{"id":2018,"date":"2013-09-29T12:21:29","date_gmt":"2013-09-29T10:21:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/?p=2018"},"modified":"2013-10-03T07:49:53","modified_gmt":"2013-10-03T05:49:53","slug":"da-hast-du-wieder-recht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/da-hast-du-wieder-recht\/","title":{"rendered":"Da hast Du wieder Recht!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die erste Auslandsreise nach dem Krieg f\u00fchrt die Veilchen Weihnachten 1952 nach Spanien, u. a. zu Atl\u00e9tico Madrid am ersten Weihnachtsfeiertag.<\/strong><\/p>\n<p>Pepe Junik ist tot. Er verstirbt am 1. Dezember 1952 an den Folgen eines Motorradunfalls. Am 13. h\u00e4tte <i>Pepi<\/i> seinen 33ten Geburtstag gefeiert, und so wird die Weihnachtsfeier 1952 eine traurige Veranstaltung. Einer fehlt. <em>Und selbst M\u00e4nnern, die durch alle Wirren und Schrecken des Krieges gegangen waren und denen kein Herzeleid fremd geblieben ist, stockte die Stimme, traten die Tr\u00e4nen in die Augen, als sie diese traurige Botschaft vernahmen.<\/em> Wolfgang Neuss und <em>einige Kollegen von den Stachelschweinen<\/em> versuchen an diesem 19. Dezember im Clubcasino im Eichkamp, etwas Frohsinn zu verbreiten, aber sch\u00f6nste Geste des Abends ist der Verzicht der Kabarettisten auf Gage zugunsten des <em>kleinen Peter<\/em> \u2013 Rudolf Juniks Sohn.<\/p>\n<p>An eine sch\u00f6ne Tradition aus alten Zeiten ankn\u00fcpfend, haben die Club-Gro\u00dfkopferten eine \u00dcberraschung vorbereitet, die den Spielerfrauen den Schrecken in die Glieder treibt. Es gibt eine Weihnachtsreise, und sie f\u00fchrt nach Spanien! Am 22. Dezember geht\u2019s los:<\/p>\n<blockquote><p>Ein Wermutstropfen f\u00e4llt dennoch in den Becher der Freude \u00fcber unsere Spanienreise: am Heiligen Abend werden wir mutterseelenallein in Madrid sitzen. Die Frauen unserer Spieler bekamen einen h\u00f6llischen Schrecken, als sie dies erfuhren. Gemach, meine Damen, seien Sie unbesorgt um Ihre \u201eZuckerjungs\u201c, auch diese Stunden werden vor\u00fcbergehen, und es ist Vorsorge getroffen, dass wir uns fern der Heimat unter einem kleinen Weihnachtsbaum versammeln k\u00f6nnen, um im Schein der Kerzen unsere Gedanken zur\u00fcckschweifen zu lassen an den h\u00e4uslichen Herd, zur Familie und zum gro\u00dfen Verein, dessen lilawei\u00dfe Farben wir 24 Stunden sp\u00e4ter \u2013 erstmalig nach dem gro\u00dfen Weltenbrand \u2013 wieder im Ausland w\u00fcrdig und ehrenvoll vertreten wollen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Tats\u00e4chlich blasen die <i>Zuckerjungens<\/i> unterm Madrider Weihnachtsbaum keine Tr\u00fcbsal, wie Goalie Steinbeck berichtet. <em>In tiefe Sessel unseres feudalen Madrider Hotels geschmiegt <\/em>vertieft sich Heini Schmidt in die Speisekarte. <em>\u201eNa, Heini, hast Du schon gew\u00e4hlt?\u201c<\/em> Der Angesprochene antwortet mit <em>Gemurmel, das ungef\u00e4hr darauf hinausging, dass er mit der Karte nicht ganz klar k\u00e4me. Hilfsbereit erhob sich da ein fremder Gast und sprach in gebrochenem Deutsch: \u201eIst nicht Speisekarte \u2013 ist Aufstellung von Gem\u00e4ldegalerie!\u201c Ha \u2013 h\u00e4tte uns doch unsere F\u00fchrung beinahe einen REMBRANDT oder RUBENS zum Nachtmahl bestellt!