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tebe.de im Gespräch mit Christian Schwarzkopf
Unser Verein, Tennis Borussia Berlin, steht vor einem Neubeginn. Nach dem unlängst gestellten Insolvenzantrag wurde auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung am Donnerstag ein neuer Aufsichtsrat gewählt, der nun die Geschicke des Klubs lenken muss. Wir haben mit dem neuen Aufsichtsratsmitglied Christian Schwarzkopf gesprochen, der, wie alle Gewählten, für einen Kurswechsel mit dem Ziel langfristiger Stabilität bei Tennis Borussia steht.
Hallo Christian, bitte stell dich doch zunächst noch einmal für diejenigen, die nicht auf der Mitgliederversammlung waren, vor.
Ich heiße Christian Schwarzkopf, bin 42 Jahre alt und von Beruf Bankangestellter. Mit sechs Jahren hat mich mein Vater das erste Mal zu TeBe mitgenommen und seitdem bin ich TeBe-Fan. Ich habe damals mein Herz an TeBe verloren und werde es wohl nie zurückbekommen … (schmunzelt)
Wie geht es dir nach der Wahl, wie hast du die Mitgliederversammlung erlebt und wie war die Stimmung davor?
Ich bin ehrlich gesagt froh, dass es vorbei ist. Ich wusste vorher, dass es keine besonders schöne Veranstaltung wird und als harmoniebedürftiger Mensch hätte ich mir gewünscht, dass wir in der Mitgliederversammlung der Konfrontation mit den Verantwortlichen aus dem Weg hätten gehen können. Aber eine Einigung davor ist nicht zustande gekommen und teilweise fehlte leider auch die Einsicht und es wurde versucht, die Verantwortung auf andere abzuwälzen.
Was hat dich am Donnerstag oder in der Zeit vor der Mitgliederversammlung am meisten überrascht?
Mich hat besonders angenehm überrascht, dass ich in vielen Gesprächen vor der Versammlung auf eine so große Zustimmung für einen Wechsel gestoßen bin und das nicht nur von Seiten der aktiven Fans sondern auch von vielen Altborussen, die sicher eher auf der Tribüne heimisch fühlen als im Block E.
Was hat dich bewegt, für den Aufsichtsrat zu Kandidieren?
Ich habe einen radikalen Neuanfang gefordert und Kompromisse mit den bisher Verantwortlichen abgelehnt. Daher fühle ich mich auch ein Stück weit in der Verantwortung, diese auch zu übernehmen. Kritik zu üben ist immer einfach. Irgendwann muss man dann auch zeigen, dass man es wirklich besser kann. Hoffentlich gelingt uns das.
Du warst letzte Saison auch im Vorstand tätig, wie hast du die letzte Saison erlebt?
Nachdem ich Mitte der Hinrunde dazugestoßen bin, war ich schon ein bisschen geschockt, als ich mir einen Überblick verschafft hatte. Die Ernüchterung war enorm. Wir waren eigentlich schon im November klinisch tot. Dass wir am Ende die Saison doch noch irgendwie über die Runden gebracht haben, hätte ich zum Jahreswechsel nicht erwartet. Zwischenzeitlich gab es immer wieder ein bisschen Hoffnung, dass der Super-GAU doch noch vermieden werden kann. Spätestens bei der legendären Pressekonferenz, auf der Werner Lorant präsentiert wurde, war mir klar: Das war’s. Man muss sich das mal vorstellen, da wird eine Pressekonferenz einberufen und der Vorstandsvorsitzende weiß am Abend zuvor nicht mal, was dort verkündet werden soll. Das ist Hilflosigkeit pur.
Wie ernst steht es um Tennis Borussia?
Äußerst ernst. Ich habe keine Vergleiche zu früheren Zeiten, wo Tennis Borussia schon oft am Abgrund stand, weil ich da noch nicht in verantwortlicher Position dabei war. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns auf absehbare Zeit vom semiprofessionellen Fußballsport verabschieden müssen, ist sehr hoch.
Du wurdest jetzt zusammen mit Bernd Sievers, Thorsten Eckert, Sebastian Thiel und Axel Lange mit deutlicher Mehrheit in den Aufsichtsrat gewählt. Was werden eure ersten Schritte sein und warum steht ihr für einen Neuanfang?
Wir kommen an diesem Wochenende zusammen, um einen Fahrplan festzulegen. Eigentlich gibt es gar keine ersten Schritte, weil so viele Schritte auf einmal gemacht werden müssen. Die Zeit drängt so enorm, dass auf uns in den nächsten Tagen auch viele Aufgaben zukommen, die eigentlich vom Vorstand erledigt werden müssten, aber da wir derzeit keinen Vorstand haben, werden wir diese zunächst auch mit erledigen. Was wir deshalb auch mit Nachdruck angehen werden, ist, möglichst schnell einen Vorstandsvorsitzenden zu benennen und einen handlungsfähigen Vorstand einzusetzen. Erste Gespräche werden bereits dieses Wochenende geführt. Wir müssen dann umgehend mit Sponsoren, Trainer, Spielern, Gläubigern und Behörden sprechen, um auszuloten, wie viel Bewegungsfreiheit wir haben und was konkret möglich ist.
Kannst du uns kurz deine Kollegen aus dem Aufsichtsrat vorstellen?
