„Lila-weiß ist …“

Mottofahrt nach Cottbus am 14. April 2000

Lila-weiß ist… na was? Okay, ! Das jedenfalls nahmen in den 1990er und 2000er Jahren mit unschöner Regelmäßigkeit gegnerische Fans an. Wo immer im Wirkungsbereich der Regionalliga Nordost auftauchte, schallte es den Veilchenfans bereits verächtlich entgegen. Lila-weiß ist schwul!, gehörte in den Jahren nach der Wende zur Fußballfolklore für den Anhang des kleinen Westberliner Clubs mit den lila-weißen Jerseys.

Der Flyer zur Auswärtsfahrt nach Cottbus. Foto: Sammlung TBAF

Die Tennis Borussen nahmen es als Kompliment. Lila-weiß ist schwul!, retournierten sie den gegnerischen Kurven und freuten sich. Einmal kam ein Spaßvogel in einer Sektlaune auf die Idee, dem gegnerischen Tross eine Freude zu machen. Energie Cottbus war einer dieser Vereine, wo der Wechselgesang besonders ausgiebig zelebriert wurde. Am 15. April 2000 fuhren die Lila-weißen auffälliger als sonst gekleidet und, je nach Talent und Laune, hübsch geschminkt ins .

Mittendrin der spätere Fanbeauftrage der Tennis Borussia, . Der 24jährige genoss die Auswärtsfahrt in die Lausitz mehr als die anderen. Heute, 20 Jahre später, erinnert er sich an sein Coming-out:

Denis am 15. April 2000 in Cottbus. Foto: unbekannt, Sammlung TBAF

„Man kann es sich ja zum Glück heute nicht mehr so richtig vorstellen, aber 1999 lebten wir noch in einer Welt, in der für einen schwulen Jugendlichen oder jungen Erwachsenen die einzigen öffentlich homosexuellen Personen Alfred Biolek, Hape Kerkeling und Hella von Sinnen waren. Nicht unbedingt die großen Vorbilder für jemanden, der Punkrocker, Fußballfan und schwul ist.

Vor der Mottofahrt fühlte es sich eher so an, dass ich nirgendwo so richtig dazu gehörte, weil ich tief in mir drin wusste, irgendwie (vermeintlich) anders zu sein als alle anderen, mit meinen Emotionen, meinem Leben und meinem Empfinden. Ab dem Tag der Mottofahrt wusste ich: Es gibt ja doch ein Umfeld, wo ich mich komplett so geben kann wie ich bin. Trotz vieler toller Iniatiativen, viel Aufklärungsarbeit in den Fankurven anderer Vereine, schwuler Fanclubs und so weiter, ist das immer noch nicht überall selbstverständlich. Bei uns im Mommsenstadion schon. Dafür bin ich diesem Tag, und in gewisser Weise auch der Engstirnigkeit der Cottbusser bis heute dankbar.“

Ein Jahr nach der Fahrt gab Denis dem Journal der Jugendkulturen ein kurzes Interview, in dem er von der Fahrt und seinem Coming-out erzählte. Dieses Gespräch hatte eine erstaunliche Wirkung: Nicht nur zu TeBe kamen immer mehr Menschen, die anderswo beleidigt und bedroht wurden, auch in anderen Stadien organisierten sich schwul-lesbische Fanclubs.

TeBe Geschichten dokumentiert das Interview mit Denis aus dem Journal der Jugendkulturen Nr. 5, 2001:

 

“ … okay, die Toleranz existiert…“

Auszug aus dem Gespräch mit Denis, 25, einem der beiden Fanbeauftragten bei Tennis Borussia Berlin.

Gibt es bei den Negativerlebnissen Unterschiede zwischen Ost und West?

