TeBe vs Rapid Wien

Sehr wild halblinks

, und TeBe

Wenn die Wiener Schule zum Stelldichein bittet, freuen sich die Gegner auf ein munteres Tänzchen. Doch die führende Wiener Elf machte an diesem Freitag, den 11. April 1952, einmal mehr klar, dass sie die typische Wiener Schule durch einen klugen und gekonnten Zweckmäßigkeitsfußball ersetzt. Bevor aber am Nachmittag vor 40.000 Zuschauern im Poststadion zum Tanz gegen den 17fachen österreichischen Fußballmeister angepfiffen wird, feiern die Veilchen vormittags im Schiller-Theater ihr 50jähriges Bestehen. Der CDU-Abgeordnete und spätere Minister für gesamtdeutsche Fragen, Ernst Lemmer, hält eine bedeutende Rede, wie der Reporter vom notiert. Seine Rede ist in der Ausgabe Nr. 5 von 1952 der Club-Nachrichten vom Berliner Tennis-Club „Borussia“ 1902 dokumentiert. In unseren Reihen hat es zu keinem Zeitpunkt – und es hat erregende Perioden in der letzten Vergangenheit gegeben – hat es niemals politischen Fanatismus und niemals irgendeinen Klassen- und Rassenhass gegeben. In der Geschichte von Tennis-Borussia stehen jüdische Kameraden – wie Alfred Lesser und andere –, die wir aus Dankbarkeit niemals vergessen werden! Mit Blick auf die Sportpolitik der DDR warnt Lemmer vor der Instrumentalisierung des Sports durch die Staatsmacht – wir sind ja nicht von gestern, nach den Erfahrungen, die hinter uns liegen:

Und wir, meine Freunde, möchten, dass in der Sportorganisation niemals das Prinzip der Freiwilligkeit verloren gehen möge, und ebenso wenig das System der Selbstverwaltung. Wir Deutschen lieben zu sehr, alles bis zum Letzten zu organisieren. Organisieren wir im Sport nicht zu viel, so berechtigt es ist, Methoden und Systeme zu haben, organisieren wir also nicht zu viel, damit die Selbstverantwortlichkeit des einzelnen Sportlers und seines Clubs gegenüber zentralistischen Sportbehörden erhalten bleiben kann.

Weder die Politik und die Parteien noch der Staat dürfen den Versuch machen, den reinen Sportgedanken durch Missbrauch zu verfälschen. Wir haben es in zwölf Jahren gesehen, was aus totaltärem Sport geworden ist. Mit der reinen sportlichen Idee, an die wir wieder Anschluss gefunden haben, hat ein vom Staat gemanagter Sportbetrieb nichts zu tun.

Tatsächlich war die Frage, wie der Sportbetrieb zu organisieren sei, in der DDR lange mit durchaus offenem Ausgang diskutiert worden. Es handelt sich um eine Entscheidung darüber, ob, wie bisher von uns beabsichtigt, eine Volkssportbewegung entwickelt oder die Erfassung der Sportler dem und FDJ [sic!] übertragen werden soll, heißt es in einer -Vorlage vom März 1948.  SED-Vorstand und Generalsekretär des ZKs Wilhelm Pieck markierte mit dickem Strich diese Passage und notierte, Sportler gegen uns! Damit war die Entscheidung letztlich vorgegeben. Am 1. Juni 1948 erging ein Beschluss der Zentralsekretariats, der den Sport der FDJ und dem FDGB unterstellte, und die im Juli 1948 errichteten Richtlinien zum Aufbau einer einheitlichen Sportbewegung tilgten mit dem Verbot der Namensgebung entsprechend der alten Sportvereinstradition auch die letzten Hoffnungen, die Vereinsstrukturen zumindest informell erhalten zu können. Die Veilchen hatten eine weise Entscheidung getroffen, wie sich nun herausstellte. Denn die Lila-Weißen hatten nach dem Krieg zunächst mit dem alten Polizeistadion in der Chausseestraße geliebäugelt, dort, wo die DDR 1950 das Stadion der Weltjugend errichten ließ. Schließlich entschieden sich die Veilchen jedoch fürs Mommsenstadion in Charlottenburg, das den Krieg weitgehend unbeschadet überstanden hatte. Tennis Borussia war ein West-Verein geworden.

Auch der im Oktober 1948 gegründete Deutsche Sportausschuss – eine gemeinsame Organisation von FDGB und FDJ – war den Parteifunktionären suspekt. Der Sport entwickle sich, so befürchteten die Genossen, zum Schlupfwinkel für reaktionäre Kräfte der Vergangenheit. Edith Baumann vom ZK resümierte 1951:

Die Genossen haben bisher vielfach noch immer die Sportler als eine reaktionäre Masse betrachtet und die Entwicklung des Sports unter dem Gesichtspunkt der Gewinnung und Überzeugung der ehemals bürgerlichen Sportler betrachtet.

