{"id":296,"date":"2011-03-27T12:56:38","date_gmt":"2011-03-27T11:56:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/?p=296"},"modified":"2012-04-09T20:51:59","modified_gmt":"2012-04-09T19:51:59","slug":"hexenkueche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/hexenkueche\/","title":{"rendered":"Eine Hexenk\u00fcche des modernen Fu\u00dfball"},"content":{"rendered":"<p><strong>Tennis Borussia und ihre erste Trainer Richard Girulatis, Otto Nerz und Sepp Herberger. Vortrag gehalten am 21.10.2010 gehalten im Rahmen einer We-Save-TeBe-Veranstaltung<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><em>L<\/em>[iebe] <em>Tennis-Borussen<\/em>, schrieb Otto Nerz am 26. April 1924 aus Birmingham an seinen Berliner Verein, <em>91.000 beim Pokalendspiel<\/em> der Bolton Wanderers gegen Manchester City, [d]<em>arunter der K\u00f6nig und ich! Das letztere ist wesentlich, sonst k\u00f6nnte ich nichts dar\u00fcber schreiben<\/em>. Nerz galt als Pedant und Grantler, und wie um diesen Ruf zu unterstreichen, lie\u00df er <em>seine Tennis-Borussen<\/em> wissen, <em>Donnerstag und Freitag war Arbeit im Gewand der Freude. Training am Strand, Golf, Tennis, Billard. Lauter Dinge, die ich gar nicht leiden mag. <\/em>Das Sch\u00f6nste sei noch das Bad am Strand von Blackpool gewesen.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re zu leicht, \u00fcber den Mann mit dem eigenwilligen Humor zu spotten, denn\u00a0 es waren solche Eigenschaften, die ihn als k\u00fchlen Analytiker zu einem der wichtigsten Modernisierer des Fu\u00dfballs in Deutschland machten. Nerz, seit April 1924 Cheftrainer der Tennis Borussia, wurde vom Verein regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr seine Studienaufenthalte in Gro\u00dfbritannien freigestellt, und die Veilchen erprobten die Erkenntnisse, die er vom britischen Profifu\u00dfball nach Berlin brachte, sogleich in der Praxis. Auch zu dem umstrittenen Spiel gegen den Club Fran\u00e7ais reiste er erst am Austragungstag aus London nach Paris an.\u00a0 Es war die erste Begegnung einer deutschen Mannschaft mit einer franz\u00f6sischen, sechs Jahre nach Kriegsende. Die Begegnung mit dem \u201eErzfeind\u201c war im Vorfeld heftig angefeindet worden. Tennis k\u00f6nne das \u201eDeutschtum\u201c und die \u201edeutsche Art\u201c nicht w\u00fcrdig vertreten, gifteten nationalistische Scharfmacher.Unbeeindruckt von der Hetzkampagne stellte Otto Nerz mit seinen frischen Eindr\u00fccken von der Englandreise seine Veilchen hervorragend ein. In einem begeisternden Spiel gewannen die Lila-Wei\u00dfen in Paris 3:1. Am Abend nach dem Spiel versicherte der Vertreter des franz\u00f6sischen Ministeriums f\u00fcr Volkswohlfahrt, Delarbre, er werde sich f\u00fcr die Freigabe der Sportpl\u00e4tze im Ruhrgebiet einsetzen.<\/p>\n<div>\n<p>Was aber war so \u201eundeutsch\u201c an dem von Nerz bevorzugten Spiel? Seine Bewunderung f\u00fcr den englischen Fu\u00dfball war beinahe grenzenlos. Nur die <em>besten Amateure des ganzen Landes,<\/em> schw\u00e4rmte Nerz, als sich der elit\u00e4re Corianthians FC f\u00fcr den zweiten Osterfeiertrag 1925 angesagt hatte, <em>beste sowohl im sportlichen wie im gesellschaftlichen Sinne.