{"id":608,"date":"2011-11-29T12:09:29","date_gmt":"2011-11-29T11:09:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/?p=608"},"modified":"2012-04-09T20:02:22","modified_gmt":"2012-04-09T19:02:22","slug":"dissonanzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/dissonanzen\/","title":{"rendered":"Dissonanzen"},"content":{"rendered":"<p><strong>27. April 1930: Hertha BSC gegen TeBe 3:1<\/strong><\/p>\n<p>Die 30er Jahre \u2013 neues Jahrzehnt, neue Fortune?<\/p>\n<p>Danach sieht es zun\u00e4chst nicht aus. Tennis rackert sich zur Abteilungsmeisterschaft \u2013 die Saison 1929 \/ 30 kostet viel Kraft \u2013, um sich in der Endrunde um die Berliner Meisterschaft den Weddingern zu stellen. Nichts Neues f\u00fcr die Berliner. Beide Mannschaften dominieren \u2013 mal mehr, mal weniger \u2013 ihre Abteilung, und am Ende gewinnt Hertha den Meistertitel. 3 zu 2 und 3 zu 1 diesmal. Das ist frustrierend. Worte des Trostes, Erkl\u00e4rungsversuche aus der Feder Otto Wieses. <em>Trotz gro\u00dfer Chancen, trotz sch\u00f6nem Feldspiels<\/em> wollte einfach nichts gelingen, womit am 27. April die fr\u00fche 0:1 F\u00fchrung f\u00fcr die Lila-Wei\u00dfen entscheidend ausgebaut werden konnte.<\/p>\n<blockquote><p>Pech? Gewiss, aber nur zum Teil. Es zeigte sich wieder (der beste Beweis ist die Duplizit\u00e4t), dass Gl\u00fcck letztens Endes nur der T\u00fcchtige hat. \u2026 [A]ber seien wir mal ehrlich, mit der Erkl\u00e4rung des \u201aungl\u00fccklichen\u2018 Spiels treffen wir die Sache nicht. Eine Mannschaft, die trotz trotz sch\u00f6nen Feldspiels, trotz bester M\u00f6glichkeiten in beiden Spielen den entscheidenden Vorsprung nicht erzielen kann, darf man nicht als <strong>nur<\/strong> ungl\u00fccklich bezeichnen. Wir sind, das m\u00fcssen wir schon eingestehen, der immer noch besseren Hertha unterlegen. Ehrenvoll! Sehr ehrenvoll! Der Unterschied zwischen Hertha und uns ist ein geringer aber doch entscheidender geblieben. Mit dieser Anerkenntnis verbinden wir den auch hier wiederholten herzlichen Gl\u00fcckwunsch f\u00fcr den alten, neuen Meister. Und wir sagen unserer Mannschaft, dass sie uns trotz allem Freude bereitet hat. Nach hartem Kampf erst, nach st\u00e4rkster Gegenwehr, nach Spielen, die beide lange in unserem Zeichen standen, sind wir dem schlie\u00dflich besseren Gegner knapp unterlegen. So <strong>Zweiter<\/strong> zu werden, das ist wirklich ehrenvoll.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und so ger\u00e4t die vergeigte Meisterschaft zu einer erbittert gef\u00fchrten Diskussion um die Ursachen. <em>Der Gegner hat das in seinem Sturm, was uns noch fehlt, aber auch kommen wird: Die letzte Entschlossenheit, Chancen auszun\u00fctzen<\/em>. Doch es ist nur vordergr\u00fcndig ein sportliches Problem. Dahinter steht die Frage, ob und, wenn ja, wieviel Geld in Erfolg investiert werden darf:<\/p>\n<blockquote><p>Sport soll nicht zum Gesch\u00e4ft herabsinken. Und doch muss heute ein gro\u00dfer Verein, wenn er an der Spitze bleiben will, auch die gesch\u00e4ftliche Seite des Sportes sehr stark beachten. Die finanziellen Anforderungen an die Vereinskasse sind so stark, dass eine Nichtbeachtung dieser kaufm\u00e4nnischen Grundlagen dem Verein die Grundlage entziehen w\u00fcrde.<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Debatte um Amateurismus versus Profisport, um Ausverkauf und Gesch\u00e4ftemacherei wird im ganzen Land gef\u00fchrt. Sie ist hoch ideologisiert und r\u00fchrt Emotionen auf, die sich unvers\u00f6hnlich gegen\u00fcberstehen. Hier die Idealisten, die Sport als Allheilmittel f\u00fcr Volk und Vaterland anpreisen, dort die Realisten, die Spitzensport auf der H\u00f6he seiner Zeit sehen wollen.<\/p>\n<p>Auch bei den Veilchen tobt der Sturm, und es tun sich Gr\u00e4ben auf, die un\u00fcberbr\u00fcckbar scheinen. So sehr, dass sich verdiente Funktion\u00e4re und langj\u00e4hrige G\u00f6nner des Vereins zum letzten Schritt entscheiden. Georg Michaelis, Vorstand und Funktion\u00e4r in verschiedenen Verwendungen, ist einer der Architekten der lila-wei\u00dfen Zwanziger. Er war es, der zusammen mit seinem Kompagnon Max Berglas es erst erm\u00f6glicht hatte, dass Leistungstr\u00e4ger wie Sepp Herberger zu den Veilchen gelotst werden konnten. In ihrem Bankhaus hatte <em>Seppl<\/em> f\u00fcr die Zeit seines Studiums an der Deutschen Hochschule f\u00fcr Leibes\u00fcbungen eine pro forma Anstellung gefunden. Und nur dadurch waren die materiellen Grundlagen f\u00fcr den sp\u00e4teren Weltmeister-Trainer gegeben, um von Mannheim nach Berlin zu ziehen.