Wir zählen auf die Fans!

Mr. Bungle im Gespräch mit Sven Thoss

Mr.Bungle: Hi Sven, wie zufrieden bist du mit dem bisherigen Saisonverlauf eurer Truppe?

Sven Thoss: Wir liegen gut im Plan. Wenn Wattenscheid am Sonntag sein Nachholspiel gewinnt, wovon man ja ausgehen muss, liegen wir vier Punkte hinter Platz eins – das ist ungefähr die Konstellation, mit der die meisten Fachleute auch vor der Saison gerechnet haben. Natürlich ist es schade, dass wir gegen Herford verpasst haben, aus der Niederlage von Gütersloh Kapital zu schlagen. Wir werden ja immer zu den so genannten „großen Drei“ der Liga gezählt, aber man muss sicher neidlos anerkennen, dass uns Wattenscheid und Gütersloh, was die Rahmenbedingungen anbelangt, noch ein großes Stück voraus sind. Das Umfeld in Wattenscheid mit deren Anlage im Lohrheidestadion ist schon jetzt absolut erstligareif. Insofern war unser Umzug ins Mommsenstadion für uns ein ganz wichtiger und zukunftsweisender Schritt. Wir versuchen Stück für Stück, auch auf anderen Feldern – genannt sei hier zum Beispiel die hervorragende physiotherapeutische Betreuung durch Natalie Fehlow – aufzuholen und die Rahmenbedingungen sukzessive zu verbessern.

Insgesamt ist zu sagen, dass wir ein paar tolle Highlights in der Hinrunde hatten: Wir haben einen super Start mit dem 6-2-Sieg gegen Kiel gehabt, wo wir unseren Fans tollen Angriffsfußball geboten haben. Dann haben wir das Derby bei Turbine gewonnen, was auch ein kleiner Meilenstein war. Und natürlich der Heimsieg gegen Gütersloh, wo wir unsere kompakteste Saisonleistung geboten haben. Das Problem ist natürlich, dass von dem großen Kader, den wir zu Beginn der Saison hatten, momentan nicht mehr viel übrig ist. Wir haben Ausfälle zu verkraften gehabt, die für uns nicht kompensierbar waren – gerade deshalb muss man wirklich zufrieden mit der Hinrunde sein.

Nachdem das von dir schon angesprochene Spiel gegen Herford ja sehr enttäuschend verlief, scheint sich unter der Woche bis zum Leipzig-Spiel ja eine Menge getan zu haben, gemessen am Auftreten dort. Was hast du der Mannschaft denn nach der Heimpleite gesagt?

Wir haben im Grunde genommen die ganze nächste Woche über dieses Spiel gesprochen. Das Schöne am Fußball ist ja, dass man solche Negativerlebnisse sofort wieder korrigieren und auf die Erfolgsspur zurückkehren kann. Es war auch im Hinblick auf das Saarbrücken-Spiel extrem wichtig, dass wir nicht gleich nochmal Punkte lassen, sonst wäre es am nächsten Sonntag im Pokal vom Kopf her sehr schwer geworden. Natürlich macht sich bei der schwierigen personellen Situation für viele Spielerinnen irgendwann ein Energieverlust bemerkbar, wenn man seit dem Sommer neben der beruflichen bzw. schulischen Belastung ununterbrochen im Trainings- und Spielbetrieb steht.

Wobei ich immer noch überzeugt bin, dass das gegen Herford hauptsächlich eine Kopfgeschichte war. Unbewusst war man nach der Nachricht von Güterlohs Niederlage wohl schon etwas zu siegessicher und nicht konzentriert genug in dieses Spiel gegangen. Wir hatten schon im Pokal mächtig Glück gegen Herford, und diese Mannschaft darf man einfach nicht auf die leichte Schulter nehmen, sonst wird das knallhart bestraft. Und an diesem Tag hätte ich in der Halbzeit quasi nach dem Lotterieverfahren auswechseln können, da keine unserer Spielerinnen Normalform erreichte. Wir haben jedenfalls die richtige Reaktion gezeigt, die ganze Woche lang über das Spiel gesprochen und ich bin bei der Teambesprechung auch sehr deutlich geworden, weil das, was wir in diesem Spiel gezeigt haben, nicht unser Niveau sein darf.

Zum Angriff: Dort gab es zuletzt, hauptsächlich verletzungsbedingt, alle erdenklichen Varianten: Schilling und Straka, Schilling und Madarevic oder zuletzt Madarevic und Straka, dazu natürlich auch immer wieder Murkel Schulz. Wenn du die freie Wahl hättest, welche dieser Varianten wäre die von dir favorisierte?

Von außen wird häufig gedacht, ich mache das aus taktischen Gründen, aber in der Tat hat sich das zumeist von ganz alleine entschieden. Yvonne Schilling hatte einen super Saisonstart, kommt aber seit ihrer Verletzung in Neubrandenburg nicht mehr richtig in die Gänge, zumal bei ihr momentan noch private Probleme dazukommen. Was sehr schade ist, denn natürlich wollte ich die Konkurrenzsituation Straka-Madarevic-Schilling haben, von der ich mir einen Schub für alle drei Spielerinnen erhofft habe.