<\/em> Die Zahl seiner Mitglieder war auf 50 begrenzt, und <em>es gibt f\u00fcr den englischen Amateur keine gr\u00f6\u00dfere Ehre, als von den Corinthians zum Mitglied gew\u00e4hlt zu werden.<\/em> Doch in England wurde Profifu\u00dfball gespielt, so dass die aktiven Spieler sowohl aus <em>Amateur- oder Professionalkubs<\/em> einberufen wurden, schlie\u00dflich wollte man auf der H\u00f6he der Zeit spielen. Alle Aktiven des Corinthians FC einte jedoch, dass <em>nur die allerbesten Leute gew\u00e4hlt werden<\/em>, wie Nerz nicht m\u00fcde wurde festzuhalten.<\/p>\n<p>Solche Bewunderung f\u00fcr den englischen Fu\u00dfball f\u00e4llt in eine Zeit, als man sich noch gut daran erinnern konnte, dass der Fu\u00dfballsport w\u00e4hrend seiner Gr\u00fcnderjahre in Deutschland als \u201eenglische Krankheit\u201c geschm\u00e4ht worden war. Auch hielt der Sportbetrieb der Weimarer Republik (mit wenigen Ausnahmen, insbesondere dem Boxen) fest am Ideal vom Amateursportler. Bezahlter Sport, das war in den Tagen, als der Berliner Tennis-Club Borussia seinen Spielern nach jedem Match zwei Eier im Glas und ein Butterbrot zukommen lie\u00df, in der Vorstellung der allermeisten Sportfreunde eine seelen- und emotionslose Veranstaltung. Undenkbar. [W]<em>ir spielen um sch\u00f6n und richtig zu spielen, die Engl\u00e4nder spielen nur mit R\u00fccksicht auf den Sieg,<\/em> in solchen \u00c4u\u00dferungen kulminierte die Kritik am englischen Sportbetrieb, wenn sie sich sachlich \u00e4u\u00dferte. \u00dcber das <em>schleichende Gift<\/em> des <em>verkappten Berufsspielertums<\/em> hingegen, von dem der <em>Fu\u00dfballk\u00f6rper<\/em>zu befreien sei, klagte der DFB schon 1918\/19.<em>Verkappte Berufsspieler<\/em>, das waren Leute wie Sepp Herberger, der bereits im November 1921 vom S\u00fcddeutschen Fu\u00dfballverband zum Berufsspieler erkl\u00e4rt und vom Spielbetrieb ausgeschlossen worden war \u2013 die Sperre wurde freilich auf seinen Einspruch hin bereits im M\u00e4rz 1922 wieder aufgehoben. Im Oktober 1926 lotste Herbergers Mentor Otto Nerz den Spielmacher des VfR Mannheim zu den Berliner Veilchen. Herberger, um den auch die Hertha gebuhlt hatte, erhielt eine hoch dotierte Arbeitsstelle im Bankhaus F\u00fcrstenberg &amp; Klocke der beiden Tennis Borussen Georg Michaelis und Max Berglas. Zuvor schon hatte Herberger in Mannheim als \u201eGeldz\u00e4hler\u201c in einer Bank gearbeitet \u2013 eine T\u00e4tigkeit, die durch die Inflation notwendig geworden war. Es ist wohl dennoch nicht sehr wahrscheinlich, dass Herberger ohne Ausbildung sich die Summe von 350 Mark auch tats\u00e4chlich mit Arbeiten f\u00fcr das Bankhaus verdiente, dessen Inhaber zu unterschiedlichen Zeiten Vorstandsmitglieder von TeBe waren. Derartige Konstruktionen sind vermutlich auch anderen Spielern zugutegekommen. Otto Martwig beispielsweise, der 1924 \u00fcber Union Obersch\u00f6nweide von Schwaben Augsburg seinen Weg zu TeBe fand, kurz nach seinem Entritt wieder austrat und