsekretariats, der den Sport der FDJ und dem FDGB unterstellte, und die im Juli 1948 errichteten <em>Richtlinien zum Aufbau einer einheitlichen Sportbewegung<\/em> tilgten mit dem Verbot der <em>Namensgebung entsprechend der alten Sportvereinstradition<\/em> auch die letzten Hoffnungen, die Vereinsstrukturen zumindest informell erhalten zu k\u00f6nnen. Die Veilchen hatten eine weise Entscheidung getroffen, wie sich nun herausstellte. Denn die Lila-Wei\u00dfen hatten nach dem Krieg zun\u00e4chst mit dem alten Polizeistadion in der Chausseestra\u00dfe gelieb\u00e4ugelt, dort, wo die DDR 1950 das Stadion der Weltjugend errichten lie\u00df. Schlie\u00dflich entschieden sich die Veilchen jedoch f\u00fcrs Mommsenstadion in Charlottenburg, das den Krieg weitgehend unbeschadet \u00fcberstanden hatte. Tennis Borussia war ein West-Verein geworden.<\/p>\n<p>Auch der im Oktober 1948 gegr\u00fcndete Deutsche Sportausschuss \u2013 eine gemeinsame Organisation von FDGB und FDJ \u2013 war den Parteifunktion\u00e4ren suspekt. Der Sport entwickle sich, so bef\u00fcrchteten die Genossen, <em>zum Schlupfwinkel f\u00fcr reaktion\u00e4re Kr\u00e4fte der Vergangenheit<\/em>. Edith Baumann vom ZK res\u00fcmierte 1951:<\/p>\n<blockquote><p>Die Genossen haben bisher vielfach noch immer die Sportler als eine reaktion\u00e4re Masse betrachtet und die Entwicklung des Sports unter dem Gesichtspunkt der Gewinnung und \u00dcberzeugung der ehemals b\u00fcrgerlichen Sportler betrachtet.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Misstrauen war grunds\u00e4tzlicher Natur. Denn hatte man nach dem Kriegsende noch vor den Erfahrungen des Arbeitersports und der schnellen Gleichschaltung des b\u00fcrgerlichen Sports 1933\/34 argumentiert, steht nun, im April 1952, die Unterstellung des Sportbetriebs in der DDR unmittelbar unter die Kontrolle der SED zur Debatte, und damit auch der Strukturen des mehr oder minder unabh\u00e4ngig agierenden Arbeitersports.<\/p>\n<p>Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen, als Ernst Lemmer am 11. April 1952 seine Festrede f\u00fcr die Lila-Wei\u00dfen h\u00e4lt. (Die Errichtung des Staatlichen Komitees f\u00fcr Sport und K\u00f6perkultur wird wenig sp\u00e4ter am 24. Juli 1952 verk\u00fcndet.) Sport kennt, so Lemmer in Richtung Ostberlin, <em>weder Sektorengrenzen noch Zonengrenzen noch Landesgrenzen. Die v\u00f6lkerverbindende Kraft des Sports ist so klar, dass dar\u00fcber kein weiteres Wort zu verlieren ist.<\/em> Lemmer ist nicht irgendwer. Zusammen mit Jakob Kaiser geh\u00f6rt er zu den Gr\u00fcndungsmitgliedern der Ost-CDU, deren zweiter Vorsitzender er seit 1947 war. Au\u00dferdem war er dritter Vorsitzender des FDGB sowie Vizepr\u00e4sident des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands. Als Kaiser und Lemmer Ende 1947 die Beteiligung der CDU am Deutschen Volkskongress der SED verweigerten, wurden sie von der sowjetischen Milit\u00e4rverwaltung kurzerhand ihrer \u00c4mter enthoben. Die beiden Ex-Vorsitzenden setzten ihre politische Arbeit in Westberlin fort, wo Lemmer seit 1950 Fraktionsvorsitzender der CDU im Abgeordnetenhaus ist. Sp\u00e4ter avanciert er unter Adenauer zum Bundesminister f\u00fcr Post- und Fernmeldewesen (1956 \u2013 57), zum Bundesminister f\u00fcr gesamtdeutsche Fragen (1957 \u2013 62) sowie unter Erhard zum Bundesminister f\u00fcr Vertriebene, Fl\u00fcchtlinge und Kriegsgesch\u00e4digte (1964 -65). Von 1966 bis 1969 amtiert er f\u00fcr Kiesinger als Sonderbeauftragter f\u00fcr Berlin.