Auswärtsfahrt nach Cottbus, 15. April 2000. Foto: unbekannt, Sammlung TBAF

Ja schon, doch. Im Osten ist eine deutlich höhere Gewaltbereitschaft vorhanden, wobei das auch abgenommen hat. Das war früher schlimmer als es heute ist. Es ist aber noch nicht wirklich so, dass ich sage, es ist dasselbe nach Osnabrück oder nach Leipzig und Dresden zu fahren. So langsam gleicht es sich trotzdem etwas an. Leider auch von West-Seite, im Sinken des Niveaus. Es ist nicht mehr so krass wie in den wirklich üblen Regionalliga-Jahren.

Die waren wirklich schlimm?

Auswärtsfahrt nach Cottbus, 15. April 2000. Foto: unbekannt, Sammlung TBAF.

Ich habe nur die Heimspiele erlebt und mir die Auswärtsfahrten komplett geklemmt, weil das, was ich bei den Heimspielen erlebt habe, wirklich weit, weit ausgereicht hat. Das war wirklich schlimm. Damals gab es die Trennzäune im Mommsenstadion noch nicht, die konnten uns also jederzeit attackieren, wann sie wollten. Dazu kam es auch immer wieder. Bei einem Spiel gegen Sachsen Leipzig stand ich einmal in dem Casino, das damals noch kein VIP-Raum war, und durfte miterleben, wie die ganze Kneipe in Schutt und Asche gelegt wurde. Es waren seltsamerweise Dynamo-Leute da, die einfach nur zum Stunk machen gekommen waren, und die haben sich richtig üble Duelle mit den Leipzigern geliefert. Ich stand mitten drinnen und habe zugesehen, dass ich Land gewinne. Das war schon richtig heftig.

Hatten solche Vorfälle jemals Folgen für die Vereine, deren Fans derart aggressiv aufgetreten sind?

Auswärtsfahrt nach Cottbus, 15. April 2000. Foto: unbekannt, Sammlung TBAF

Nein, meines Wissens nicht. Ich weiß z. B. nicht, was nach der Sache war, als die Cottbus-Anhänger aus dem Block die Übungshandgranate geworfen haben. Die Granate detonierte direkt neben einem Ordner, der vor dem Block stand, und er musste ins Krankenhaus gebracht werden und war mehr oder weniger schwer verletzt. Sehr zu meinem Erstaunen wurde das Spiel fortgesetzt. Letztes Jahr hat Marco Tredup [ein ehemaliger TeBe-Spieler] in einem Interview, das ich mit ihm geführt habe, erzählt, dass er natürlich geschockt war, aber auch, dass Eduard Geyer, der ja heute noch Trainer da ist, mit einem breiten Grinsen in die Kabine gegangen ist. Da sei so ein Hass und so eine Wut in ihm aufgekommen, dass er sagt, er wird nie unter Ede Geyer spielen, so prägend war das.

Auswärtsfahrt nach Cottbus, 15. April 2000. Foto: unbekannt, Sammlung TBAF

Für TeBe-Fans ist der ja das andere große Feindbild. Gab es irgendwelche besonderen Erlebnisse?

Ja, es gibt ja immer wieder diese Gesänge, „Lila-Weiß ist schwul“, da fand bei uns keiner was Anrüchiges dran, da hat man sich einfach drüber totgelacht, wie blöd Menschen sein können, zu denken, das als Beleidigung einzusetzen. Irgendjemand brachte die Idee auf, eine Mottofahrt zu machen, bei der sich alle als Tunten verkleiden und dann richtig plakativ „Lila-Weiß ist schwul“-Transparente aufzuhängen. Die Idee fand sehr schnell Freunde, auch in sehr kurzer Zeit, und so fuhren wir dann alle mehr oder weniger tuntig gekleidet nach Cottbus. Die Gesichter von den Cottbussern werde ich mein Lebtag nicht mehr vergessen, sowas hatten die noch nicht gesehen, schon gar nicht so offensiv. Auch die Ordner hatten sichtlich Schwierigkeiten beim Abtasten, die haben sich nicht so richtig getraut. [lacht] Du hast gesehen, dass sie dich doch sehr vorsichtig abgetastet haben und eigentlich doch eher Angst hatten.