wiederum wenige Wochen danach bei TeBe seine Mitgliedschaft erkl\u00e4rte. Dieses Hin und Her eines Mannes, der auf dem Spielfeld \u00e4u\u00dferst erfolgreich auftrat und der insgesamt vier Mal das Trikot der Reichsauswahl und 28 Mal die Berliner Farben \u00fcbergestreift hatte, zeigt vielleicht, wie schwierig die Entscheidung zum \u00fcberregionalen Vereinswechsel damals war. Alles hing davon ab, ob es gelang, einen Arbeitsplatz in der Heimat des neuen Vereins zu finden, solange die Spieler nicht angemessen entlohnt werden durften.<\/p>\n<p>1925 untersagte der DFB gar Spiele gegen ausl\u00e4ndische Profimannschaften, das Verbot wurde erst 1929 wieder gelockert, erlaubt seien nunmehr Spiele gegen &#8222;Berufsspielermannschaften\u201c zu Lehrzwecken. Doch Tennis Borussia traf bereits am 21. Mai 1927 wieder auf eine englische Profimannschaft. Nach dem Spiel gegen den Burnley FC jubelte Otto Nerz: [N]<em>ach jahrelanger Abgeschiedenheit wieder einmal die hohe Schule des Fu\u00dfball<\/em>. Die Amateure der Tennis Borussia verloren gegen die englischen Profis 0:4. In seinem Res\u00fcmee f\u00fcr die Clubnachrichten brachte Nerz seine ganze Philosophie auf den Punkt:<\/p>\n<blockquote><p>\u2026ihr Laufen, ihre F\u00fchrung des Balles, ihre Art, den Gegner zu umspielen, alles sieht l\u00e4cherlich einfach und m\u00fchelos aus, weil sie ihren K\u00f6rper und ihre Materie restlos beherrschen. \u2026 In Technik und Taktik k\u00f6nnte Burnley uns Lehrmeister sein. Was die Elf vor allen Dingen auszeichnet, ist, dass alle Spieler den Ball auf kleinstem Raume noch bewegen k\u00f6nnen. Wie erstaunlich war es, wenn die Engl\u00e4nder, hart an der Seitenlinie stehend, von allen Seiten bedr\u00e4ngt, noch den Ball an den Unsrigen vorbeispielten. Selten lie\u00dfen sie den Ball weit vom Fu\u00df. Ob auf kurze Distanz oder weiteren Strecken, ihr Zuspiel war au\u00dferordentlich genau und erreichte fast immer den eigenen Mann, der allerdings sich stets auch so gestellt hatte, dass er frei vom Gegner war. War es wirklich n\u00f6tig, einen Ball zu erlaufen, zeichnete sie alle eine gro\u00dfe Schnelligkeit aus. \u2026 Die auch bei uns theoretisch festgelegte Stellung des Sturmes in Form eines lateinischen W, war bei ihnen deutlich ausgepr\u00e4gt, nur dass die innere Spitze, also der Mittelst\u00fcrmer, weit vorgetrieben war. Er stand stets vorn zwischen den Verteidigern, hart an der Abseitsgrenze, ohne jedoch ein einziges Mal in Abseitsstellung zu geraten\u2026<\/p><\/blockquote>\n<p>Fu\u00dfballerisch verabschiedete sich Nerz vom sog. \u201eDrei-innen-Spiel\u201c, das damals alle erfolgreichen Mannschaften spielten: Der N\u00fcrnberger Club, die Wiener Hakoah und sp\u00e4ter auch der Schalker \u201eKreisel\u201c. \u201eDrei-innen\u201c, das war ein Kurzpasssystem, das von zwei Au\u00dfen- und drei Innenst\u00fcrmern gespielt wurde. Standfu\u00dfball, der mit der individuellen Klasse seiner Akteure steht und f\u00e4llt. <em>Impotente Spielerei<\/em>, schimpfte Nerz \u00fcber diese Spielweise. Ballverliebt, w\u00fcrde man heute vielleicht sagen. Stattdessen