{"id":782,"date":"2012-02-06T22:43:28","date_gmt":"2012-02-06T21:43:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/?p=782"},"modified":"2012-04-09T20:01:10","modified_gmt":"2012-04-09T19:01:10","slug":"love-parade-in-wilhelmshaven-oder-so-kann-sogar-absteigen-spass-machen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tebe.de\/geschichten\/love-parade-in-wilhelmshaven-oder-so-kann-sogar-absteigen-spass-machen\/","title":{"rendered":"Love-Parade in Wilhelmshaven oder: So kann sogar Absteigen Spa\u00df machen"},"content":{"rendered":"<p><strong>2. Juni 2001: Regionalligaabstieg SV Wilhelmshaven vs. TeBe 2:2<\/strong><\/p>\n<pre class=\"font-variant:small-caps;\">Von Uli Krug<\/pre>\n<p>Abstieg tut immer sauweh, jedes Mal aufs neue; diese Kr\u00e4nkung, diesen moralischen Kater, diese dem\u00fctigende Machtlosigkeit zu \u00fcberwinden und gleich zu Beginn der neuen Saison wiederzukommen, ist eines der wesentlichen Kriterien, die den Fan vom Zuschauer unterscheiden.<\/p>\n<p>In der j\u00fcngeren Geschichte leidiger Abstiege unserer geliebten Veilchen besitzt einer allerdings eine Sonderstellung, einer, bei dem ich in gewisser Weise sogar froh bin, ihn miterlebt zu haben \u2013 denn ohne jenes vorletzte Spiel der Regionalligasaison 2000\/2001 w\u00fcrde mir und gut 50 weiteren Mitfahrern das wahrscheinlich kurioseste und herzlichste \u00a0Ausw\u00e4rtserlebnis ihres Fanlebens schlicht fehlen.<\/p>\n<p>Es ging auf das erste Juni-Wochenende des Jahres 2001 zu: Zweitligaabsteiger Tennis stand mit 22 Punkten Abstand zum rettenden Ufer auf dem letzten Platz, wies ein rekordverd\u00e4chtiges Torverh\u00e4ltnis von minus 47 Toren auf, verlor gerade in schmutzigen Turbulenzen seinen Hauptsponsor und hatte bis dato drei Trainer verschlissen \u2013 unter anderem einen gewissen Mirko S., der sp\u00e4ter, Gott wei\u00df warum, bei Schalke und 96 gro\u00df rauskommen sollte, und auch den vermeintlich letzten Lichtblick der Fans, den bisherigen Amateurcoach Robert Jaspert. Am Eichkamp roch es nach Tasmania und Blau-Wei\u00df 90, es roch nach Bankrott und Untergang, und man h\u00e4tte es keinem verdenken k\u00f6nnen, wenn er, statt am Samstag zum SV Wilhelmshaven zu reisen, sich lieber irgendwo am Rande der Love-Parade den Frust weggedr\u00f6hnt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Doch, die wirkliche, echte und einzig wahre Love-Parade fand an diesem denkw\u00fcrdigen, verregneten Nachmittag im Jadestadion statt: Zwar hatten sich bereits im Hinspiel erste freundschaftliche Bande zwischen den Fanlagern beider Vereine gesponnen, doch was die Ostfriesen dann zu unserem Empfang aufgeboten hatten, \u00fcbertraf die k\u00fchnsten Erwartungen bei weitem: Ein lila gef\u00e4rbtes Stadionprogramm, Bier- und Bratwurstgutscheine und eine mehr als nur freundliche Aufnahme unter die \u00fcberdachte Heimtrib\u00fcne! Dazu ein leidenschaftlich gef\u00fchrtes Spiel einer radikal verj\u00fcngten Mannschaft (insgesamt hatte TeBe am Ende dieser Saison 49 verschiedene Spieler eingesetzt) und mit A-Jugend-Trainer Claudio Offenberg ein \u00a0ebenso leidenschaftlich agierender Hoffnungstr\u00e4ger auch an der Au\u00dfenbahn; beides Balsam f\u00fcr die geschundene Borussenseele in einer Spielzeit, in der heimische 1:7-Klatschen durchaus nichts Ungew\u00f6hnliches waren. Doch an diesem Tag war eben alles ganz anders: Tennis k\u00e4mpfte unverdrossen gegen einen 0:2-R\u00fcckstand auf des Gegners Platz an, beim Stand vom 1:2 st\u00fcrmte sogar Kult-Keeper Ren\u00e9 Renno mit nach vorne und Sekunden vor Schluss gelang Ranisav Jovanovic noch der Ausgleich!