Champions ohne Grenzen
„Fußball ist ein wunderbares Mittel, um mit Menschen jeglicher Herkunft in intensiven Kontakt zu treten“
Seit der letzten Saison gibt es im Stadionheft „TeBelive!“ regelmäßig eine Soli-Anzeige, die verschiedenen Vereinen und Initiativen von der Abteilung Aktive Fans kostenfrei zur Verfügung gestellt wird. So wurden Initiativen wie „Boats4People“, „Pfand gehört daneben“, das MediBüro Berlin und viele weitere soziale Projekte vorgestellt.
In der letzten Ausgabe TeBelive! wurden die „Champions ohne Grenzen“ präsentiert, ein Fußballprojekt für Flüchtlinge. Gegründet wurde es 2012 vom Verein „… weil Fußball verbindet! e.V.“. Im Sommer hatte das Team beim TeBe-Fanturnier teilgenommen und den dritten Platz geholt. Warum solch ein Projekt notwendig ist und was der Fußball den Flüchtlingen bedeutet, darüber haben wir mit den TrainerInnen Arne und Caro gesprochen.
Wer sind die „Champions ohne Grenzen“?
Wir sind ein offenes Fußballprojekt und bieten ein regelmäßiges und kostenloses Fußballtraining an, gemeinsam mit dem FSV Hansa 07 in Kreuzberg für die Erwachsenen, und beim FC Internationale für die Kids. Wir nehmen an Turnieren teil, bestreiten Freundschaftsspiele, aber machen auch viele andere Aktionen zusammen.
Aber bei den Champions ohne Grenzen ging es von Anfang an nicht nur um Fußball. Wir wollen einen Raum der Begegnung schaffen, auf und neben dem Platz, der möglichst vielen Menschen offen stehen soll, um eigene Ideen zu entwickeln, sich anzufreunden, sich zu solidarisieren und zu organisieren. Daraus sind schon eine Reihe anderer Projekte entstanden, wie ein Kochprojekt, Soli-Partys für Anwaltskosten, gemeinsame Ausflüge oder Begleitungen zu Beratungsstellen, Deutschkursen oder Asylgerichtsverfahren.
Warum wurden die „Champions ohne Grenzen“ gegründet?
Das Projekt wurde aus Freude am gemeinsamen Fußballspielen gegründet und als Reaktion auf die soziale Ausgrenzung von Menschen durch Menschen, die die Flüchtlinge oft in dreifacher Weise erleben: Einerseits durch die existenzielle Bedrohungssituationen in den Herkunftsländern, durch die (teilweise Jahre andauernde) Fluchtgeschichte und die Suche nach einem sicheren Ort zum Leben und dann die Erfahrungen der systematischen Missachtung grundlegender Bedürfnisse durch das äußerst repressive Asylverfahren und die staatlich organisierte Ausgrenzungspolitik in der EU – für die der deutsche Staat maßgeblich verantwortlich ist.
An wen richtet sich das Projekt?
Zurzeit sind wir ca. 20-30 Menschen jede Woche, die Meisten sind junge Erwachsene, die Kids haben ein separates Training. Unser Training war von Anfang an sehr gut besucht – und das, obwohl wir zu Beginn praktisch ohne eigene (oder fremde) Mittel gestartet sind. Teilweise kommen die Menschen extra aus Brandenburg, um bei uns zu spielen. Neben den beiden Trainer_innen hat sich auch ein Kreis von Unterstützer_innen gebildet, die genauso mit trainieren und spielen.
Viele Flüchtlinge haben Schwierigkeiten, in „regulären“ Vereinen zu spielen. Das hat mehrere Gründe: teilweise wissen sie nicht, wohin man gehen muss und wen man ansprechen muss – teilweise werden sie in vielen Vereinen ausgegrenzt (aus rassistischen Motiven, weil sie die Sprache nicht so gut sprechen etc.). Nicht zuletzt scheitern die Bemühungen auch an den bürokratischen Hürden der Verbände, die z.B. für die Ausstellung von Spielerlizenzen auf Personaldokumenten beharren, die viele nicht vorweisen können.
Die meisten Refugees wohnen in Wohnheimen, manche sind schon jahrelang hier – manche sind ganz neu in Berlin. Wir hätten gerne noch mehr Frauen angesprochen und wollen dazu eine weitere Trainingszeit anbieten. Allerdings ist das im Moment sehr schwer zu realisieren.
Welche Bedeutung hat der Fußball für die Flüchtlinge?