also lie\u00df Nerz \u00fcber die Au\u00dfenfl\u00fcgel spielen, wie er es bei den englischen Vereinen gelernt hatte. Statt passgenauem Zuspiel der t\u00f6dliche Pass in den freien Raum, statt Kabinettst\u00fcckchen am Ball das Laufen ohne Ball. Auch Manndeckung war ein unbekanntes Wort in der Weimarer Republik, bis Nerz bei Tennis Borussia mit ihr experimentierte. Die Spielweise war kr\u00e4ftezehrend, und Nerz war verrufen als Konditionsbolzer, der ganze Trainingseinheiten ohne Spielger\u00e4t verbringen lie\u00df. Wenn es gut lief, bejubelte die Presse die <em>hochkultivierte Art der fliegenden Kombinationen<\/em>, wie es die FuWo nach einem Spiel gegen Wedding 1927 schrieb, das bereits unter der Verantwortung des ehrenamtlichen Spielertrainers Sepp Herberger gef\u00fchrt wurde:<\/p>\n<blockquote><p>Dieses pausenlose pr\u00e4zise Feingef\u00fchl des Weiterlenkens des Balls wie es Herberger, wie es auch Handschuhmacher, Schr\u00f6der und Hartwig k\u00f6nnen, kann zur Spezialkampfmethode der Tennis Borussia, zu einer hochmodernen, ausgebaut werden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Lief es aber schlecht, dann stand TeBe f\u00fcr sein seelenloses und k\u00fchles Spiel am Pranger. Zweckfu\u00dfball, schimpfte einmal der Spieler Herberger selbst \u00fcber seinen Trainer Nerz. Als die Reichsauswahl 1931 gegen Frankreich unterlag, f\u00fchlte sich der Berliner Tennis-Club \u201eBorussia\u201c berufen, f\u00fcr den Reichstrainer Nerz in die Bresche zu springen. Zu deutlich glichen die Angriffe der Presse jenen, die die Veilchen \u00fcber Jahre hinweg selbst haben \u00fcber sich ergehen lassen, wie es Dr. Jacques Karp sehr deutlich zu Papier brachte:<\/p>\n<blockquote><p>Mit einiger Besch\u00e4mung la\u00df ich in einer Tages-Zeitung nach dem verlorenen L\u00e4nderspiel gegen Frankreich recht h\u00e4\u00dfliche Worte gegen den Reichtrainer, Otto Nerz. Wir haben im Club an uns selbst erfahren, wie Nerz als erster System in unsere Mannschaft gebracht hat, wie er aufgebaut hat und viele unserer ersten Mannschaft danken ihren Aufstieg wirklich zum gro\u00dfen Teil den formenden H\u00e4nden dieses Mannes. [&#8230;] Es ist ja nicht angenehm, Gegner in der Presse zu haben; aber man mu\u00df ihnen wenigstens zum Ausdruck geben, da\u00df man ihre Ansichten doch recht einseitig findet, selbst auf die Gefahr hin, sie k\u00f6nnten \u00fcbelnehmen. So geht es mir auch mit Ihnen, mein lieber Oasen-Bruder Werner; ich unterstelle gar nicht, da\u00df Sie gegen T.-B. eingestellt sind, \u2013 ich w\u00fc\u00dfte nicht warum \u2013 sollten wir Ihnen einmal B\u00f6ses getan haben, traue ich Ihnen genug Menschentum zu, das auch einmal zu vergessen; aber es macht doch auf die Dauer einen recht merkw\u00fcrdigen, um nicht zu sagen schlechten Eindruck auf den Leser, das Negative immer besonders liebevoll unterstrichen zu finden, und das Positive stets nur diskret \u00fcbergangen zu sehen, warum das?