<\/p>\n<p>Ausgestattet mit dieser Vita r\u00fcckt Ernst Lemmer immer wieder in den Fokus der DDR, v. a. seine Rolle als Journalist w\u00e4hrend des Dritten Reichs ger\u00e4t zum Gegenstand von Angriffen.<em>Ernst Lemmer. Goebbels-Journalist, Nazi-Spitzel, Revanche-Minister<\/em>, hei\u00dft eine Brosch\u00fcre aus dem Jahr 1964. Er habe als Journalist f\u00fcr ausl\u00e4ndische Zeitungen den Nationalsozialismus und den Krieg verherrlicht, lautet der Hauptvorwurf. Vorw\u00fcrfe, die das SPD-Blatt <span style=\"font-variant: small-caps;\">Telegraf<\/span> bereits 1947 publiziert hatte. Schon damals hatte sich <em>Lemmer energisch gegen diese Anw\u00fcrfe verwahrt. Er habe nur die offiziellen Ansichten der Wilhelmstra\u00dfe an seine ausl\u00e4ndischen Auftraggeber weitergeleitet, wie das alle Auslandskorrespondenten gemacht h\u00e4tten, und sich jeden eigenen Kommentar dazu verkniffen. Auch die Redaktion des &#8222;Telegraf&#8220; und ihr nahestehende Pers\u00f6nlichkeiten w\u00fcrden dann ihr blaues Wunder erleben. Ich verzichte darauf, mich auf diese Weise zu revanchieren.<\/em> Die DDR-Propaganda des Jahres 1964 unterschl\u00e4gt auch Entlastendes. So wurde er vom Sicherheitsdienst \/ SD der Nazis verd\u00e4chtigt, dem Widerstand um die so genannte Rote Kapelle anzugeh\u00f6ren, nachdem sowjetische Funkspr\u00fcche abgefangen worden waren, die ihn namentlich erw\u00e4hnten.<\/p>\n<p>Lemmer blickt auf eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Lebensgeschichte. <em>Seinen politischen Kurs bezeichnet Lemmer sehr b\u00fcndig als \u201elinks\u201c zu Beginn und als \u201eeher konservativ\u201c<\/em><i> heute<\/i>. 1915 meldete er sich 16j\u00e4hrig freiwillig zur Teilnahme am 1. Weltkrieg. Er stand in den Sch\u00fctzengr\u00e4ben von Ypern. Als es der deutsche Kommandant der von den Franzosen eingeschlossenen Festung Douaumont nach schwersten Verlusten seinen Untergebenen freistellte, sich zu ergeben, f\u00fchrte Lemmer in der Nacht vom 23. Auf den 24. Oktober 1916 einen Ausbruchversuch an, erz\u00e4hlt er 1966 in einem Interview einem franz\u00f6sischen Radiosender. Erst vor den eigenen Linien fanden die Versprengten beinahe den Tod. <em>Es waren Bayern, die verstanden mich nicht.<\/em> Der junge Mann empfahl sich f\u00fcr eine Offizierslaufbahn, weil aber seine Vorgesetzten sozialdemokratische Zeitungen bei seinen Habseligkeiten fanden, wurde er vom Offizierskurs zur\u00fcckgestellt. Erst kurz vor Kriegsende r\u00fcckte er zum Leutnant und Kompaniechef auf.\u00a0In den Wirren der R\u00e4terepublik wurde er 1918 zum Vorsitzenden eines Soldatenrates gew\u00e4hlt, im gleichen Jahr geh\u00f6rte er zu den Gr\u00fcndungsmitgliedern der liberalen Deutschen Demokratischen Partei \/ DDP und des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold. Von 1919 bis 1922 studierte er in Marburg Theologie, Geschichte und Volkswirtschaft. Im M\u00e4rz 1920 ersch\u00fctterte der Kapp-Putsch die junge Weimarer Republik. \u00a0Lemmer griff erneut zu den Waffen. Zusammen mit seinem Kommilitonen Gustav Heinemann (dem sp\u00e4teren Bundespr\u00e4sidenten) stellte er ein Bataillon aus Arbeitern und Studenten