<\/p>\n<p>Nach einem heftigen Streit mit Dr. Kuttner, dem 1. Vorsitzenden, tritt Georg Michaelis aus dem Verein aus:<\/p>\n<blockquote><p>In einer Aussprache zwischen Herrn Dr. Kuttner und Herrn Michaelis hat sich herausgestellt, dass die Gr\u00fcnde, welche Herrn Michaelis zum Austritt bewogen haben, auf gegenseitigen Missverst\u00e4ndnissen beruhten. Nachdem diese restlos gekl\u00e4rt sind, ist Herr Michaelis wieder unser Mitglied. Wir freuen uns \u00fcber den Wiedereintritt des Herrn Michaelis und sprechen an dieser Stelle die Hoffnung aus, dass wir an Herrn Michaelis weiter den treuen Mitarbeiter haben werden, als welchen wir ihn stets gesch\u00e4tzt haben.<\/p><\/blockquote>\n<p>Es ist nicht \u00fcberliefert, wor\u00fcber sich die beiden Vorst\u00e4nde derart in die Haare bekommen hatten (bei TeBe wurde der Vorstand j\u00e4hrlich neu besetzt, und Michaelis hatte den Posten in der Vergangenheit mehrfach inne). Die Gleichzeitigkeit der Nachrichten in der Vereinszeitschrift zeigt aber, wie sehr der Verein und sein Apparat unter Druck gestanden haben m\u00f6gen. Die Erwartungshaltung der Mitgliedschaft und Anh\u00e4nger jedenfalls ist hoch. Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Hasselfeldt beklagt, dass die <em>Gesch\u00e4ftstelle nicht der richtige Ort<\/em> ist, <em>um seine Meinung zum besten zu geben<\/em>. Man m\u00f6ge also davon absehen, ihn pers\u00f6nlich, mittels Telefonanrufen oder Postkarten mit <em>Aufstellungsvorschl\u00e4gen<\/em> die Zeit zu rauben.<\/p>\n<blockquote><p>Der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer ist schlie\u00dflich ausf\u00fchrendes Organ des Vorstandes. Gewiss soll er auch eigene Gedanken haben. Er soll sich aber noch lange nicht zum Sprachrohr eines jeden Mitgliedes machen lassen. In dieser Hinsicht darf wohl die Bitte ge\u00e4u\u00dfert werden, dass in Zukunft etwas weniger telefoniert wird. Das Telefon soll auch gesch\u00e4ftlichen Notwendigkeiten dienen und nicht dem Unterhaltungsbed\u00fcrfnis Einzelner. &#8212;<\/p><\/blockquote>\n<p>Solches Mitteilungsbed\u00fcrfnis gehe einher mit einem auffallenden Desinteresse nach Niederlagen. <em>Vereinsinteresse ist gut. Muss sein. Aber es muss sich nicht nur dann \u00e4u\u00dfern, wenn es gilt, Siege zu feiern, sondern es muss sich auch zeigen, wenn verloren wurde. Und da muss leider festgestellt werden, dass es in diesen F\u00e4llen sehr stark mangelt. Gerade in den diesj\u00e4hrigen Entscheidungsspielen erwies sich das ganz klar<\/em>. Wo waren all jene, deren Einlassungen vorher in eine Form gekleidet waren, <em>als ob die Seeligkeit des Lebens von der Befolgung ihrer Vorschl\u00e4ge abhing<\/em>?<\/p>\n<p>Die Erwartungshaltung des Berliner Publikums, das Erfolge und sonst nichts z\u00e4hlen l\u00e4sst, st\u00f6\u00dft am Vorabend des Dritten Reichs auf eine hoch ideologisierte sportpolitische Debatte, in der beide Lager unvers\u00f6hnlich aufeinanderprallen. Dem rigiden Amateurgedanken zu folgen, hie\u00dfe, Publikum, Anh\u00e4nger und Mitglieder zu entt\u00e4uschen; hie\u00dfe, Sport zu treiben auf dem Niveau des Breitensports, wie man es heute nennen w\u00fcrde. Die Debatte reichte bis weit in die b\u00fcrgerlichen Sportvereine hinein, wie das Beispiel des Berliner Tennis-Club \u201eBorussia\u201c illustriert. Sie drohte zur Zerrei\u00dfprobe zu werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"27. April 1930: Hertha BSC gegen TeBe 3:1 Die 30er Jahre \u2013 neues Jahrzehnt, neue Fortune? Danach sieht es zun\u00e4chst nicht aus. Tennis rackert sich zur Abteilungsmeisterschaft \u2013 die Saison 1929 \/ 30 kostet viel Kraft \u2013, um sich in der Endrunde um die Berliner Meisterschaft den Weddingern zu stellen. Nichts Neues f\u00fcr die Berliner. 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