Im Westen auf ein Neues!
Berlin hat nicht die eine Geschichte, sondern viele Geschichten! Preußischer Pomp, realsozialistischer Einheitslook, Schaufenster des Westens, Magnet für Migranten, Biotop für Individualisten, all das war und ist Berlin. Oder besser: All das waren und sind die verschiedenen Berlins.
Zu den drei zuletzt genannten Geschichten gehört TeBe untrennbar. 1945 zunächst als SG Charlottenburg unter Mitwirkung des Shoa-Überlebenden Konny Friedländer neu gegründet, aber im Sprachgebrauch der Fußballfans auch während dieser Phase als ″TeBe” bezeichnet, fand man mit dem Mommsenstadion tief im Westen der Stadt seine neue Heimstätte. Dabei ging es um mehr als die bloße Himmelsrichtung – es war auch eine Entscheidung für den britischen Sektor. Ein Standort, die die Basis schaffte für die Erfolge der goldenen 1950er und unseren Verein in den vergangenen acht Jahrzehnten seines bald 125-jährigen Bestehens geprägt hat.
In diesem tiefen Westen konnte das jüdische Gemeindewesen zart wieder aufleben, das zu TeBe gehört wie das lila Trikot. In diesem tiefen Westen war man mit den Demokratien des Westens politisch verbunden, etwas, das TeBe schon vor 1933 angestrebt hatte. In diesem tiefen Westen konnten Künstler und Nonkonformisten aller Art, wie etwa Wolfgang Neuss, zumindest versuchen, an das Berliner Leben der zwanziger Jahre anzuknüpfen ‒ ihr Lieblingsverein war TeBe. Im tiefen Westen entstanden emanzipatorische Institutionen wie mit dem „Prinz Eisenherz“ beispielsweise die bundesweit erste schwule Buchhandlung.
Als Mauerstadt mit politischem Sonderstatus bildete sich in Westberlin, wie ein konservatives Blatt sich einmal mokierte, somit „ein schräger Mix“, der „Schwule, Lesben, Migranten und Studenten“ anzog – aus aller Herrern Länder. Wenn diese sich für Fußball interessierten, gingen sie am ehesten zu: TeBe. Wie übrigens auch weibliche Fußballfans. Westberlin war eine Hochburg der Frauenbewegung, und Tennis Borussia 1970 einer der ersten Klubs der Bundesrepublik mit einem Frauenteam.
Besagter Mix findet sich im Mommsenstadion bis heute: Ku’damm-Schnösel, Punks und Hippies aller Alterskohorten (viele sind beides zugleich), Queers ebenfalls aller Alterskohorten, Leute, die am liebsten wieder Kutte tragen würden, Antifas im passenden Dresscode. So bunt das Sprachengewirr ist (Expat English is strictly recommended), so unverwechselbar das, was aus den Lautsprechern kommt, mit zahlreichen Reminiszenzen an den wilden Sound der Mauerstadt, der durch Acts wie die Scherben, Malaria!, Die tödliche Doris, Betoncombo oder Ideal geprägt wurde. Eine Stadt, in der sich unter anderem Größen wie David Bowie, Iggy Pop, Nick Cave, Martin Gore, Kid Congo Powers nieder- und durch deren Lebensgefühl inspirieren ließen. Und in deren legendären Hansa-Studios sie zeitlose Alben einspielten.
TeBe im tiefen Westen der Stadt heißt: Come as you are seit über 80 Jahren. Denn es geht uns, wenn wir fürs anstehende Jubiläumsjahr all das feiern werden, um mehr als nur schöne Erinnerungen. Es geht darum, das, was in diesen Traditionen steckt und was zutiefst mit Westberlin verbunden bleibt, weiterhin zu leben ‒ gerade in Zeiten, in denen reaktionäre Vorstellungen von Nation und Geschlecht wieder beunruhigend salonfähig werden. In diesem Sinne wünschen wir uns möglichst viel „Westberlin“ in der ganzen Stadt und ihrer Umgebung ‒ von Falkensee bis hinter Hellersdorf!
Wir werden unsere Berliner Geschichten in der Jubiläumssaison präsentieren. Lasst Euch überraschen …