zusammen, <em>requirierte<\/em> eine Lokomotive nach Th\u00fcringen und beteiligte sich an der Niederschlagung der Rechtsextremisten. Von 1922 bis 1933 wurde er Generalsekret\u00e4r des Gewerkschaftsringes Deutscher Arbeiter, Angestellter- und Beamtenverb\u00e4nde (Hirsch-Dunker), 1924 zog er als j\u00fcngster Abgeordneter f\u00fcr die DDP in den Reichstag, und im Januar 1925 trug ihn der Berliner Tennis-Club \u201eBorussia\u201c ins Vereinsregister ein, wo er f\u00fcr eine der unteren Mannschaften gegen den Ball trat.<\/p>\n<div id=\"attachment_2008\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/08\/Lemmer_1931.jpg\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2008\" class=\"size-medium wp-image-2008\" alt=\"Ernst Lemmer\" src=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/08\/Lemmer_1931-620x415.jpg\" width=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/08\/Lemmer_1931-620x415.jpg 620w, https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/08\/Lemmer_1931-100x67.jpg 100w, https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/08\/Lemmer_1931.jpg 1000w\" sizes=\"(max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2008\" class=\"wp-caption-text\">Lemmer (zweiter von links), im Fu\u00dfballstadion von Berlin-Tempelhof neben Vizekanzler Dietrich, 1931. Foto: unbekannt; Quelle: Ernst Lemmer: Manches war doch anders. Erinnerungen eines deutschen Demokraten. Frankfurt am Main 1968.<\/p><\/div>\n<p>Am 23. M\u00e4rz 1933 stimmte Lemmer mit seiner Fraktion f\u00fcr das Erm\u00e4chtigungsgesetz der Regierung Hitler, <em>in der t\u00f6richten Hoffnung, dass die Diktatur Hitler durch die Schaffung einer gesetzlichen Grundlage eine legale Begrenzung erfahren w\u00fcrde<\/em>, wie er sich in seiner Autobiographie erinnert. Der so erm\u00e4chtigte \u201eF\u00fchrer\u201c schloss seine Rede, <em>m\u00f6gen Sie, meine Herren Abgeordneten, nunmehr selbst die Entscheidung treffen \u00fcber Frieden oder Krieg.<\/em> Ernst Lemmer wurde dennoch von den Nazis aus dem Reichsverband Deutscher Presse ausgeschlossen, durfte aber nach einem kurzen Auslandsaufenthalt f\u00fcr einige ausl\u00e4ndische Zeitschriften schreiben, u. a. f\u00fcr den belgischen <span style=\"font-variant: small-caps;\">Soir<\/span>, den ungarischen <span style=\"font-variant: small-caps;\">Pester Lloyd<\/span> sowie die schweizer <span style=\"font-variant: small-caps;\">Neue Z\u00fcricher Zeitung<\/span>. Seine Rolle im so genannten &#8222;Dritten Reich&#8220; der Nazis ist schwer endg\u00fcltig zu beurteilen. <em>Lemmer spielte sicherlich ein Doppelspiel<\/em>, schreibt der amerikanische Historiker Walter Laqueur, <em>er verherrlichte zwar deutsche Siege in Russland, ich wei\u00df aber andererseits zuverl\u00e4ssig von einem seiner Reisegef\u00e4hrten, dass bei einer Ende 1941 vom Propagandaministerium organisierten Reise an die Ostfront Lemmer zu sp\u00e4ter Stunde und leicht angetrunken sich ans Klavier setzte und zum Erstaunen der anwesenden Nazigr\u00f6\u00dfen die Internationale spielte<\/em>. \u201eV\u00f6lker, h\u00f6rt die Signale! Auf zum letzten Gefecht!