Das Misstrauen war grundsätzlicher Natur. Denn hatte man nach dem Kriegsende noch vor den Erfahrungen des Arbeitersports und der schnellen Gleichschaltung des bürgerlichen Sports 1933/34 argumentiert, steht nun, im April 1952, die Unterstellung des Sportbetriebs in der DDR unmittelbar unter die Kontrolle der SED zur Debatte, und damit auch der Strukturen des mehr oder minder unabhängig agierenden Arbeitersports.

Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen, als Ernst Lemmer am 11. April 1952 seine Festrede für die Lila-Weißen hält. (Die Errichtung des Staatlichen Komitees für Sport und Köperkultur wird wenig später am 24. Juli 1952 verkündet.) Sport kennt, so Lemmer in Richtung Ostberlin, weder Sektorengrenzen noch Zonengrenzen noch Landesgrenzen. Die völkerverbindende Kraft des Sports ist so klar, dass darüber kein weiteres Wort zu verlieren ist. Lemmer ist nicht irgendwer. Zusammen mit Jakob Kaiser gehört er zu den Gründungsmitgliedern der Ost-CDU, deren zweiter Vorsitzender er seit 1947 war. Außerdem war er dritter Vorsitzender des FDGB sowie Vizepräsident des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands. Als Kaiser und Lemmer Ende 1947 die Beteiligung der CDU am Deutschen Volkskongress der SED verweigerten, wurden sie von der sowjetischen Militärverwaltung kurzerhand ihrer Ämter enthoben. Die beiden Ex-Vorsitzenden setzten ihre politische Arbeit in Westberlin fort, wo Lemmer seit 1950 Fraktionsvorsitzender der CDU im Abgeordnetenhaus ist. Später avanciert er unter Adenauer zum Bundesminister für Post- und Fernmeldewesen (1956 – 57), zum (1957 – 62) sowie unter Erhard zum Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte (1964 -65). Von 1966 bis 1969 amtiert er für als Sonderbeauftragter für Berlin.

Ausgestattet mit dieser Vita rückt Ernst Lemmer immer wieder in den Fokus der DDR, v. a. seine Rolle als Journalist während des Dritten Reichs gerät zum Gegenstand von Angriffen.Ernst Lemmer. Goebbels-Journalist, Nazi-Spitzel, Revanche-Minister, heißt eine Broschüre aus dem Jahr 1964. Er habe als Journalist für ausländische Zeitungen den Nationalsozialismus und den Krieg verherrlicht, lautet der Hauptvorwurf. Vorwürfe, die das -Blatt Telegraf bereits 1947 publiziert hatte. Schon damals hatte sich Lemmer energisch gegen diese Anwürfe verwahrt. Er habe nur die offiziellen Ansichten der Wilhelmstraße an seine ausländischen Auftraggeber weitergeleitet, wie das alle Auslandskorrespondenten gemacht hätten, und sich jeden eigenen Kommentar dazu verkniffen. Auch die Redaktion des „Telegraf“ und ihr nahestehende Persönlichkeiten würden dann ihr blaues Wunder erleben. Ich verzichte darauf, mich auf diese Weise zu revanchieren. Die DDR-Propaganda des Jahres 1964 unterschlägt auch Entlastendes. So wurde er vom Sicherheitsdienst / SD der Nazis verdächtigt, dem Widerstand um die so genannte Rote Kapelle anzugehören, nachdem sowjetische Funksprüche abgefangen worden waren, die ihn namentlich erwähnten.