<\/p>\n<p>Es war wie eine Explosion: Der ganze Frust, die ganze Angst um den Verein verwandelte sich sp\u00e4testens in dieser Sekunde in einen \u00fcbersch\u00e4umenden, ja nachgerade rasenden Freudenausbruch auf den R\u00e4ngen; mit freundlicher Genehmigung der Wilhelmshavener Ordner st\u00fcrmte der ganze lila Pulk auf den Rasen, um mit den Spielern, deren Namen noch gar nicht so recht sa\u00dfen, zu feiern; zu feiern mit einer Mannschaft, deren Vorg\u00e4nger schon vor Wochen rechnerisch bereits abgestiegen waren, zu feiern, dass diese Jungs, von denen kaum einer \u00e4lter als 20 war, eineinhalb Jahre Agonie weggewischt und eine erste zarte Hoffnung auf die Zukunft gepflanzt hatten. Der Beobachter einer Westberliner Boulevard-Zeitung meinte in seinem Spielbericht am Tag danach, gar Hunderte von freudetrunkenen TeBe-Fans auf dem Rasen gez\u00e4hlt zu haben \u2013 und gef\u00fchlt waren wir pl\u00f6tzlich auch so viele: Wellen, Diver und eine komplette Ehrenrunde mit dem Team, schlie\u00dflich eine freundliche Busbelagerung, bei der das Bier in Str\u00f6men floss, Spieler und Fans sich f\u00fcr die kommende Oberligasaison schon einstimmten und einsangen. Ein Chorus wollte gar nicht mehr verstummen: <em>Auf geht\u2019s, Malchow, bring uns Bier!<\/em>, begleitete den jungen Verteidiger und uns alle noch in die kommende Saison, die, was die Verbundenheit von Mannschaft und Fans angeht, wohl eine der innigsten der Nachkriegsgeschichte werden sollte. Die Lila Laune fragte sich damals zu Recht: <em>Wir fotografieren die Mannschaft, die Mannschaft fotografiert uns, singen, jubeln \u2013 sind wir wirklich abgestiegen?<\/em><\/p>\n<p>Dass dennoch niemand den \u201eGeist von Wilhelmshaven\u201c zum gefl\u00fcgelten Wort erhob, hatte zwei Gr\u00fcnde: Zum einen waren da nat\u00fcrlich die Folgen der rauschenden After-Show-Party, die mit reichlich Gegrilltem und noch reichlicherem Bier von der ersten Fangemeinschaft SV Wilhelmshaven 92 geschmissen wurde und die schlie\u00dflich in einem gemeinsamen mittern\u00e4chtlichen Besuch der Disco \u201eAntik\u201c gipfelte, aus der wohl keiner ohne Ged\u00e4chtnisl\u00fccken wieder heraus kam; zum anderen \u2013 und das wog nat\u00fcrlich viel schwerer \u2013 beendeten die Vereinsoberen die in Wilhelmshaven eingel\u00e4utete \u00c4ra Offenberg bereits ein Jahr sp\u00e4ter unter fadenscheinigen Begr\u00fcndungen wieder, die Mannschaft zerfiel und keine der vielen folgenden Oberliga-Spielzeiten sollte noch einmal so werden wie jene erste, die eigentlich in Ostfriesland begonnen hatte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"2. 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