\u201c Schwerer wiegt freilich, was Laqueur von einem Redakteur der <span style=\"font-variant: small-caps;\">Neuen Z\u00fcricher Zeitung<\/span> berichtet bekam:<\/p>\n<blockquote><p>Lemmer sprach [im Juli 1942] von sich aus davon, dass die Ausrottung der Juden in der radikalsten Form betrieben, dass unvorstellbare, noch nie dagewesene Schandtaten begangen werden \u2026 Immer wieder kam Lemmer darauf zur\u00fcck, es sei unbegreiflich, dass die Alliierten dazu schweigen, statt ihre V\u00f6lker \u00fcber diese Ungeheuerlichkeit aufzukl\u00e4ren und die ganze Welt zu alarmieren.<\/p><\/blockquote>\n<p>Lemmers Interventionen verhallten ohne Resonanz, denn die Alliierten bef\u00fcrchteten, dass er eine Marionette der Nazis sei, mit der Strategie, <em>die Alliierten zu provozieren, damit sie sich in der Frage des Schicksals der Juden in Polen, an der sie in Wirklichkeit nichts tun und nichts \u00e4ndern konnten, st\u00e4rker engagierten, worauf dann die deutsche Propaganda ein gro\u00dfes Geschrei erhoben h\u00e4tte, dass die britischen und amerikanischen Soldaten f\u00fcr die Rettung der Juden k\u00e4mpften und sterben m\u00fcssten. \u2026 Die Nazis hatten immer geglaubt, dass, w\u00fcrfen sie die j\u00fcdische Frage als Zankapfel zwischen die Alliierten, es ihnen gelingen w\u00fcrde, den Kampfgeist der britischen und amerikanischen Soldaten zu unterminieren.<\/em><\/p>\n<p>Nun aber: <em>Geburtstag haben die Veilchen<\/em>, und nach Lemmers streitbarer Rede im Schiller-Theater steht endlich Sportliches auf dem Programm. Auch Schalke kommt. Zuerst aber bitten die Wiener zum Ball.<\/p>\n<blockquote><p>Berlins Meisterelf ist just zu den Endspielen wieder in Form gekommen. Und weil diesmal die Abwehr zuverl\u00e4ssiger war, spielte die Mannschaft eine noch bessere Partie als j\u00fcngst im Entscheidungsspiel gegen Union.<\/p><\/blockquote>\n<p>30 Minuten lang dr\u00fccken die Wiener, und\u00a0<span style=\"font-family: Courier New; font-size: small;\">Hanappi<\/span> beschlie\u00dft den Sturm und Drang mit dem F\u00fchrungstreffer. Aber den Wienern fehlen <em>Vollblutst\u00fcrmer<\/em> wie Schmutzler oder Graf, der in der besten <em>Form seines Lebens<\/em> ist.<\/p>\n<blockquote><p>Mittelst\u00fcrmer Graf gelang durch beherzten Nachschuss nach 40 Minuten das Ausgleichstor, und 100 Sekunden vor dem Pausenpfiff kr\u00f6nte Schmutzler das sch\u00f6ne Spiel durch eine aus Rechtsau\u00dfenposition abgefeuerte Bombe, die Musil den linken Arm f\u00f6rmlich nach hinten schlug.<\/p><\/blockquote>\n<p>Unmittelbar nach Wiederanpfiff schubsen sich Graf und Schmutzler das Spielger\u00e4t hin und her, dass es eine Pracht ist, und Horst vollendet mit gewohnter L\u00e4ssigkeit! 3:1! <em>Tennis war auf dem Siegesmarsch und Rapids Unruhe wuchs.<\/em><\/p>\n<p>Aus Freundschaft wird unversehens Kampf. Immer wieder sto\u00dfen Schmutzler und der Wiener Golobic aneinander, <em>aber das gr\u00f6\u00dfte Foul leistete sich Wiens Halblinker Probst, als er in der 65. Minute den im Lauf befindlichen Warstat vors\u00e4tzlich verletzte. Warstat schied aus, Probst erhielt von Zacher, der einmal Berlins bester Schiedsrichter war und heute drittklassig ist, nicht einmal eine Verwarnung.<\/em> Es steht bereits 3:1 f\u00fcr die Veilchen, und die Wiener nutzen geschickt die Unterzahl der Lila-Wei\u00dfen bis nach <i>wertvollen Minuten<\/i> endlich Hausmann f\u00fcr Warstat das Feld betritt, um 3:2 aufzuschlie\u00dfen. <em>H\u00e4tten die TB-Betreuer nicht tief am Spielfeldrand geschlafen, dann w\u00e4re Rapid vermutlich geschlagen worden!