Lemmer blickt auf eine außergewöhnliche Lebensgeschichte. Seinen politischen Kurs bezeichnet Lemmer sehr bündig als „links“ zu Beginn und als „eher konservativ“ heute. 1915 meldete er sich 16jährig freiwillig zur Teilnahme am 1. Weltkrieg. Er stand in den Schützengräben von Ypern. Als es der deutsche Kommandant der von den Franzosen eingeschlossenen Festung Douaumont nach schwersten Verlusten seinen Untergebenen freistellte, sich zu ergeben, führte Lemmer in der Nacht vom 23. Auf den 24. Oktober 1916 einen Ausbruchversuch an, erzählt er 1966 in einem Interview einem französischen Radiosender. Erst vor den eigenen Linien fanden die Versprengten beinahe den Tod. Es waren Bayern, die verstanden mich nicht. Der junge Mann empfahl sich für eine Offizierslaufbahn, weil aber seine Vorgesetzten sozialdemokratische Zeitungen bei seinen Habseligkeiten fanden, wurde er vom Offizierskurs zurückgestellt. Erst kurz vor Kriegsende rückte er zum Leutnant und Kompaniechef auf. In den Wirren der Räterepublik wurde er 1918 zum Vorsitzenden eines Soldatenrates gewählt, im gleichen Jahr gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der liberalen Deutschen Demokratischen Partei / DDP und des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold. Von 1919 bis 1922 studierte er in Marburg Theologie, Geschichte und Volkswirtschaft. Im März 1920 erschütterte der Kapp-Putsch die junge Weimarer Republik.  Lemmer griff erneut zu den Waffen. Zusammen mit seinem Kommilitonen Gustav Heinemann (dem späteren Bundespräsidenten) stellte er ein Bataillon aus Arbeitern und Studenten zusammen, requirierte eine Lokomotive nach Thüringen und beteiligte sich an der Niederschlagung der Rechtsextremisten. Von 1922 bis 1933 wurde er Generalsekretär des Gewerkschaftsringes Deutscher Arbeiter, Angestellter- und Beamtenverbände (Hirsch-Dunker), 1924 zog er als jüngster Abgeordneter für die DDP in den Reichstag, und im Januar 1925 trug ihn der Berliner Tennis-Club „Borussia“ ins Vereinsregister ein, wo er für eine der unteren Mannschaften gegen den Ball trat.

Ernst Lemmer

Lemmer (zweiter von links), im Fußballstadion von Berlin-Tempelhof neben Vizekanzler Dietrich, 1931. Foto: unbekannt; Quelle: Ernst Lemmer: Manches war doch anders. Erinnerungen eines deutschen Demokraten. Frankfurt am Main 1968.

Am 23. März 1933 stimmte Lemmer mit seiner Fraktion für das Ermächtigungsgesetz der Regierung Hitler, in der törichten Hoffnung, dass die Diktatur Hitler durch die Schaffung einer gesetzlichen Grundlage eine legale Begrenzung erfahren würde, wie er sich in seiner Autobiographie erinnert. Der so ermächtigte „Führer“ schloss seine Rede, mögen Sie, meine Herren Abgeordneten, nunmehr selbst die Entscheidung treffen über Frieden oder Krieg. Ernst Lemmer wurde dennoch von den Nazis aus dem Reichsverband Deutscher Presse ausgeschlossen, durfte aber nach einem kurzen Auslandsaufenthalt für einige ausländische Zeitschriften schreiben, u. a. für den belgischen Soir, den ungarischen Pester Lloyd sowie die schweizer Neue Züricher Zeitung. Seine Rolle im so genannten „Dritten Reich“ der Nazis ist schwer endgültig zu beurteilen. Lemmer spielte sicherlich ein Doppelspiel, schreibt der amerikanische Historiker Walter Laqueur, er verherrlichte zwar deutsche Siege in Russland, ich weiß aber andererseits zuverlässig von einem seiner Reisegefährten, dass bei einer Ende 1941 vom Propagandaministerium organisierten Reise an die Ostfront Lemmer zu später Stunde und leicht angetrunken sich ans Klavier setzte und zum Erstaunen der anwesenden Nazigrößen spielte. „Völker, hört die Signale! Auf zum letzten Gefecht!“ Schwerer wiegt freilich, was Laqueur von einem Redakteur der Neuen Züricher Zeitung berichtet bekam:

Lemmer sprach [im Juli 1942] von sich aus davon, dass die Ausrottung der Juden in der radikalsten Form betrieben, dass unvorstellbare, noch nie dagewesene Schandtaten begangen werden … Immer wieder kam Lemmer darauf zurück, es sei unbegreiflich, dass die Alliierten dazu schweigen, statt ihre Völker über diese Ungeheuerlichkeit aufzuklären und die ganze Welt zu alarmieren.

Lemmers Interventionen verhallten ohne Resonanz, denn die Alliierten befürchteten, dass er eine Marionette der Nazis sei, mit der Strategie, die Alliierten zu provozieren, damit sie sich in der Frage des Schicksals der Juden in Polen, an der sie in Wirklichkeit nichts tun und nichts ändern konnten, stärker engagierten, worauf dann die deutsche Propaganda ein großes Geschrei erhoben hätte, dass die britischen und amerikanischen Soldaten für die Rettung der Juden kämpften und sterben müssten. … Die Nazis hatten immer geglaubt, dass, würfen sie die jüdische Frage als Zankapfel zwischen die Alliierten, es ihnen gelingen würde, den Kampfgeist der britischen und amerikanischen Soldaten zu unterminieren.