Gegen Herford dachte ich eigentlich, Madarevic und Schilling wären ein probates Mittel gegen deren großgewachsene Defensive, aber das hat sich ja als Reinfall auf ganzer Linie herausgestellt. Optimal wäre normalerweise, entweder Madarevic oder Schilling gemeinsam mit Straka auflaufen zu lassen. Wobei auch eine Kerstin Straka noch nicht ihr Leistungslevel erreicht hat. Sie hat beruflich eine neue Stelle und ist derzeit sehr eingespannt, so dass sie nur eingeschränkt trainieren kann. Aber ihre Effektivität ist eben sehr davon abhängig, wie sie sich in der Mitte bewegt. Und sie muss sich eben auch mal die Bälle holen. Denn wir sind einfach nicht so überragend besetzt, dass wir permanent hohe Flanken von der Grundlinie hereinbringen. Gegen Saarbrücken wäre Schilling mit ihren Qualitäten als Konterstürmerin natürlich eine gute Option, aber momentan ist es sehr fraglich, ob sie im Kader stehen wird.

Im Mittelfeld habt ihr, trotz der langersehnten Rückkehr von Jessica Brückner, ebenfalls zahlreiche Engpässe.

Ja, leider wird auch Jana Theodoridis mit ihrer Meniskusverletzung ausfallen, bei Aylin Yaren muss man sehen, ob sie bis Sonntag wieder fitt ist. Und das sind ja nicht die einzigen Ausfälle, schließlich fehlen uns auch noch Franziska Kelm, Susanne Böhnisch, Elisa Nietschke oder Tamara Manthey – da bleiben nicht mehr allzu viele Möglichkeiten.

Was ist mit Madleen Wilder, die für die Defensive ja extrem wichtig ist?

Madleen hat sich in Leipzig eine Rippenprellung zugezogen, was bekanntlich ziemlich unangenehm ist(!! d.V.), aber wie ich Madleen kenne, ist das so eine Beißerin, dass sie sich dieses Spiel nicht nehmen lassen wird – die haut sich fünf Schmerztabletten rein, und dann geht´s los…

Ansonsten werden wir natürlich wieder auf die bewährten Kräfte zurückgreifen müssen, die zuletzt schon ausgeholfen haben. Wie z.B. Murkel Schulz, vor der man einfach den Hut ziehen muss, so wie sie mit 35 immer noch alles für die Mannschaft gibt. Das ist eine Spielerin, durch deren Adern nun wirklich lila Blut fließt, und ich hoffe, dass ich sie überreden kann, uns auch in der Rückrunde noch zur Verfügung zu stehen, denn sie ist einfach extrem wichtig für uns.

Noch mal zu den Personalnöten im Angriff: Kürzlich kursierten Gerüchte, dass Nationalspielerin Britta Carlsson in der Winterpause von Potsdam in den Eichkamp wechseln könnte. Ist das noch aktuell?

Es gab lose Kontakte zu ihr, da sie sich verändern will, aber das Thema hat sich leider zerschlagen. Eine Spielerin, die sich für die WM 2007 anbieten will, muss einfach erste Liga spielen. Besser sieht es da in Hinblick auf Inken Becher aus, die als langjährige Borussin absolut nicht abgeneigt wäre, wieder an ihre alte Wirkungsstätte zurückzukehren. Was für uns natürlich eine Riesensache wäre. Ihr Vertrag bei Turbine endet im Juni, und wir wollen sie gerne für die kommende Saison gewinnen, damit wir dann noch besser gerüstet sind. Denn wie gesagt: Vermutlich wird es schwer, schon in dieser Spielzeit an Gütersloh und Wattenscheid vorbeizukommen. Sollten wir uns in den Duellen gegen diese beiden Teams gleich nach der Winterpause gut behaupten und ein Wörtchen um den Aufstieg mitreden können: Umso besser, dann nehmen wir das natürlich sehr gerne mit.

Nachdem ihr gegen Ende der letzten Saison von Dreier- auf Viererkette umgestellt habt, hat in Leipzig die umgekehrte Maßnahme zum Erfolg geführt. Eine Option auch für die kommenden Spiele, um das zuletzt etwas löchrige Mittelfeld kompakter zu machen?

Grundsätzlich werden wir sicher bei der Viererkette bleiben, die sich ja sehr gut bewährt hat, wobei es unser Ziel ist, auf veränderte Spielsituationen zunehmend taktisch flexibel reagieren zu können. Was für unsere jungen Spielerinnen einen enormen Lernprozess bedeutet, der nicht von heute auf morgen zu bewerkstelligen ist. Die Umstellung in Leipzig war natürlich auch eine Reaktion auf die gelb-rote Karte für die Gastgeber, wo wir beim Stand von 1-1 den Druck erhöhen konnten. Ganz zum Ende hin, als es noch mal etwas wacklig wurde, habe ich Madleen Wilder wieder nach hinten beordert.