<\/em><\/p>\n<p>Der Krimi auf dem Rasen l\u00e4sst den Zuschauern den Atem stocken.<\/p>\n<blockquote><p>Tennis verst\u00e4rkte die Deckung, ohne jedoch zu \u201eriegeln\u201c. Da kam jener Zwischenfall, der das Spiel zerriss. Rapids bester St\u00fcrmer Dienst holte auf und bei einem Gedr\u00e4nge vor dem Tor war Steinbeck nicht im Bilde: 3:3 durch Dienst. Probst wurde verletzt und durch M\u00fcller ersetzt. Rapid griff noch einmal an, aber hatte Gl\u00fcck: Grafs Kopfsto\u00df lag etwas zu hoch, und Schmutzler Bombe lenkte Rapids Torwart Musil gerade zur Ecke. In den Schlussminuten verteidigte Schmutzler; die Erm\u00fcdung der St\u00fcrmer war offensichtlich.<\/p><\/blockquote>\n<p>Abpfiff. 3:3. Presse und Zuschauer sind vom Kampf begeistert.<\/p>\n<p>Den Kampfgeist vermisst eine <i>Dame<\/i> hingegen bei Ernst Lemmer. Februar 1955 \u2013 der Ring politischer Jugend l\u00e4dt zu einer Podiumsdiskussion. <em>Wiedervereinigung \u2013 noch eine Chance?<\/em> Das Publikum ist bunt gemischt, angriffslustig. Neben der Jugend, <em>interessierter und kampffreudiger, Grauk\u00f6pfe, \u00e4ltere Damen. Dazu, wohl verteilt, Gr\u00fcppchen kommunistischer Marschierer<\/em>. Auf dem Podium Lemmer (CDU), Kurt Neubauer (SPD). Lemmer damals, in der Weimarer Republik, der Filius unter den Volksvertretern, Neubauer <em>ist heute im Bonner Bundestag der J\u00fcngste<\/em>. In der hitzigen Debatte gibt sich Lemmer altersweise, ausgleichend.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eSie sind ja in Berlin als ewig ausgleichender Typ bekannt\u201c, wirft eine Dame aus der ersten Reihe ein.<\/p><\/blockquote>\n<p><em>Worauf Lemmer repliziert:<\/em><\/p>\n<blockquote><p>\u201eFr\u00fcher, in der Weimarer Republik \u2013 gut, dass Sie mich da nicht geh\u00f6rt haben \u2013, da war ich sehr wild, so wie ich im Fu\u00dfball bei Tennis-Borussia vor drei\u00dfig Jahren immer im Sturm halblinks gespielt habe.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<div id=\"attachment_2010\" style=\"width: 410px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/08\/Lemmer_1961.jpg\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2010\" class=\"size-medium wp-image-2010\" alt=\"Ernst Lemmer\" src=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/08\/Lemmer_1961-620x348.jpg\" width=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/08\/Lemmer_1961-620x348.jpg 620w, https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/08\/Lemmer_1961-100x56.jpg 100w, https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/files\/2013\/08\/Lemmer_1961.jpg 1000w\" sizes=\"(max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2010\" class=\"wp-caption-text\">Lemmer (links), im Olympia-Stadion neben Fritz Walter und Helmut Sch\u00f6n, 1961. Foto: unbekannt; Quelle: Ernst Lemmer: Manches war doch anders. Erinnerungen eines deutschen Demokraten. Frankfurt am Main 1968.<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Rapid Wien, Ernst Lemmer und TeBe Wenn die Wiener Schule zum Stelldichein bittet, freuen sich die Gegner auf ein munteres T\u00e4nzchen. Doch die f\u00fchrende Wiener Elf machte an diesem Freitag, den 11. April 1952, einmal mehr klar, dass sie die typische Wiener Schule durch einen klugen und gekonnten Zweckm\u00e4\u00dfigkeitsfu\u00dfball ersetzt. 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