Nun aber: Geburtstag haben die Veilchen, und nach Lemmers streitbarer Rede im Schiller-Theater steht endlich Sportliches auf dem Programm. Auch Schalke kommt. Zuerst aber bitten die Wiener zum Ball.

Berlins Meisterelf ist just zu den Endspielen wieder in Form gekommen. Und weil diesmal die Abwehr zuverlässiger war, spielte die Mannschaft eine noch bessere Partie als jüngst im Entscheidungsspiel gegen Union.

30 Minuten lang drücken die Wiener, und Hanappi beschließt den Sturm und Drang mit dem Führungstreffer. Aber den Wienern fehlen Vollblutstürmer wie oder Graf, der in der besten Form seines Lebens ist.

Mittelstürmer Graf gelang durch beherzten Nachschuss nach 40 Minuten das Ausgleichstor, und 100 Sekunden vor dem Pausenpfiff krönte Schmutzler das schöne Spiel durch eine aus Rechtsaußenposition abgefeuerte Bombe, die Musil den linken Arm förmlich nach hinten schlug.

Unmittelbar nach Wiederanpfiff schubsen sich Graf und Schmutzler das Spielgerät hin und her, dass es eine Pracht ist, und Horst vollendet mit gewohnter Lässigkeit! 3:1! Tennis war auf dem Siegesmarsch und Rapids Unruhe wuchs.

Aus Freundschaft wird unversehens Kampf. Immer wieder stoßen Schmutzler und der Wiener Golobic aneinander, aber das größte Foul leistete sich Wiens Halblinker , als er in der 65. Minute den im Lauf befindlichen Warstat vorsätzlich verletzte. Warstat schied aus, erhielt von Zacher, der einmal Berlins bester Schiedsrichter war und heute drittklassig ist, nicht einmal eine Verwarnung. Es steht bereits 3:1 für die Veilchen, und die Wiener nutzen geschickt die Unterzahl der Lila-Weißen bis nach wertvollen Minuten endlich Hausmann für Warstat das Feld betritt, um 3:2 aufzuschließen. Hätten die TB-Betreuer nicht tief am Spielfeldrand geschlafen, dann wäre Rapid vermutlich geschlagen worden!

Der Krimi auf dem Rasen lässt den Zuschauern den Atem stocken.

Tennis verstärkte die Deckung, ohne jedoch zu „riegeln“. Da kam jener Zwischenfall, der das Spiel zerriss. Rapids bester Stürmer Dienst holte auf und bei einem Gedränge vor dem Tor war Steinbeck nicht im Bilde: 3:3 durch Dienst. Probst wurde verletzt und durch Müller ersetzt. Rapid griff noch einmal an, aber hatte Glück: Grafs Kopfstoß lag etwas zu hoch, und Schmutzler Bombe lenkte Rapids Torwart Musil gerade zur Ecke. In den Schlussminuten verteidigte Schmutzler; die Ermüdung der Stürmer war offensichtlich.

Abpfiff. 3:3. Presse und Zuschauer sind vom Kampf begeistert.

Den Kampfgeist vermisst eine Dame hingegen bei Ernst Lemmer. Februar 1955 – der Ring politischer Jugend lädt zu einer Podiumsdiskussion. Wiedervereinigung – noch eine Chance? Das Publikum ist bunt gemischt, angriffslustig. Neben der Jugend, interessierter und kampffreudiger, Grauköpfe, ältere Damen. Dazu, wohl verteilt, Grüppchen kommunistischer Marschierer. Auf dem Podium Lemmer (CDU), Kurt Neubauer (SPD). Lemmer damals, in der Weimarer Republik, der Filius unter den Volksvertretern, Neubauer ist heute im Bonner Bundestag der Jüngste. In der hitzigen Debatte gibt sich Lemmer altersweise, ausgleichend.

„Sie sind ja in Berlin als ewig ausgleichender Typ bekannt“, wirft eine Dame aus der ersten Reihe ein.

Worauf Lemmer repliziert:

„Früher, in der Weimarer Republik – gut, dass Sie mich da nicht gehört haben –, da war ich sehr wild, so wie ich im Fußball bei Tennis-Borussia vor dreißig Jahren immer im Sturm halblinks gespielt habe.“

Ernst Lemmer

Lemmer (links), im Olympia-Stadion neben Fritz Walter und Helmut Schön, 1961. Foto: unbekannt; Quelle: Ernst Lemmer: Manches war doch anders. Erinnerungen eines deutschen Demokraten. Frankfurt am Main 1968.