Flüchtlinge, die zu uns kommen, haben meistens bereits Spielerfahrung im Herkunftsland oder während ihrer Flucht gesammelt. Fußball ist aufgrund seiner weltweiten Beliebtheit und einfachen Zugänglichkeit ein wunderbares Mittel, um mit Menschen jeglicher Herkunft in intensiven Kontakt zu treten. Sicher, es gibt in einer multikulturellen Mannschaft auch verschiedene Spielkulturen, die aufeinander treffen, was des Öfteren unter den Spieler_innen zu Reibungen führt, die wir dann aber produktiv angehen. Die gemeinsame Sprache auf dem Feld ist Deutsch. Das hilft den Flüchtlingen ihre Sprachkenntnisse zu verbessern und verhindert Fraktionen auf Basis der geografischen Herkunft. Probleme mit dem gesellschaftlichen Umfeld können wir bisher glücklicherweise nicht benennen. Wo wir auch hinkommen, es hagelt Zustimmung und Unterstützung!
Wie wichtig sind Auftritte in der Öffentlichkeit wie z.B. die Teilnahme an Fanturnieren?
Fanturniere oder Freundschaftsspiele sind für uns die einzige Möglichkeit zu Spielen zu kommen. In anderthalb Jahren haben erst ungefähr 5 Menschen bei uns die Bedingungen erfüllt, um eine Spielerlizenz bei einem regulärem Team zu erhalten und das, obwohl wir teilweise sehr gute Spieler_innen haben. Zwar sind wir im Training genug Menschen, um auch auf Großfeld zu Spielen, aber auf Dauer wollen die Leute natürlich nicht in dieser „Ghetto“- Struktur verhaftet bleiben, sondern ganz normal Fußball spielen, so wie andere Menschen auch. Sie wollen in Kontakt mit neuen Leuten kommen, neue Orten kennenlernen, etwas erleben. Daneben haben alle Teilnehmer_innen eine ganz persönliche Lebensgeschichte. Viele wollen ihre Erlebnisse und Erfahrungen mit anderen teilen, sich austauschen, Ungerechtigkeiten benennen. Oft geht das im Wohnheim nicht, wo die Flüchtlinge unter sich sind, wo Alle traumatisches erlebt haben, wo der Ausnahmezustand Alltag ist…
Ihr wart beim diesjährigen TeBe-Fanturnier dabei. Wie hat es euch gefallen und wie kam es zu der etwas missverständlichen Meldung beim Tagesspiegel?
Es hat uns sehr gut gefallen! Wir denken, dass wir gut gespielt haben, zudem war das Wetter ausgezeichnet und wir sind sehr freundlich und solidarisch aufgenommen worden. Zeitgleich haben die Nazis in Berlin vor einigen Wohnheimen Stress gemacht und versucht zu provozieren. Darum hatten wohl alle Teams ein komisches Gefühl bei diesem Gedanken „unbeschwert“ Fußball zu spielen. Ironischerweise kam es dann zu dem Missverständnis, dass auch im Tagesspiegel falsch wiedergegeben wurde. Auf dem Turnier wurde eine Durchsage gemacht, die sich explizit gegen Rassismus und Nazis wendete. Unter anderem wurde in etwa gesagt, dass Nazis bei TeBe nicht geduldet werden und sich verpissen sollen. Bei dem Interview im Tagesspiegel hat ein Teilnehmer dies wiederholt, er war sich aber nicht sicher, in welchem Kontext dies gesagt wurde. Er hatte verstanden, dass Nazis beim TeBe-Fanturnier aufgetaucht seien (was nicht der Fall war). Die Reporterin wollte später noch einmal nachfragen und hatte den Artikel wohl später auch überarbeitet, wobei dann aber die falsche Version in der Zeitung veröffentlicht wurde. Zum Glück konnte dies schnell geklärt werden – eine blöde Geschichte war es natürlich trotzdem und wir entschuldigen uns hiermit nochmal ausdrücklich bei TeBe und allen Fans vom Fanturnier!
Gibt es noch andere Vereine neben Hansa 07, FC Internationale und TeBe, die euch unterstützen und was wünscht ihr euch für das Projekt und die Menschen?
Wir haben einige Verein und Einzelpersonen, mit denen wir gerne was zusammen machen und die unser Projekt auch mögen. Da ist z.B. der SV Babelsberg 03, der ein tolles Antirassistisches Projekt mit Asylbewerbern und Fans hat. Unsere „Nachbarn“ in Kreuzberg von Türkiyemspor. Wir haben Kontakt zum THC Franziskaner und zu Flüchtlingsteams aus Hennigsdorf und Teltow und wir haben schon manches mit der Refugee-Protest-Bewegung vom Oranienplatz gemacht. Auch die Integrationsbeauftragte vom BFV, Frau Ferhad, ist uns immer eine große Hilfe.
Für uns als Team läuft es ganz gut. Die einzelnen Flüchtlinge haben aber teilweise sehr existenzielle Sorgen außerhalb des Fußballplatzes. Hier können wir immer noch dringend Support gebrauchen. Insgesamt rufen wir dazu auf, die Refugee-Protest-Bewegung und ihre Ziele zu unterstützen. Wir haben selbst auch politische Forderungen. Sie lauten: Bleiberecht, Wohnungen und Arbeitserlaubnis für alle Refugees!
Weitere Informationen:
https://de-de.facebook.com/championsohnegrenzen