<\/p><\/blockquote>\n<p>Nerz hatte Anfang Januar 1927 die Veilchen verlassen, um als Reichstrainer die Nationalmannschaft zu betreuen. Hier f\u00fchrte er bei der Weltmeisterschaft 1934 das englische WM-System ein, das 3, 2, 2, 3, gespielt wurde. Nach seinem Weggang \u00fcbernahm Herberger von seinem Freund, Mentor und Dozenten an der Deutschen Hochschule f\u00fcr Leibes\u00fcbungen die Gesch\u00e4fte als ehrenamtlicher Spielertrainer f\u00fcr rund anderthalb Jahre. Herberger, der als Spieler selbst im Ruf stand, ein ballverliebter Dribbelk\u00fcnstler zu sein, f\u00fchrte die Arbeit im Sinne seines Vorg\u00e4ngers fort; wer unter beiden Trainern gespielt hatte, betonte allenfalls, dass Herberger mehr Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Spielanlage und die praktischen Belange der Spieler hatte.<\/p>\n<p>Seit seinem Umzug nach Berlin studierte Herberger an der Deutschen Hochschule f\u00fcr Leibes\u00fcbungen, u. a. bei dem Dozenten Otto Nerz. Ihn f\u00fcr die Belange seines Studiums freizustellen und nach Kr\u00e4ften zu unterst\u00fctzen, war einer der Gr\u00fcnde, warum Herberger sich f\u00fcr Tennis Borussia und gegen Hertha BSC entschieden hatte. Praxis als Trainer sammelte der Mannheimer \u00fcbrigens ehrenamtlich bei Babelsberg 03. Im Herbst 1930 schloss Herberger sein Studium als Jahrgangsbester ab. Er beendete seine Laufbahn als aktiver Spieler, und begann die des hauptamtlichen Trainers im Januar 1931 bei den Lila-wei\u00dfen. Die Club-Nachrichten kommentierten:<\/p>\n<blockquote><p>Wir gratulieren herzlich zu diesem sch\u00f6nen Erfolg des Ausnahme-Studenten. Vor kurzem nun \u2013 denk mal! \u2013 beschlie\u00dft der Senat der Hochschule, ihm die August-Bier-Plakette zu verleihen. Sie, von dem Rektor der Hochschule, Geheimrat Prof. Bier, gestiftet, wird f\u00fcr das beste Examen im Semester verliehen! Wie? Das ist eine Ehrung, auf die nicht nur der Seppl, auf die auch wir Borussen stolz sein d\u00fcrfen. Nicht so wie ein Borusse, der nach fl\u00fcchtigem meinte, er habe noch gar nicht gewusst, dass der Seppl ein so gro\u00dfer Biertrinker sei (ob er es denn heimlich tue?) \u2013 sondern so, dass einer der Unseren ein so t\u00fcchtiger Kerl ist und auch so, dass wir wieder einmal einen Beweis haben daf\u00fcr, dass auch wir Fu\u00dfballer bessere Menschen sein k\u00f6nnen\u2026<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Deutsche Hochschule f\u00fcr Leibes\u00fcbungen war zun\u00e4chst eine private Bildungseinrichtung. 1920 vom DFB gegr\u00fcndet, war es ihre vornehmste Aufgabe, Trainer nach wissenschaftlichen Methoden auszubilden. Profitieren sollte von der Verwissenschaftlichung und der Ausbildung vor allem die Nationalmannschaft. Ihr erster Dozent war ein echter Fu\u00dfballpionier. Wenig wei\u00df man \u00fcber Richard Girulatis. 1912 hatte er das Traineramt bei Tennis Borussia inne. Vorher galten Trainer in Deutschland als englisches Ph\u00e4nomen, als etwas, an das man sich nicht herantraute und das wohl auch abzulehnen sei. Girulatis, dessen Heimatverein Union 92 war, emigrierte 1903 in die USA. Dort lernte er an den Universit\u00e4ten den Sport von seiner akademischen Seite kennen. 