Kommen wir zu euerm mit Spannung erwarteten Pokal-Auftritt am Sonntag: Wie schätzt du die Chance auf ein Weiterkommen ein?

Individuell und auch in der Breite ist Saarbrücken zweifelsfrei besser besetzt als wir, mit seinen zahlreichen Auswahlspielerinnen im Kader. Aber da es ein Heimspiel ist, würde ich von einer Fifty-Fifty-Chance sprechen – solange wir nicht einen solchen Tag wie gegen Herford erwischen. Wir haben uns natürlich umfassend über die Stärken von Saarbrücken informiert und glauben, gut gewappnet zu sein. Für viele unserer Mädels bedeutet es das absolute Highlight ihrer Karriere, in diesem Viertelfinale zu stehen, dementprechend fiebern wir dem Spiel sehr entgegen, und auch für mich als Trainer ist das etwas ganz Besonderes.

Aufgrund der zahlreichen Blessuren gab es nach Leipzig erstmal zwei Tage trainingsfrei zur allgemeinen Regeneration. Ab Mittwoch werden wir uns dann drei Tage lang voll auf diesen für uns großen Tag konzentrieren. Wichtig ist, dass wir den schnellen, dribbelstarken Spitzen, die in der Lage sind, in wenigen Spielzügen brandgefährlich vor dem gegnerischen Tor aufzutauchen, keine Räume geben. Wir müssen nicht nur physisch, sondern auch gedanklich schnell reagieren und zusehen, dass wir immer hinter dem Ball sind.

Da von einem Sieg Frankfurts gegen Sand auszugehen ist, wird der Sieger der Partie im Mommsenstadion wohl der letzte Zweitligist im Halbfinale sein. Wird derjenige eine Chance haben, eventuell sogar den Sprung zum Finale ins Olympiastadion zu schaffen?

Egal, wer von beiden sich am Sonntag durchsetzt: Das wird ganz, ganz schwer, sich im Halbfinale gegen Teams wie Schönebeck, Duisburg oder natürlich Frankfurt zu behaupten. Aber alleine dorthin zu kommen und es zumindest zu versuchen, wäre einfach großartig. Und dann können wir ja immer noch sehen, was möglich ist…

Wie wichtig für die Mannschaft werden die Anhänger am Sonntag sein?

Enorm wichtig. Insofern möchte noch mal einen kleinen Aufruf starten, dass auch diejenigen unter den TeBe-Fans, die sonst mit Frauenfußball wenig am Hut haben, ihre Vorbehalte mal für einen Nachmittag übern Haufen werfen und der Mannschaft die größtmögliche Rückendeckung geben, denn das kann in einem solchen Spiel die entscheidenden paar Prozente ausmachen! Ich hab das ja im Mommse schon erlebt – selbst wenn dort oben auf der Tribüne nur eine handvoll Leute von euch Radau macht, hört sich das manchmal an, als stünden dort hunderte. TeBe hat die phantastische Chance, unter die letzten vier Mannschaften des Landes zu kommen, und ich hoffe einfach, dass Mannschaft und Fans gemeinsam dazu beitragen, dieses Ziel zu erreichen, und mit etwas Losglück – sprich Heimspiel – können wir dann im Frühjahr gleich das nächste große Fest feiern!

Schon klar, die Uhrzeit ist für Nachtmenschen und Partygänger absolut nicht optimal. 14 Uhr wäre uns natürlich auch lieber gewesen, aber bei dem weiten Rückweg für Saarbrücken ist das leider nicht möglich. Ich hoffe jedenfalls, dass sich trotzdem viele aufraffen, und wenn das Wetter so wie angekündigt mitspielt, lockt das vielleicht noch einige Kurzentschlossene zusätzlich an. Wobei ich nicht verhehle, dass ein nasser, morastiger Boden uns sogar entgegenkommen könnte, denn ich denke, dass wir im konditionellen Bereich genug Basis besitzen, um solch ein Spiel über den Kampf für uns zu entscheiden.

Also seid ihr gegebenenfalls auch für eine Verlängerung gut gerüstet?

Na klar, auch dort haben wir unsere Chance. Wie gesagt, von den Einzelspielerinnen können wir Saarbrücken nicht das Wasser reichen, aber diese Dinge kann man ausgleichen, der Pokal kennt Beispiele genug. Wir wollen mit knackigem Zweikampfverhalten, mit Robustheit und gutem Teamwork in diese Partie gehen. Wenn wir das hinkriegen, dann ist alles möglich!

Wir drücken jedenfalls feste die Daumen, dass es klappt, zumal Pokalwettbewerbe in den letzten Jahren ja sowas wie das Spezialgebiet von TeBe-Teams waren. Alles Gute für Sonntag und danke für das Gespräch!

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