<\/em><\/p>\n<p>Die Weltl\u00e4ufigkeit, mit der sich Tennis Borussen vormals so selbstverst\u00e4ndlich bewegt hatten, ist ihnen nach zw\u00f6lf Jahren 1.000j\u00e4hriges Reich ein wenig abhanden gekommen. Ein Kellner bem\u00fcht sich um Ette Haberstroh, der nur Bahnhof versteht. <em>Er h\u00f6rte sich alles ruhig, kopfnickend an und sprach dann schlie\u00dflich in stoischer Ruhe aus: \u201eDa hast Du wieder recht!\u201c \u2013 Da hast Du wieder Recht!,<\/em>\u00a0das wird zum gefl\u00fcgelten Wort dieser Spanienreise. Als Fritz Wilde ein Glas Milch bestellt, gelingt es, die Bestellung erfolgreich aufzugeben, erst nachdem die versammelte Mannschaft laut <em>\u201eMuh, Muh\u201c<\/em> ruft <em>und dabei mit den H\u00e4nden melkartige Bewegungen vollf\u00fchrt<\/em>. Da hast Du wieder Recht!<\/p>\n<p>Aber diese Provinzialit\u00e4t ist keine b\u00f6sartige. W\u00e4hrend daheim noch \u00fcber das F\u00fcr und Wider des Vertragsspielers gestritten wird, staunen Mannschaft und Funktion\u00e4re der Veilchen \u00fcber die M\u00f6glichkeiten des spanischen Profifu\u00dfballs. Trainer Uhlig freut sich auf das Match gegen Atl\u00e9tico Madrid: <em>ausgesprochene Klassemannschaften als Gegner, reine Profi-Teams, eine Ansammlung europ\u00e4ischer Spitzenk\u00f6nner. Sie sind nicht wesentlich schw\u00e4cher als die spanische Nationalelf, weil diese Vereine in der angenehmen Lage sind, sich durch ausl\u00e4ndische Kanonen zu verst\u00e4rken, durch Importe, die f\u00fcr einige 100.000 Peseten aus Marokko, Schweden, Ungarn, Frankreich oder S\u00fcdamerika aufgekauft wurden.<\/em><\/p>\n<p>Derweil sie hier in Madrid den sportlichen Horizont des Profifu\u00dfballs bewundern, werden die Veilchen zu Hause in Berlin aufs Heftigste angefeindet. Warum? Die Lila-Wei\u00dfen haben es gewagt, ihren Verein f\u00fcr junge Engl\u00e4nder zu \u00f6ffnen, die in Charlottenburg stationiert sind. Das geht manchem Zeitgenossen heftig gegen den Strich, und die Debatte erinnert ein wenig an jene Tage, als der Fu\u00dfball in Deutschland in seinen Kinderschuhen steckte. <em>Englische Krankheit!<\/em>, schimpften damals die Zeitgenossen, und sp\u00e4ter, als Fu\u00dfball l\u00e4ngst ein Massenereignis geworden war, sahen die Verfechter des rigiden Amateurgedankens im englischen Profifu\u00dfball vor allem den <em>Vergifter<\/em> des <em>deutschen Wesens.<\/em><\/p>\n<p>Die Tennis Borussen bleiben gelassen.\u00a0 Hatte nicht Otto Nerz, <em>dessen gro\u00dfe Laufbahn bei uns begann, seine grundlegenden Kenntnisse \u00fcber den Fu\u00dfball in England erworben<\/em>? Also kn\u00fcpfen die Veilchen mit ihrer Entscheidung, die Engl\u00e4nder im Club herzlich willkommen zu hei\u00dfen, an eine lieb gewonnene Tradition an:<\/p>\n<blockquote><p>F\u00fcr uns steht in diesem Falle die menschliche und die rein sportliche Seite im Vordergrund. Deshalb f\u00fchlen wir uns heute an dieser Stelle besonders verpflichtet, unsere englischen Sportfreunde bei Tennis-Borussia auf das herzlichste willkommen zu hei\u00dfen. M\u00f6gen sie sich bei uns genau so wohl f\u00fchlen, wie es Jahrzehnte hindurch andere ausl\u00e4ndische Sportkameraden bei Tennis-Borussia getan haben.