Ja, gerne. Bernd Sievers hat nicht von ungefähr die meisten Stimmen bei der Mitgliederversammlung bekommen. Obwohl er sich aus Altersgründen schon längst aus der operativen Arbeit zurückziehen wollte, hat er durch seinen selbstlosen Einsatz in der letzten Saison einen völligen Zusammenbruch des Vereins vermieden. Er verfügt wie kein Zweiter aus unserem Kreis über einen ungeheuren Erfahrungsschatz und ich bin sehr froh, dass er uns in dieser sehr schwierigen Zeit zur Seite steht. Thorsten Eckert ist ein Jahr älter als ich und von Beruf Jurist. Wir kennen uns schon sehr lange, schon seit Schulzeiten – Thorsten war eine Klasse über mir – wo man als TeBe-Fan immer zusammenhalten musste. Er ist wie ich im Herbst letzten Jahres dazugekommen. Sebastian Thiel ist der jüngste in dem gestern gewählten Aufsichtsrat und von Beruf Rechtsanwalt. Aber viel wichtiger als der berufliche Hintergrund sind gesunder Menschenverstand und die Liebe zu TeBe – und das eint uns alle vier. Wir würden uns sehr freuen, wenn auch der gestern in Abwesenheit gewählte Axel Lange dazustoßen würde, weil auch er über gesunden Menschenverstand und ein lila-weißes Herz verfügt.
Gibt es denn schon Kandidaten für den Vorstand und wie soll dieser zusammengesetzt werden.
Ja, gibt es. Aber ich möchte keine Namen nennen, ehe wir die Gespräche geführt haben.
Dass Gabi Wahnschaffe sich bereit erklärt hat, im Vorstand mitzuarbeiten, ist natürlich eine schöne Nachricht. Wie stehst du zu der Frauenabteilung, wie geht es jetzt mit der zweiten Männermannschaft und mit der Jugend weiter?
Man darf in der schwierigen Lage des Vereins keinesfalls den Fehler machen, sich nur auf die erste Männermannschaft zu fokussieren. Vieles in unserem Verein ist auch so im Argen, weil wir die Seele – also das, was einen Verein ausmacht – verloren haben. Wir bestehen eben nicht nur aus der 1. Herren, sondern größtenteils aus vielen Fußballmannschaften aller Altersklassen und beiderlei Geschlechts und auch den anderen Sportabteilungen, zurzeit leider nur noch Tischtennis und Boxen. Eine Aufgabe wird sein, zu versuchen, diese verschiedenen Teile des Vereins wieder näher aneinander heran zu führen. Die hervorragende Arbeit, die in den letzten Jahren im Jugendbereich gemacht worden ist, würden wir gerne fortsetzen. Wie es mit der Frauenabteilung weitergeht, wird sich zeigen. Es ist mir jedoch ein großes Bedürfnis, dass wir den Fortbestand dieser Abteilung im Verein Tennis Borussia sichern und eine Abspaltung vermieden wird. Bezüglich der 2. Herrenmannschaft prüfen wir derzeit, ob es noch eine Chance gibt, die Rückstufung in die C-Klasse zu vermeiden. Das wäre eine ganz wichtige Sache.
Du bist ja auch von Anfang an sehr engagiert bei der Faninitiative „We save TeBe“ dabei. Wo siehst du die Stärken von „We save TeBe“ und inwiefern wird euch die Faninitiative unterstützen?
Die viele Arbeit, die jetzt auf uns zukommt, werden wir gar nicht alleine leisten können. Ohne die Unterstützung aller Borussen werden wir unsere Ziele nicht erreichen können. WeST hat bereits tolle Vorarbeit geleistet und wir werden in enger Zusammenarbeit jetzt in konkrete Gespräche mit möglichen Sponsoren gehen. Die Betreuung der Wirtschaftsclubmitglieder lag bereits letzte Saison komplett in der Hand der Initiative. Wir brauchen unbedingt die weitere Unterstützung von WeST und werden im Gegensatz zu den früher Verantwortlichen den ständigen Kontakt suchen.
Zum Schluss, was ist dein Wunsch für die Zukunft und dein Appell an alle Borussen und Borussinnen?
Mein Wunsch ist es erstmal, die Erwartungen, die verständlicherweise dem neuen Aufsichtsrat entgegengebracht werden, etwas zu bremsen. Wir sind jetzt alle in einer euphorischen Aufbruchsstimmung, aber die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass man um jeden Cent Sponsorengeld kämpfen muss. Ein Etat im niedrigen sechsstelligen Bereich hört sich erstmal nicht so hoch an, aber auch das hinzukriegen, ist eine echte Herausforderung. Deshalb ist mein dringender Appell an alle Borussen: Helft uns! Macht in eurem Freundes- und Kollegenkreis Werbung für den Wirtschaftsclub, kauft Dauerkarten, unterstützt We Save TeBe mit Spenden (Christian Rudolph arbeitet dort ehrenamtlich, wird sich das finanziell aber nicht mehr lange leisten können). Nicht nur finanzielle Hilfe ist gefragt, sondern auch Rat und Tat. Auch wer uns Dienst- und Sachleistungen preisreduziert oder kostenlos anbieten kann, für die wir sonst zahlen müssten, hilft uns enorm. Das kann alles sein, angefangen vom Kaffee für die Geschäftsstelle bis zum Transport zu Auswärtsspielen. Vielleicht kann auch der eine oder andere zweckgebunden Patenschaften übernehmen, z.B. für Gehälter von Spielern oder Angestellten.
Vielen Dank für das Gespräch, Christian.