Direkt neben dem Auswärtsblock ist in Cottbus auch so ein Block, wo jede Menge üble Gestalten zwecks direkten Pöbelns stehen, und von denen kamen dann so Sprüche: .“Ihr seid doch alle schwul!“ Und wir: „Ja, komm doch rüber, Kleiner!“, die kamen damit überhaupt nicht klar, die haben das einfach nicht kapiert. Die knabbern da heute noch dran, glaube ich. Für mich persönlich war das dann der ausschlaggebende Punkt meines Coming Outs.

Auswärtsfahrt nach Cottbus, 15. April 2000. Foto: unbekannt, Sammlung TBAF

Du bist schwul?

Ich bin schwul, ja.

Das war der letzte springende Punkt in Cottbus, ich dachte mir, okay, dann muss es jetzt wohl mal sein. [lacht] Ja, das war auch durchaus lustig als nicht geouteter Schwuler unter lauter Heteros bei einer „Lila-weiß ist Schwul“-Motto-Auswärtsfahrt mitzufahren, das war gedanklich eine schwierige Kiste. Ich habe es aber auch genossen, das mal ausleben zu können. Das war der Punkt, wo ich mir gesagt habe, jetzt oder nie. Es ist nicht auf der Fahrt passiert, das hätte mir sowieso keiner geglaubt, weil das alles so albern war. [lacht] Wär ich da in den Bus nach vorne ans Mikro gegangen und hätte gesagt: „Ey, Jungs, ich wollt‘ euch was sagen: Ich bin schwul!“, dann hätten alle gesagt, „Jaaaaa, wir auch!“ [lacht] Die Fahrt hat mir aber auch gezeigt, dass ich definitiv richtig bin bei TeBe. Bei anderen Vereinen wäre ein Coming Out nie derart möglich gewesen.

Auswärtsfahrt nach Cottbus, 15. April 2000. Foto: unbekannt, Sammlung TBAF

Du bist damit in der Fanszene offensiv umgegangen?

Ja, ziemlich offensiv. Beim Quatschen im Internet habe ich es Mr. Bungle erzählt und gesagt: „Ich bin übrigens schwul“. Er wollte mir das bis zu einem gewissen Punkt überhaupt nicht glauben. Nach diesem Chat haben wir dann in der Mailingliste immer mit „Gruß, Denis, die TeBe-Schwuchtel“ unterschrieben. Er bezeichnete sich daraufhin als „Oberschwuchtel“, was mir irgendwann gereicht hat, weil er das immer noch als Spaß aufgefasst hat und schrieb, „Denis ist ja nur eine Modeschwuchtel, ich bin der einzige richtige Schwule bei TeBe“. [lacht] Das war immer noch eine Folge der Mottofahrt. Irgendwann habe ich eine richtig ernsthafte Mail in die Mailingliste gesetzt, weil es mir ein Bedürfnis war, das zu verkünden. Danach hat es mir endlich jeder geglaubt. Das war eine super positive Erfahrung.

Die Reaktionen waren in Ordnung für Dich?

Die waren eher überwältigend: Die meisten fanden das super genial und cool, dass es bei TeBe jetzt auch offen lebende Schwule gibt.

… das Sammeln von Minderheiten …

[lacht] … ja, ja, sowas ähnliches war das auch. Viele haben mich angesprochen, ob es denn stimmt? Das hat sich wie ein Lauffeuer ausgebreitet, die fanden das richtig geil. Wenn man in so einer Situation drinnen ist, dann weiß man vorher nicht, wie die Leute in letzter Konsequenz wirklich reagieren. Ob die Toleranz, die allgemein gepredigt wird, auch ausgelebt wird. Ich habe gemerkt, okay, die Toleranz existiert, es gibt sie wirklich. Und das war supergenial!

Meine letzte Frage wäre gewesen, was für Dich das herausragende Erlebnis mit TeBe-Fans war?

[gibt keine Antwort und lacht]