<\/p><\/blockquote>\n<p>25. Dezember 1952, Ansto\u00df in Madrid. <em>Auf den R\u00e4ngen setzt ein H\u00f6llenspektakel ein<\/em><i>. <\/i>Trainer Uhlig rutscht das Herz in der Hose und bef\u00fcrchtet w\u00e4hrend der ersten Minuten, dass die Miesepeter und Kritiker vielleicht recht behalten k\u00f6nnten, die f\u00fcr Spanien eine Blamage geunkt hatten. Die Verteidiger, <em>Deinert, Warstat und Wittig schufteten wie die Berserker, Manthey klebte f\u00f6rmlich an den schwarzen Beinen Ben Bareks und K\u00f6hna stoppte \u00fcberraschenderweise den Mittelst\u00fcrmer der spanischen Nationalelf, den schusskr\u00e4ftigen Escudero, so wirkungsvoll, dass er zum Turm unserer Abwehrreihen wurde.<\/em><\/p>\n<p>Manthey w\u00e4chst \u00fcber sich hinaus. In der 25ten luchst er der spanischen Kombinationsmachine einen Ball ab, wird von der Wucht des Schusses nach Rechtsau\u00dfen herausgetragen, flankt zu Wenske, der <em>den Ball am Tormann vorbei unhaltbar<\/em> ins Netz versenkt. F\u00fchrung!<\/p>\n<p>Durch einen Foul-Elfmeter gelingt den Madridern der Ausgleich, und kurz vor dem Halbzeitpfiff steht es 2:1 f\u00fcr die Gastgeber. Die Veilchen strecken nicht auf. Wieder Manthey. Kurtchen hebt <em>einen sauberen Flugball in den Strafraum<\/em>, den Knippser Graf <em>mit dem Kopf fasst und aus der Drehung heraus ins Netz<\/em> schleudert. 2:2!<\/p>\n<p>In der letzten Viertelstunde verlassen die G\u00e4ste die Kr\u00e4fte. Barek und der Ungar Angelovich punkten zum Endstand. 4:2. F\u00fcr diese Leistung muss man sich wahrlich nicht sch\u00e4men. <em>Alle Spieler berauschten sich an ihrer Aufgabe, es gab keine Ausf\u00e4lle.<\/em><\/p>\n<p><em>Und die Quintessenz der Spanien-Reise?<\/em><\/p>\n<p>Solche Niederlagen braucht man nicht bereuen, <em>weil die Mannschaft aus ihnen mehr Nutzen ziehen kann als aus einer ganzen Saison in der Berliner Vertragsliga.<\/em><\/p>\n<p>Einer, dessen Weltl\u00e4ufigkeit au\u00dfer Frage steht, meldet sich dieser Tage. Dr. Otto Kuttner, in den 20er Jahren eines der Herzen des Clubs, schreibt aus Hongkong. Er war w\u00e4hrend der 50-Jahre-Feierlichkeiten schmerzlich vermisst worden. Verbleib und \u00dcberleben unbekannt. Er war, wie er nun aus 12 Tregunter Mansions, May Rd, Hongonk schreibt, 1937 aus dem Dritten Reich emigriert.<\/p>\n<blockquote><p>War das eine Freude, von meiner alten Tennis Borussia zu h\u00f6ren! Keiner von Ihnen wird beurteilen k\u00f6nnen, was es f\u00fcr mich bedeutet, das Gef\u00fchl zu haben, nicht vergessen zu sein!<br \/>\n\u2026<br \/>\nAuch meiner Frau hat es unendlich wohlgetan, das treue Gedenken der Borussen zu empfinden. Ich f\u00fchle mich immer noch als einer von den Getreuen. Bin ich noch ein altes Mitglied? Oder l\u00e4sst es sich nicht arrangieren? \u2026 Ich bedaure unendlich den Tod von Rieke B\u00f6hme, Alfred Lesser und Ulrich R\u00fcdiger.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die erste Auslandsreise nach dem Krieg f\u00fchrt die Veilchen Weihnachten 1952 nach Spanien, u. a. zu Atl\u00e9tico Madrid am ersten Weihnachtsfeiertag. Pepe Junik ist tot. Er verstirbt am 1. Dezember 1952 an den Folgen eines Motorradunfalls. 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