1908 kehrte er nach Berlin zur\u00fcck. 1916 trainierte er die deutsche Olympiamannschaft \u2013 und war also auch in diesem Sinne ein Vorg\u00e4nger von Otto Nerz \u2013, 1919 verfasste er das erste brauchbare Fu\u00dfballlehrbuch mit dem Titel \u201eFu\u00dfball. Theorie, Technik, Taktik\u201c (Berlin 1919), das wohl den Ausschlag gegeben hatte, weshalb er als Dozent auf die Deutsche Hochschule f\u00fcr Leibes\u00fcbungen berufen wurde. In der Festschrift der Tennis Borussia anl\u00e4sslich ihres 50j\u00e4hrigen Bestehens schreibt Girulatis \u00fcber seine Zeit bei den Veilchen \u2013 und mit diesem l\u00e4ngeren Zitat m\u00f6chte ich Euch entlassen:<\/p>\n<blockquote><p>Eine Pers\u00f6nlichkeit war ich bestimmt noch nicht, als ich so um 1912\/13 die Betreuung der ersten Mannschaft von Tennis-Borussia \u00fcbernahm. Bis dahin hatte sich kaum ein Deutscher an eine solche Aufgabe herangewagt; dieses T\u00e4tigkeitsfeld geh\u00f6rte damals ausschlie\u00dflich englischen Fu\u00dfballexperten. Von diesen war wohl Townley der erfolgreichste. Ihm verdanken Karlsruhe, F\u00fcrth und andere, namentlich s\u00fcddeutsche Vereine, ihren Aufstieg. Einem Berliner Verein war es bis dahin nicht m\u00f6glich gewesen, einen solchen Mann zu verpflichten. Trotzdem gelang es schon 1905 der Berliner Union 92, den von Townsley trainierten Karlsruher Fu\u00dfball-Verein im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft mit 2:0 in K\u00f6ln zu schlagen und den Siegespreis zum ersten Male nach Berlin zu bringen, und zwar ganz ohne Hilfe eines Trainers, was den Erfolg um so wertvoller erscheinen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Um diese Zeit weilte ich in den USA, von wo ich nach f\u00fcnf Jahren Aufenthalt 1908 zur\u00fcckkehrte und mich Union 92, dessen Mitbegr\u00fcnder ich war, mit meinen sportlichen Erfahrungen zur Verf\u00fcgung stellte. Ein geordnetes Training hatte zur Folge, da\u00df im Jahre 1910 die Mannschaft wieder an der Spitze zu finden war.<br \/>\nSo kam ich denn, mit einigen Erfolgen versehen, zu Tennis-Borussia. Gerade an ihrer Mannschaft hatte ich ein besonderes Interesse, und Ulrich R\u00fcdiger, der sparsamste aller Vereinskassierer (aller Zeiten), &#8218;gestattete&#8216; mir die ehrenamtliche Betreuung der Mannschaft. Ja, ich mu\u00dfte sogar Mitglied werden und p\u00fcnktlich meinen Beitrag zahlen. Daf\u00fcr wurde ich, ganz wie heute \u00fcblich, gelegentlich eines Mi\u00dferfolges von einem Hitzkopf auch noch beschimpft. Ich sage nochmals, ganz wie heute; denn: es ist zwar alles in Flu\u00df, aber insofern hat sich im Fu\u00dfball bis auf den heutigen Tag nichts ge\u00e4ndert.<\/p><\/blockquote>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Tennis Borussia und ihre erste Trainer Richard Girulatis, Otto Nerz und Sepp Herberger. Vortrag gehalten am 21.10.2010 gehalten im Rahmen einer We-Save-TeBe-Veranstaltung L[iebe] Tennis-Borussen, schrieb Otto Nerz am 26. April 1924 aus Birmingham an seinen Berliner Verein, 91.000 beim Pokalendspiel der Bolton Wanderers gegen Manchester City, [d]arunter der K\u00f6nig und ich! 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